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Verpackungsmüll:Freiheit für die Gurke

Die Gurke hat Kühlschrankverbot

Gurken bestehen vor allem aus Wasser. Im Supermarkt sind sie häufig in Kunststofffolie verpackt. Der Discounter Aldi will von April an darauf verzichten.

(Foto: Andrea Warnecke/dpa)

Der Discounter Aldi schafft die umstrittene Folie für Salatgurken ab. Viele Händler tun sich damit noch schwer. Warum eigentlich?

Von Vivien Timmler

Die Gurke ist von Natur aus nicht gerade ein robustes Gemüse. Da sie zu 96 Prozent aus Wasser besteht, können ihr Stöße oder Hitze schnell etwas anhaben. Zum Glück hat sie eine Haut, die sie davor schützt. Beziehungsweise: gleich zwei davon. Denn Supermärkte und Discounter spendieren der Gurke für gewöhnlich eine zweite Haut. Eine aus Plastik.

Bei Aldi soll damit nun Schluss sein. Der Konzern will ab April auf die Plastikfolien verzichten. Der Konzern hofft, so etwa 120 Tonnen Kunststoff im Jahr einzusparen. Das ist eine ganze Menge, schließlich ist die Salatgurke hinter Tomaten und Karotten das drittliebste Gemüse der Deutschen. 5,1 Kilogramm pro Kopf werden in Deutschland jedes Jahr verzehrt.

Doch obwohl sich die Debatte häufig an den Plastikfolien für Gurken entzündet und Umweltschützer vehement für ihre Abschaffung kämpfen, wollen einige Konzerne noch immer nicht auf die Plastikmäntel verzichten. So will Kaufland diese zwar ebenfalls vermeiden, der Discounter Lidl, der wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehört, hingegen nicht. Die Supermarktkette Edeka sagt zwar von sich selbst, "die meisten Gurken" unverpackt anzubieten, überlässt die Entscheidung darüber aber ihren 3800 selbständigen Einzelhändlern - in vielen Märkten zeigt sich daher ein anderes Bild. Rewe hat für Bio-Gurken zwar die Folien abgeschafft, verpasst diesen nun aber breite Klebe-Etiketten - und konventionelle Gurken werden weiter in Plastik gehüllt, wenn sie aus Spanien stammen.

Vielen Verbrauchern erscheint es absurd, einem Lebensmittel, das durch seine natürliche Haut geschützt wird, eine zweite zu verpassen. Verpackungsexperten verteidigen den Gurkenschlauch jedoch vehement: Im Schnitt halte eine verpackte Gurke drei Tage länger als eine unverpackte. Der Plastikmantel schütze das Produkt vor dem frühzeitigen Verderben. Da Gurken zum Erntezeitpunkt noch eine aktive Zellatmung besitzen, würden sie während des tagelangen Transports ohne Verpackung schnell extrem viel Wasser verlieren - und dann schrumpelig und labbrig im Supermarktregal liegen, wo der Kunde sie nicht mehr kaufen wolle. Das könne ein Grund für Lebensmittelverschwendung sein.

Eine Lösung für das Problem lautet: Regionalität. Dauert der Weg der Gurke vom Feld zum Supermarktregal nur ein bis zwei Tage, erledigt sich das Problem von selbst. So schnell fängt eine Gurke nicht an zu schrumpeln. Schwierig war der Verzicht auf den Plastikschlauch hingegen bislang tatsächlich in den Wintermonaten, wenn die Gurken etwa aus Spanien importiert werden. "Unsere Gurken sind im Schnitt vier bis fünf Tage unterwegs, bevor sie aus Spanien in den Regalen der Märkte landen", sagt etwa ein Sprecher von Aldi. Bei dem Discounter habe nun jedoch ein mehrmonatiger Test ergeben, dass mit leichten Anpassungen bei Transport und Logistik die Gurken auch ohne Folie frisch bleiben. Die Verpackung sei also auch bei importierten Gurken nicht länger nötig. Eine Rewe-Sprecherin hingegen sagt, eine solche Umstellung sei "aufgrund der weitaus höheren Komplexität der Beschaffung bei konventioneller Ware nicht so schnell umsetzbar wie dies bei den Bio-Gurken ist".

Ganz freiwillig stellen die Konzerne ihre Plastikpolitik allerdings nicht um: Sowohl von der Europäischen Union als auch von der deutschen Regierung wurde in den vergangenen Monaten ein Verzicht auf Plastikprodukte und -verpackungen forciert. Dazu zählt etwa ein Verbot von zahlreichen Einweg-Plastikartikeln oder die Reduzierung des Plastiktütenverbrauchs. Derzeit fallen in Deutschland jedes Jahr 220 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf an. Umweltministerin Svenja Schulze will das ändern. Auch für sie gibt es ein Paradebeispiel für überflüssige Verpackungen, wie sie unlängst sagte: die in Plastik eingeschweißte Gurke.

© SZ vom 22.03.2019
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