Verfahren gegen mehrere Unternehmen:Wenig Papiere, viel Vertrauen

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Seltsamerweise soll es beim Preis seit einer Weile nicht mehr darauf ankommen, wie das Wetter ist und wie die Ernte ausfällt oder wie sich Angebot und Nachfrage zueinander verhalten: Der Preis soll vergleichsweise hoch geblieben sein.

Die Ermittlungen des Bundeskartellamtes dürften zwar noch eine ganze Weile dauern, und die Details stehen noch lange nicht fest, aber ungefähr soll das Kartell so funktioniert haben: Vor etwa zehn Jahren sollen sich ein paar der Großen der Abpack-Branche darauf verständigt haben, dass weniger Wettbewerb mehr sei. Man müsse sich nur über den richtigen Preis verständigen. Schon nach kurzer Zeit sollen die meisten der anderen Betriebe sich dieser Einsicht angeschlossen haben.

Wenn Branchengerüchte stimmen, sollen sich am Ende zwischen achtzig und bis zu neunzig Prozent der großen und größeren Abpacker bei den Preisen verständigt haben. Und die restlichen, die nicht zum Kartell gehörten, sollen davon profitiert haben. Zeitweise soll die Gewinnmarge rasant in die Höhe gestiegen sein und sich mitunter verzehnfacht haben.

Das Kartell, berichtet ein Branchenkenner, habe ganz einfach funktioniert. Wenig Papiere, viel Vertrauen: Es soll eine Art Anführer gegeben haben, der beispielsweise vor den Bestellungen der großen Discounter-Ketten die Kollegen angerufen und den Wochenpreis ausgemacht habe. Die Angebote sollen sich dann nur um einen oder ein paar Cent unterschieden haben. Fällt das eigentlich keinem Großeinkäufer bei den Supermarktketten auf, wenn alle Angebote ungefähr gleich hoch sind?

Und was ist mit den Bauern?

Bei normalen Kartellen gibt es eine Art Täter-Opfer-Ausgleich. Betrogene Kunden können Schadenersatz verlangen. Aber wurden die Einzelhändler betrogen oder haben sie von hohen Preisen mitprofitiert, weil am Ende eh die Verbraucher zahlen? Und was ist mit den Bauern? Die mutmaßlichen Kartellbrüder sollen sogar festgelegt haben, welcher Landwirt an welche Abnehmer liefern darf.

Wenn Kartelle auffliegen, ist das oft einem Kronzeugen zu verdanken, der auspackt. Seit gut einem Jahrzehnt gilt in Europa eine sogenannte Kronzeugenregelung. Sie besagt, dass der Tippgeber ohne Sanktionen davonkommen kann, wenn er das Kartell anzeigt, bevor ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist oder der Täter mit einem solchen rechnen muss. Der Kronzeuge muss alles auf den Tisch legen. Gibt es so jemanden bei den Kartoffeln? Oder sind das alles nur falsche Anschuldigungen? Der Geschäftsführer einer der durchsuchten Firmen sagt, die Vorwürfe träfen nicht zu. "Wir haben kein schlechtes Gewissen, wir sind da relativ gelassen." Dass ein solches Kartell existiert habe, könne er sich auch gar nicht vorstellen.

Unvorstellbar? Das ist in solchen Fällen allerdings nichts Neues.

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