Vermögensverteilung So ungleich ist Deutschland

Deutschland ist ein reiches Land, aber die Vermögen sind ungleich verteilt. Wie sehr? Schätzen Sie mal!

Von Katharina Brunner und Sabrina Ebitsch

Ungleichheit ist sozialer Sprengstoff. Ungleichheit entscheidet Wahlen. Ungleichheit löst Kriege aus und Migration. Ungleichheit ist aber auch: Normalzustand. Weltweit. Und in Deutschland. Hier wird gern das Bild der Schere bemüht, um Ungleichheit zu charakterisieren. Öffnet sie sich tatsächlich immer weiter? Oder längst nicht mehr? Und ist nicht vor allem wichtig: Wie kriegt man sie wieder zu?

Mit diesen Fragen hat sich die SZ in den vergangenen Wochen im Projekt Die Recherche auseinandergesetzt, von heute an präsentieren wir Ihnen eine Woche lang die Ergebnisse (mehr zum Projekt lesen Sie unten).

Zum Auftakt dieses Dossiers haben Sie die Möglichkeit, sich selbst mit dem Thema Ungleichheit in Deutschland auseinanderzusetzen - und mit Ihren eigenen Erwartungen. Wie sind Ihrer Meinung nach die Vermögen in einem der reichsten Länder der Welt verteilt? An dem Regler können Sie Ihre Schätzung abgeben - und erfahren dann, wie es wirklich ist. Und wie nah Sie im Vergleich zu anderen an der Realität dran sind.

Der Wert stammt aus einer Studie der Deutschen Bundesbank. 4500 Haushalte wurden dafür zu ihrer finanziellen Situation befragt: Wie viel verdienen Sie? Besitzen Sie ein Haus? Oder Aktien? Haben Sie Schulden? Eine private Altersvorsorge?

Die Forscher konnten sich so ein Bild davon machen, wie es um die finanzielle Situation deutscher Haushalte steht - und kamen zu dem Ergebnis: "Die Vermögen sind weiterhin - gemessen an anderen Ländern im Euro-Raum - relativ ungleich verteilt."

Diese Grafik zeigt, dass das Vermögen ungleich verteilt ist

Dazu haben die Bundesbank-Ökonomen die befragten Haushalte in Gruppen eingeteilt: die ärmsten fünf Prozent, die zweitärmsten fünf Prozent, die drittärmsten fünf Prozent und so weiter - bis sie bei den reichsten fünf Prozent angelangt sind. Die Grafik zeigt die Grenzwerte zwischen den Gruppen.

Werden die Haushalte in eine reichere und ärmere Hälfte aufgeteilt, besitzt die Gruppe in der Mitte etwas mehr als 60 000 Euro. Doch das durchschnittliche Vermögen ist fast viermal so hoch. Denn ein Haushalt, der beispielsweise drei Häuser, ein Aktiendepot und zwei BMWs hat, zieht den Durchschnitt nach oben. Dieser große Unterschied zwischen dem Durchschnitt und dem, was ein mittlerer Haushalt tatsächlich auf der hohen Kante hat, ist ein erstes klares Indiz für eine ungleiche Verteilung. Nicht berücksichtigt wurde in der Studie allerdings - anders als die private - die staatliche Altersvorsorge: Die Rentenzahlungen federn im Alter einen Teil der Vermögensungleichheit ab.

Auch wenn die Schere sich bei den Arbeitseinkommen seit gut zehn Jahren nicht mehr weiter öffnet, bleibt Deutschland ein von Ungleichheit geprägtes Land - bei Einkommen und besonders bei Vermögen. Selbst im Vergleich mit den ebenfalls eher wohlhabenden OECD-Ländern liegt Deutschland bei der Einkommensungleichheit im Mittelfeld, die Ungleichheit beim Vermögen ist jedoch ausgesprochen hoch.

Und das hat Folgen. Nur zwei Beispiele: In Deutschland hängen die Aufstiegschancen stark davon ab, ob die Eltern studiert haben - und deshalb in der Regel besser verdienen. Und wer wenig verdient, kann kaum sparen oder sich eine private Altersvorsorge leisten. So steigt das Risiko von Altersarmut. Wie Einkommen und Vermögen verteilt sind, betrifft deshalb nicht nur das eigene Sparbuch, sondern die ganze Gesellschaft.

Die Recherche zur Ungleichheit in Deutschland

"Immer reicher, immer ärmer: Wie wächst Deutschland wieder zusammen?" Für diese Frage haben sich die SZ-Leser in der aktuellen Runde des Projekts Die Recherche entschieden. In diesem Dossier wollen wir sie beantworten: konstruktiv, indem wir neben einer Problemanalyse auch Lösungsansätze umreißen - mit 15 Beiträgen, die fünf Thesen folgen:

  • Armut und Ungleichheit sind eine Frage der Definition.
  • Nicht nur Armut, auch Reichtum ist ein Problem.
  • Raus aus der Blase: Wir brauchen mehr Miteinander, mehr Solidarität.
  • Wir müssen besser helfen, weil Helfen oft Teil des Problems ist.
  • Ungleicher Besitz ist verkraftbar - nicht aber ungleiche Behandlung.

Den Startschuss zur neuen Recherche-Runde haben die SZ-Leser in einer Online-Abstimmung gegeben, indem sie mit großer Mehrheit für die Frage nach der Ungleichheit in Deutschland votierten. Seitdem hat die Redaktion recherchiert und veröffentlicht diese Woche im Abschlussdossier die Ergebnisse auf SZ.de und in der Süddeutschen Zeitung: Reportagen und Interviews, Essays und Porträts, Videos und Grafiken. Dazu wird es interaktive Elemente geben, bei denen es um Ihre Erfahrungen geht.

Und natürlich interessiert uns Ihre Meinung - zu diesem Dossier, zu einzelnen Beiträgen und Themen, zum Projekt Die Recherche selbst, das ohne Sie, die Leser, nicht funktioniert. Schreiben Sie uns, diskutieren Sie auf Facebook, twittern Sie (#Scherezu). Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

*Anmerkung der Redaktion: Die nun aktualisierte Fassung des Textes wurde um eine Einordnung der Studienergebnisse ergänzt.