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Nafta-Reform:Was Europa von Justin Trudeau lernen kann

FILE PHOTO: U.S. President Donald Trump is greeted by Canada's Prime Minister Trudeau as he arrives at the G7 Summit in Charlevoix

Trudeaus Trick: Lächeln, in Details nachgeben, sich aber nicht einschüchtern lassen.

(Foto: REUTERS)

Die Reform des Freihandels in Nordamerika ist ökonomisch nur ein Reförmchen. Aber Kanada zeigt, wie man mit Trump verhandeln kann.

Unter den vielen üblen Zeitgenossen, die einem im Lauf des Lebens so begegnen, ist der Klassenfiesling einer der schlimmsten. Er mobbt und schüchtert ein, er stiehlt Butterbrote und verteilt Backpfeifen, er schart Höflinge um sich und kann alles, was er will, durchsetzen - und das nur, weil er einen Kopf größer ist als die Mitschüler oder mit dem Erscheinen seiner ebenso schlecht erzogenen Brüder drohen kann.

Etwa so müssen sich Mexikaner und Kanadier gefühlt haben, denen Donald Trump über den Sommer eine Reihe von Änderungen am nordamerikanischen Freihandelsvertrag Nafta abgepresst hat. Nicht, dass ein Handelsabkommen nach 25 Jahren nicht überarbeitet werden dürfte. Dem US-Präsidenten ging es jedoch von Beginn an weniger um eine faire Modernisierung des Abkommens als darum, das eigene wirtschaftliche Übergewicht zu nutzen, um möglichst viele zusätzliche Vorteile für sein Land herauszuschlagen. Zur Rechtfertigung behauptete er, Mexikaner und Kanadier hätten die USA jahrzehntelang über den Tisch gezogen.

Das ist in dieser Pauschalität natürlich hanebüchener Unsinn, und daher ist bei der Neufassung des angeblich "schlechtesten Handelsabkommens, das die USA je geschlossen haben", auch nicht der angekündigte große Wurf herausgekommen, sondern ein kruder Mix aus Dirigismus, Kleinteiligkeit und Planwirtschaft. Er soll dazu beitragen, dass wieder mehr Industrieprodukte in den USA statt in Mexiko und Kanada gebaut werden, insbesondere Autos. Ob das gelingt, ist mehr als fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass sich Behörden und Hersteller im Gestrüpp der Quoten, Untergrenzen und Herkunftsbestimmungen verheddern und mit dem Versuch scheitern werden, Handelsströme per Dekret zu mikromanagen.

Rein ökonomisch gesehen werden die Folgen der Reform also überschaubar sein. Politisch jedoch ist der Abschluss der Verhandlungen für Trump ein gewaltiger Erfolg, denn er wird seine Anhänger - und wohl auch ihn selbst - im Glauben bestätigen, dass er tatsächlich der Welt härtester Verhandler ist und seinen Amtsvorgängern schlicht der Mumm fehlte, einen fehlerhaften Deal zu korrigieren. Wenige Wochen vor den Kongresswahlen ist das für den Präsidenten ein Pluspunkt, der auch bei globalisierungskritischen Demokraten Eindruck hinterlassen wird.

Genau hinschauen sollten jedoch auch diejenigen Amtskollegen in aller Welt, deren Verhandlungen mit Trump noch anstehen und die auch nach mehr als 20 Monaten, die der Präsident nun schon im Amt ist, noch kein Konzept gefunden haben, wie man mit diesem Mann umgeht. Da Trump Verträge einfach aufkündigt, Vorgaben der Welthandelsorganisation ignoriert und sogar Erpressung für ein legitimes Mittel der Politik hält, mag vielerorts die Versuchung groß sein, es ihm nachzutun und ebenfalls foul zu spielen. Das allerdings wäre tatsächlich das Ende jener Idee eines regelgebundenen freien Welthandels, der in den letzten Jahrzehnten Milliarden Menschen in aller Welt Wohlstand gebracht hat.

Vielleicht kann die Verhandlungsstrategie eine Blaupause für die Zukunft sein, die jetzt Kanadas Premier Justin Trudeau verfolgt hat: Er war zu Zugeständnissen im Detail bereit, ließ sich ansonsten aber nicht einschüchtern und verhinderte damit Veränderungen im Grundsatz. Trump reichte das, denn ihm geht es vor allem um Symbolik, die es ihm erlaubt, sich vor seinen Anhängern als Macher und eiskalter Interessenwahrer der USA aufzuspielen. Zwar mag sein Triumphgeheul für jedweden Verhandlungspartner enervierend sein. Wenn der größte Erfolg des Präsidenten aber die Umbenennung des Nafta-Vertrags in das Buchstabenungetüm USMCA ist, haben seine Gegenspieler allen Grund zur Gelassenheit.

© SZ vom 02.10.2018/bbr
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