Silicon Future:Wenn die Hochkultur verblüht

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An dieser Stelle schreiben jeden Dienstag Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Bringt die zunehmende Komplexität und Vernetzung die Zivilisation an ihr Ende? Dafür gibt es überzeugende Argumente, aber auch Gegenmittel.

Von Helmut Martin-Jung

Heute schon gegruselt? Okay, ist nicht so schwer dieser Tage. Im Westen Deutschlands haben Naturgewalten binnen Stunden Milliardenschäden verursacht, die Wälder brennen - in Kalifornien, in Europas Süden und im fernen Osten, in Sibirien. Der Nachschub an Baustoffen, Chips und anderen Dingen ist ins Stocken geraten. Noch ist das alles irgendwie beherrschbar. Es ist beherrschbar, weil alles andere noch funktioniert: Die örtlichen Helfer werden unterstützt von Helfern aus anderen Landesteilen oder Ländern, die Kommunikationsinfrastruktur, die Versorgung mit Strom und Wasser in den Hochwassergebieten werden wieder aufgebaut und die Versorgungsengpässe - so hofft man - wieder beseitigt.

Doch was, wenn das nicht mehr möglich wäre? Wenn es zu großflächigen Zusammenbrüchen käme? Wenn die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufhören würde zu existieren? Der Autor Thomas Grüter hält das nicht nur für möglich, sondern sogar für sehr wahrscheinlich - wenn die Welt so weitermacht wie bisher.

Grüter ist ein vielseitig gebildeter Mann. Er hat Medizin studiert, einige Jahre als Arzt im Krankenhaus gearbeitet und zur menschlichen Kognition geforscht. Er lehrt Psychologie an verschiedenen Universitäten und schreibt Sachbücher. In "Offline", das jetzt in einer Neuauflage erschienen ist, zeigt er anhand vieler Beispiele, dass die derzeit herrschende globale Hochkultur jederzeit verschwinden könnte.

Dazu braucht es nicht einmal globale Katastrophen wie etwa den Ausbruch des Supervulkans unter dem Yellowstone Nationalpark oder den Einschlag eines Asteroiden wie den, der vor 66 Millionen Jahren die Ära der Dinosaurier jäh beendete. Das römische Imperium ist schließlich auch nicht mit einem Donnerschlag verschwunden, sondern allmählich untergegangen. Auch andere Hochkulturen blühten auf und verschwanden wieder. Stets aber dachten die Menschen, es würde ewig so weitergehen.

In der zunehmend vernetzten Welt gerät alles aus den Fugen

Was die derzeitige Hochkultur an ihr Ende bringen könnte, ist nach Grüters Meinung ihre Komplexität. In der zunehmend vernetzten Welt gerät alles aus den Fugen, wenn die Warenströme plötzlich nicht mehr fließen, wenn wichtige Infrastrukturen wie das Stromnetz längere Zeit großflächig gestört sind. Besonders gefährdet ist das Internet. Obwohl als robustes Kommunikationsmittel erfunden, hat es doch eine Vielzahl von Schwachstellen.

Verließe man sich - wozu es Ideen gibt - überwiegend auf satellitengestütztes Internet, könnte etwa ein vom Weg abgekommener größerer Satellit oder gar eine willentlich ausgelöste Explosion eine Kettenreaktion auslösen - das sogenannte Kessler-Syndrom. Die Splitter treffen Satelliten, diese zerreißt es wieder in Splitter und so weiter. So könnten mit einem Schlag die relativ erdnahen Internetsatelliten zerstört werden.

Gut, wenn noch Kabel in der Erde liegen. Doch die müssen alle 30 Jahre ausgetauscht werden - und das ist teuer. Wie es überhaupt eine Unmenge an Geld kostet, die Infrastruktur, also all die analogen und digitalen Verkehrswege und Versorgungseinrichtungen in Schuss zu halten. In den USA, eigentlich einem sehr reichen Land, wird das gerade sehr deutlich. Brücken und Straßen sind in bedenklichem Zustand. Präsident Biden hat deshalb ein Billionen-Programm angekündigt. Mal sehen, wie weit er kommt.

Auch hierzulande bröckeln die Brücken, die digitale Infrastruktur hinkt anderen Regionen sowieso weit hinterher. Und dazu soll noch CO₂ eingespart werden, was darauf hinausläuft, vor allem auf Wind- und Sonnenenergie zu setzen. Die aber wird nicht konstant geliefert, um das komplexe Geflecht zu managen, braucht es - na klar: Vernetzung.

Viel zu tun also, enorm viel. Doch ist das im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit angekommen? Eher nicht. Das könnte fatal sein. "Wenn alle nur davon träumen, sich anstrengungslos durch ein angenehmes Leben treiben zu lassen, dann werden wir vermutlich bald ziemlich hart aufschlagen", schreibt Grüter. Er fordert Ziele wie etwa Kolonien auf dem Mond zu bauen.

Es könnte aber auch schon reichen, die Probleme auf unserem Planeten in wirklich großem Maßstab anzugehen. Nicht verzagt, nicht indem uns versprochen wird, es werde immer irgendwie weitergehen. Aber es ist zu schaffen.

© SZ
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