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Verhaltensforschung am Bürger:Der Trick mit dem Spiegel

Ein Experiment der Cornell Universität zeigt: Hängt man Spiegel in Kantinen auf, greifen die Gäste seltener zu fetten Bagels und Doughnuts - sie sehen nämlich ihre überzähligen Pfunde. Der Spiegel gibt den Nudge. Ein anderes Beispiel findet sich auf der Herrentoilette des Amsterdamer Flughafens Schiphol - und nicht nur dort: Männer wollen zielen. Klebt man auf den Boden eines Pissoirs das Bild einer Fliege (es kann auch ein Fußballtor oder eine Zielscheibe sein), geht nicht so viel daneben.

Neu ist das alles nicht. Auch in Deutschland wird Nudging schon längst verwandt - in staatlichem Auftrag und selbstverständlich zu unserem Besten, wie die Bürgermanager stets beteuern. Wird eine Frau 50, bekommt sie automatisch eine Einladung zum Mammografie-Screening, damit Brustkrebs früh erkannt werden kann. Mit Termin und Ort. Das ist kein Zwang, das ist ein Nudge. Wer nicht hingehen will, lässt es eben bleiben. Alternativ könnte man Frauen einfach über Nutzen und Schaden des Röntgens informieren. Oder aber, wenn man denn überzeugt vom Sinn der Untersuchung ist, das Screening vorschreiben oder höhere Krankenversicherungsbeiträge von jenen fordern, die sich davor drücken.

"Der Bürger wird wie ein Schaf behandelt."

Das Nudging ist die sanftere Methode: Niemand soll zu seinem Glück gezwungen werden, aber nachhelfen möchte man schon. Die Verfechter dieses Paternalismus halten es für legitim, das Verhalten der Menschen zu beeinflussen, um ihr Leben besser, gesünder und länger zu machen. "Wichtig ist, dass die Verhaltensänderung ohne jeden Druck erzeugt wird, sie muss freiwillig erfolgen", sagt die Ökonomin Reisch, die sich vor allem mit Konsumverhalten und Gesundheitsfragen beschäftigt. "Nudges sind kein manipulatives Instrument, sondern transparent. Die Ziele, für die sie eingesetzt werden, müssen demokratisch legitimiert sein und die Wohlfahrt steigern."

Kritiker halten die Stupser hingegen eher für rüde Rempler und warnen davor, dass die Menschen bevormundet und entmündigt werden - ohne, dass sie es merken. "Der Bürger wird wie ein Schaf behandelt, wie jemand, den man von außen steuern muss, dem man keine vernünftige Entscheidung zutraut", findet der Psychologe Gerd Gigerenzer, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dem Forscher wäre es lieber, die Politiker würden auf Bildung setzen. So könnte man Kinder schon in der ersten Klasse mit gesundem Essen vertraut machen, ihnen später den Umgang mit Geld, Gesundheit, Alkohol und Handys beibringen. "In einer modernen Demokratie brauchen wir kompetente Bürger, nicht Menschen, die paternalistisch geleitet werden von der Wiege bis zur Bahre", ist Gigerenzer überzeugt.

Vielen Bürgern dürfte die Vorstellung nicht gefallen, dass sie mit raffinierten psychologischen Kniffen zur Vernunft gebracht werden sollen. Denn: Otto Normalverbraucher ist ein Homo sapiens, auch wenn er Schokolade liebt.

© SZ vom 11.03.2015/hgn
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