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Vermittlung von Dienstleistungen:Das bisschen Haushalt

Quadrat

Kisten schleppen, Kinder betreuen, putzen und reparieren: Man kann nicht alles selber machen. Plattformen vermitteln diese Dienstleistungen online. Aber je gefragter sie sind, desto weniger Chancen hat man, dass auch wirklich ein Handwerker kommt. Fotos: Imago

Die Plattform Taskrabbit bietet nun auch in Deutschland eine riesige Auswahl an Dienstleistern, die Blumen gießen, Möbel aufbauen oder Wäsche waschen. Gut für Kunden und Menschen, die Arbeit suchen. Oder?

Gelegentlich klingelt Stacy Brown-Philpot selbst, um eine Aufgabe zu übernehmen. Nicht immer erkennen Kunden sie, das ist gut so, denn sie macht das, um zu sehen, wie das Geschäft in der Praxis läuft. Brown-Philpot, ehemalige Google-Managerin, ist CEO von Taskrabbit, einer digitalen Plattform, auf der Menschen ihre Dienstleistungen rund ums Haus anbieten können: Blumen gießen, Bad putzen, Möbel aufbauen, alles, was dauert und nicht jedem Spaß macht.

Taskrabbit ist seit dem Herbst 2019 in Deutschland verfügbar, in Berlin und Brandenburg und im Rhein-, Main- und Ruhrgebiet. Der Ablauf ist simpel. Man kann online die Dienstleistungssparte wählen, angeben, was wie viele Stunden dauern wird und auch bestimmen, welches Arbeitsgerät mitgebracht werden muss. Sofort erhält man mehrere von der Firma als "Tasker" bezeichnete Menschen vorgeschlagen, die ihre Dienste nach selbst festgelegten Stundensätzen anbieten. Ein Beispiel: Wer in Kreuzberg seine Wäsche gemacht haben will, kann das für einen Preis zwischen 14,11 und 28,23 Euro pro Stunde von verschiedenen "Taskern" erledigen lassen. Bezahlt wird über die App, sogar Trinkgeld wird darüber gegeben.

Bisher ist Taskrabbit unter anderem in den USA aktiv, hat seinen Firmensitz im Silicon Valley. Das europäische Angebot wird von London aus geleitet, mehr als 60 000 "Tasker" bieten ihre Dienste an. Was die Plattform besonders macht: Seit 2017 gehört sie zum Möbelkonzern Ikea. "Dadurch haben wir eine relativ sichere Nachfrage", sagt Begum Zarmann, bei Taskrabbit für den deutschen Markt zuständig. Bei Ikea wird Taskrabbit mittlerweile als Hauptdienstleister beworben. Wie viel der Aufbau kostet, steht teilweise direkt am Sofa in der Ausstellung. Vor allem in den neueren Filialen ist Taskrabbit sogar der einzige Anbieter, über den man seinen Möbelaufbau im Laden buchen kann. Dass Zarmann den Start in Deutschland als "extrem gut", einstufen kann, liegt auch daran, dass die ersten Regionen danach ausgesucht wurden, wo es "viele potenzielle Kunden und Tasker gibt, wo es in beiderlei Hinsicht am einfachsten ist". In Berlin etwa gibt es viele Menschen, die Aufgaben übernehmen können, für Rheinland und Ruhrgebiet sprach, dass die Dichte an Ikea-Filialen hoch ist. Im Jahr 2020 will das Unternehmen in Hamburg, Stuttgart und München Dienste anbieten.

Dass überhaupt in Deutschland stärker Dienstleistungen in Anspruch genommen werden, ist ein Novum, sagt Birgit Malzahn. Sie besitzt ein Reinigungsunternehmen und ist Vorsitzende des Bundesverbands haushaltsnaher Dienstleistungsunternehmen. Sie kennt die Gründe für diesen Trend: "Die Dienstleistungen, die auf den Markt kommen, spiegeln die Defizite einer Gesellschaft wider." Die Zahl der älteren Menschen, die Hilfe im Alltag brauchen, steigt. Mehr Menschen arbeiten außer Haus, vor allem auch Frauen. "Früher haben nur Alte und Kranke Hilfe in Anspruch genommen. Die Generation heute definiert sich nicht mehr über Hausarbeit", sagt Malzahn. Es gibt kaum Zahlen dazu, wie viele Menschen Dienstleistungen anbieten oder nutzen. Grundsätzlich gebe es eine enorme Nachfrage nach Dienstleistungen rund um den Haushalt, und sie steige stetig. Dass nun eine neue Plattform das Geschäft verändern könnte, bereitet ihr keine Sorge. Das war schon mal anders: Als die Putzkraftvermittlungsplattformen Helpling und Book a Tiger auf den Markt kamen, habe in ihrer Branche "große Hysterie" geherrscht, man hatte Angst, um die Mitarbeiter und Kunden, sagt Malzahn. Von Taskrabbit hört sie zum ersten Mal. Aber der Markt, ist sie überzeugt, sei groß genug für alle.

Wie bei allen Plattformen entsteht allerdings ein Problem: Die Firma ist nur Vermittler, nicht Verantwortlicher. Schon jetzt ist im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen der Anteil nicht gemeldeter Arbeitskräfte und die geschätzte Anzahl an Schwarzarbeiterinnen so hoch wie in wenigen Bereichen: Drei Millionen Menschen, so Schätzungen, putzen unangemeldet und ohne Steuern zu zahlen.

Drei Millionen Menschen, so Schätzungen, putzen unangemeldet und ohne Steuern zu zahlen

Zwar muss, wer sich bei Taskrabbit anmeldet, ein polizeiliches Führungszeugnis und einen Gewerbeschein vorlegen und wird von Kunden bewertet. Die Gefahr, dass über die Plattform unseriöse Angebote vermittelt werden, dürfte begrenzt sein. CEO Brown-Philpot betont auch gern, dass man über dem Mindestlohn liege. Aber: Die Preise variieren, geworben wird mit Hilfe, die man bekommt, "ohne dein Budget zu sprengen" und man kann beim Buchen ein "Tolles-Preis-Leistungs-Verhältnis" auswählen, was im Geschäftskontext nichts anderes heißt als: günstig. Zwar sind 23 Euro ein häufig angezeigter Stundensatz. Aber ein günstigerer "Tasker" steht direkt darüber und darunter. Und was nicht zu sehen ist: 15 bis 25 Prozent vom Preis erhält die Plattform.

"Tasker können alle sein - vom Handwerker, der neue Kunden sucht, über den Vater, der zwischendurch ein paar Stunden Zeit hat, bis zum Rentner, der sich etwas dazu verdienen möchte", sagt Zarmann. Doch genau darin, dass jeder komplett selbstverantwortlich ist, liegt das Problem. Rente, Urlaub, Unfallversicherung, das alles sind Themen, die jeder "Tasker" für sich regeln muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die dringend auf der Suche nach Einnahmen sind und kein Kleinunternehmen gründen, um professionell Wäsche zu waschen, sondern das über solche Plattform tun, steigert die Gefahr, dass Sozialabgaben kaum eine Rolle spielen. Zumal die Wahrscheinlichkeit hoch sein dürfte, dass zu den häufig gebuchten Aufgaben solche gehören, die mit hoher Verletzungsgefahr einhergehen - Stichwort Umzugshelfer. Darauf angesprochen sagt Zarmann, dass es bei Taskrabbit eine "happiness flat" gibt - die gilt aber vor allem für die Kunden.

Malzahn sieht genau in diesen Problemen eine Marktlücke. Ein Teil der Kunden, sagt sie, suche gezielt Agenturen heraus, um Schwarzarbeit zu vermeiden. Und: "Man kann viel technisch lösen, das Matching und so weiter. Aber letztendlich arbeiten die Menschen in der eigenen Wohnung - und wer regelmäßig zu mir kommen darf, das hat viel mit persönlichem Eindruck und passender Chemie zu tun. Und wenig mit Automatisierung."

© SZ vom 31.12.2019
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