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Vermögensabgabe:Warum Reiche eine Reichensteuer fordern

Vermögensteuer Steuergerechtigkeit

Mehr Geld von denen, die Geld haben: Wohlhabende Deutsche setzen sich für eine Vermögensteuer ein.

(Foto: Reuters)

Sie überweisen jetzt schon mehr ans Finanzamt als andere pro Jahr verdienen. Doch gerade deswegen setzt sich eine Initiative reicher Deutscher für eine Vermögensabgabe und eine Vermögensteuer ein. Eva Stilz, Sozialpädagogin und Erbin, erklärt, warum sie gerne mehr Steuern zahlen würde.

Eva Stilz, 52, ist Sozialpädagogin, Erbin und Aktivistin. Sie ist wohl einer der wenigen Menschen in Deutschland, die der Meinung sind, zu wenig Steuern zu zahlen, und setzt sich für eine höhere Belastung derer ein, die deutlich mehr Geld als der Durchschnittsbürger haben. Stilz ist Mitglied in der Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe und Gründerin der Stiftung Gegensteuern.

SZ.de: Frau Stilz, lassen Sie uns über Steuern und Gerechtigkeit reden. Wie hoch ist die Summe, die Sie an den Fiskus abführen?

Eva Stilz: Ich zahle pro Jahr etwa 20.000 Euro Steuern.

Das Jahreseinkommen vieler Bundesbürger ist so hoch wie Ihre Steuerleistung.

Aber das ist immer noch relativ wenig: Ich habe durch eine Erbschaft Anteile an einem Unternehmen und dadurch Einkünfte von etwa 150.000 Euro im Jahr. Dieses Geld ist über die Körperschaftsteuer vorversteuert, sodass die restliche Summe von 130.000 Euro mir gehört. Aber um die Details kümmert sich meine Steuerberaterin.

Recherche

"Wie gerecht ist das deutsche Steuersystem?" Diese Frage hat unsere Leser in der ersten Abstimmungsrunde unseres neuen Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von am Ende mehr als zwei dutzend Beiträgen, die die Fragen beantworten sollen. Alles zum Thema Steuergerechtigkeit finden Sie hier, alles zu Die Recherche finden Sie hier.

Es ist doch erfreulich für Sie, dass Sie einen verhältnismäßig niedrigen Steuersatz haben.

Ich halte es aber für sehr ungerecht, dass Menschen mit einem hohen Einkommen wie ich so wenig Steuern zahlen. Ich bin für eine Anhebung des Spitzensteuersatzes und fordere als Mitglied in der Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe eine jeweils fünfprozentige Vermögensabgabe befristet für zwei Jahre. Das würde circa 150 Milliarden Euro für ökologische Projekte, Bildung oder die Erhöhung der Transferleistungen wie Hartz IV bringen. Ab dem dritten Jahr soll eine Vermögensteuer von einem Prozent erhoben werden, die in den Bundeshaushalt fließen soll.

Die Vermögensteuer ist umstritten - das Bundesverfassungsgericht hat sie 1995 gekippt.

In der damaligen Form war sie verfassungswidrig, weil Kapital, Betriebsvermögen und Immobilien sehr unterschiedlich besteuert wurden und das gegen den Gleichheitsgrundsatz verstößt. Das Gericht hat sich aber nicht grundsätzlich gegen eine Vermögensteuer ausgesprochen. Es stimmt auch nicht, dass die Verwaltungskosten die Steuereinnahmen gleich wieder auffressen würden. Unseren Schätzungen zufolge würde die Vermögensteuer etwa 15 Milliarden pro Jahr bringen.

Steueraufkommen

Woher kommt das Geld? Die Grafik schlüsselt das Steueraufkommen in Deutschland nach Steuerarten auf.

(Foto: sde)

Beruflich mit sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert

Viele reiche Menschen behielten dieses Geld lieber für sich. Warum Sie nicht?

Ich habe dieses Vermögen nur, weil ich vor einigen Jahren geerbt habe: Mein Opa hat den Betrieb gegründet, an dessen Gewinn ich beteiligt bin. Deswegen bin ich in der glücklichen Lage, nicht mehr arbeiten zu müssen. Aber zuvor war ich durch meinen Beruf stark mit sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert. Ich bin Sozialpädagogin und habe viele Jahre lang in einem Frauenhaus und in der offenen Altenhilfe gearbeitet. Dort habe ich Erfahrungen gemacht, die viele Menschen mit einem Einkommen wie meinem nie machen.

Wie haben Sie diese Erfahrungen geprägt?

Ich hatte viel mit Altersarmut zu tun und den sozialen Abstieg von Frauen erlebt, die schwierige Trennungen oder Gewalterfahrungen hinter sich hatten. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es Menschen, die in Hartz IV abgerutscht sind. Ich habe mich schon damals politisch engagiert und mich als Stadträtin für soziale Themen eingesetzt. Als ich durch die Erbschaft in dieser privilegierten Situation war, fühlte ich mich verpflichtet, auch privat umzuverteilen.

Und wie tun Sie das?

Ich besitze Immobilien, will aber eine soziale Vermieterin sein. Das heißt, ich gebe die Wohnungen zu nicht marktüblichen Preisen her, sondern nehme circa 25 bis 50 Prozent weniger von bedürftigen Mietern, die ich selbst aussuche. Ich vergebe zinsfreie Kleinkredite im Bekanntenkreis. Und ich bin zur GLS-Bank für ethische Geldanlagen gewechselt.

Ihre Initiative fordert seit Jahren Reformen im Steuersystem - bisher ohne Erfolg. Was würde es für Sie bedeuten, wenn Vermögensabgabe und -steuer eingeführt würden?

Das habe ich noch nicht ausgerechnet. Einen großen Unterschied im Alltag würde es aber nicht machen: Ich lebe verhältnismäßig bescheiden, habe keine Villa, kein dickes Auto und mache möglichst keine Fernreisen, aus ökologischen Gründen, aber auch weil ich mein Geld lieber anders investiere. Ich muss nicht unbedingt zeigen, was ich habe.