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Versicherungstarife:Verhaltensfrage

Eine Frau beim Joggen im Freien am Stadtrand von München. Mindestabstand zu den anderen muss eingehalten werden. Wegen d

Läuft bei ihr: Wer joggt, muss bei manchen Versicherungen weniger bezahlen. Aber ist das fair?

(Foto: Lako Press/Imago)

Bei manchen Tarifen spart man Geld, wenn man sich gesund ernährt und fit hält. Solche Verträge lohnen sich für die Versicherer anders, als viele denken.

Von Herbert Fromme, Köln

Wer besonders vorsichtig Auto fährt, erhält einen Rabatt bis zu 30 Prozent von seiner Kfz-Versicherung. HUK-Coburg und Allianz bieten solche Tarife schon länger an, andere folgen. Ähnliches gibt es auch in der Risikolebensversicherung: Wer sich fit hält und gesund ernährt, dem macht der Versicherer Generali Geschenke. Zum Beispiel bis zu 480 Euro für eine neue Apple Watch: "Erreichen Sie Ihre monatlichen Bewegungsziele und erhalten Sie so bis zu 20 Euro Cashback pro Monat (über einen Zeitraum von 24 Monaten)", wirbt der Versicherer.

Das ist schon eine Stange Geld. Die Generali bietet Vitality seit 2015 an. Bis heute nennt das Unternehmen keine Zahlen, wie viele Kunden sie dafür gewonnen hat. Doch sie investiert in teure Marketingaktionen.

Vitality wurde von dem südafrikanischen Versicherer Discovery entwickelt, die das System an andere Versicherer per Lizenz abgibt. In Kontinentaleuropa hat sich die Generali die Nutzung gesichert.

Die Deutschen sind hin- und hergerissen, wenn es um solche Versicherungspolicen geht, die verhaltensbasiert sind. Eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom unter 1004 Personen hat ergeben, dass 51 Prozent der Befragten vor allem die Versicherer als Profiteure der Verträge sehen. Allerdings: 48 Prozent glauben, dass personalisierte Verträge gerechter sind, weil der Einzelne stärker für sein Risiko einstehen muss. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 54 Prozent. Und 37 Prozent glauben, dass sie persönlich von solchen Verträgen profitieren würden, bei den jüngeren Befragen sind es sogar 44 Prozent.

Von einhelliger Ablehnung kann also keine Rede sein. Dennoch: Nach der empörten Debatte bei der Einführung 2015 bleibt bis heute ein gesellschaftliches Unbehagen über Versicherungsverträge, zu denen die Überwachung der Schrittzahl oder - in Zusammenarbeit mit Supermärkten und Versandhändlern - die Bewertung des Einkaufs nach gesund und ungesund gehören. Viele fürchten, dass die Verträge für Dicke, Kranke und weniger Fitte dann automatisch teurer werden oder sie keine Versicherung mehr finden.

Die Versicherer argumentieren, es handele sich um ein lohnendes Geschäft für beide: Der Versicherer muss weniger für Todesfälle bei Risikolebensversicherungen zahlen - der Kunde bleibt gesund und lebt länger.

Tatsächlich können solche Tarife sehr lukrativ für die Versicherer sein. Der Hauptgrund dafür liegt aber nicht darin, dass sie ihre Kunden mit dem Belohnungssystem erziehen. Das zeigen internationale Auswertungen.

Der eigentliche positive Effekt bei Vitality wie bei allen anderen verhaltensbasierten Policen ist die "positive Selektion", wie die Branche das nennt: Von vornherein schließen fast nur solche Kunden einen Vertrag ab, die ohnehin gesünder leben und fitter sind. Selbst Mitglieder von Vitality, die keinerlei Fitness-Maßnahme nachweisen, haben im Schnitt im Vergleichszeitraum eine um 20 Prozent niedrigere Sterblichkeit als Standard-Versicherte. Wenn sie dann auch noch anfangen, Sport zu treiben, sinkt die Sterblichkeit weiter.

Der Kernpunkt der Tarife ist also die Auswahl - die von den Kunden selbst vorgenommen wird. Das heißt aber auch, dass solche Tarife sich für die Versicherer nur dann lohnen, wenn nur ein kleiner Teil der Versicherten sie nutzt. Sobald die Mehrheit der Kunden einen fitnessbasierten Tarif wählt, verschwindet der Selektionsvorteil.

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