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Vereinigte Staaten:Dunkle Wolken über Kalifornien

Adlon Kongress 2020, Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Der US-Bundesstaat wäre - für sich gerechnet - die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt und wird wegen Firmen wie Apple, Disney und Google als Wiege der Zukunft gefeiert. Doch der Schein trügt: Es gibt gewaltige Probleme und immense Schulden - nicht nur wegen der Pandemie.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die erste Frage natürlich: Wie kann das sein? Wie ist es möglich, dass es einem Bundesstaat, der so sehr für Innovation und Erfolg steht wie Kalifornien, der Firmen wie Apple, Disney und Google beheimatet, der mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3,1 Billionen Dollar pro Jahr die, wäre es ein eigener Staat, fünfgrößte Volkswirtschaft der Welt wäre - wie kann das sein, dass es Kalifornien derart dreckig geht? Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit mit elf Prozent deutlich über den landesweiten 7,9 Prozent; 16,4 Prozent aller arbeitslosen Amerikaner leben in Kalifornien. 18,2 Prozent der 40 Millionen Einwohner gelten als arm, so viele wie in keinem anderen US-Bundesstaat.

"Es wird andauernd von einem Utopia geredet, das hier errichtet werden soll", sagt Kevin Kiley, der gerade als Abgeordneter der Republikaner im kalifornischen Parlament bestätigt worden ist: "Dieses Haus ist jedoch Stein für Stein abgetragen worden, und die Bewohner sind nun in den Kieselsteinen gefangen." Die Schulden werden in diesem Jahr laut Gavin Newsom um 54,3 Milliarden auf mehr als 150 Milliarden Dollar wachsen, die einzelnen Gemeinden und Bezirke sind zusätzlich mit insgesamt mehr als 400 Milliarden Dollar verschuldet. Newsom ist Demokrat, und seine politischen Gegner stellen ihn nicht nur wegen der strengen Restriktionen während der Coronavirus-Pandemie hin als den, der Kalifornien endgültig finanziell ruiniert.

Natürlich hat es den Bundesstaat an der Pazifikküste in diesem Jahr ganz besonders gebeutelt: Es gab die schlimmsten Waldbrände der Geschichte, die Luft ist wegen des Rauchs bisweilen derart schlecht, dass traditionelle Messwerte nicht mehr ausreichen. Seit sechs Monaten gibt es in Los Angeles jeden Tag Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus, bisweilen gewaltsame. Die Pandemie wütet hier noch immer.

In Los Angeles hat ein Drittel der etwa 650 000 Angestellten der Unterhaltungsindustrie seine Jobs verloren, und es sieht angesichts steigender Corona-Zahlen eher nicht so aus, als würde die Produktion bald wieder anlaufen. Die Verantwortlichen verlegen ihre Projekte deshalb dorthin, wo es eben möglich ist. Die Serie "Nine Perfect Strangers" etwa mit Nicole Kidman wird gerade in Australien gedreht.

Leute auf Parkbänken, Zelte unter Highways, manche liegen einfach auf dem Gehsteig

Schlimmer noch: Das Klischee der Leute, die nach Los Angeles kommen und sich so lange als Kellner verdingen, bis sie es in der Unterhaltungsbranche zu was gebracht haben, ist deshalb weltbekannt, weil es wahr ist. In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl dieser sogenannten low-paying service jobs um 867 000 auf 1,8 Millionen gestiegen; während der Coronavirus-Pandemie sind jedoch 374 000 dieser Arbeitsplätze weggefallen. Was soll einer tun, der weder hier noch dort Arbeit findet? Er muss entweder wegziehen, die Lebenshaltungskosten in San Francisco und Los Angeles gehören zu den höchsten der Welt - oder das tun, was einem wirklich auffällt in den vergangenen Wochen: Es schlafen Leute auf Parkbänken, sie bauen Zelte unter Highways auf oder liegen einfach auf dem Gehsteig rum. Knapp 30 Prozent aller Obdachlosen in den USA leben in Kalifornien.

Die Pandemie mag ein Katalysator der Krise sein, der Motor ist sie nicht. Es gibt ein gewaltiges strukturelles Problem, das sich am besten am Konzern erklären lässt, der sich gerade die Rechte auf Distribution des möglichen Coronavirus-Impfstoffs gesichert hat. McKesson, mit einem Umsatz von 231 Milliarden Dollar größter Pharmahändler der USA, hat seinen Firmensitz im Frühjahr 2019 von San Francisco ins texanische Irving verlegt und damit Zehntausende Mittelschichtjobs mitgenommen. Die Aufregung war eher gering, weil das Unternehmen eben keinen klangvollen Namen wie Facebook, Google oder Disney hat. Die Jobs fehlen dennoch.

Es gibt einen Wettbewerb unter Gouverneuren, Firmen in den eigenen Bundesstaat zu locken, und die lassen sich gerne mit Steuervergünstigungen beim Bau von Fabriken ködern. Gerade hat die Datenfirma Palantir ihren Umzug von Palo Alto nach Denver verkündet, Konzerne wie Uber, Apple und Tesla investieren in Texas - was der republikanische Gouverneur Greg Abbott seinem demokratischen Kollegen in Kalifornien genüsslich unter die Nase reibt. In den vergangenen zehn Jahren haben mehr als 13 000 Firmen Kalifornien verlassen, meist sind sie nur ein wenig nach Osten gezogen, also Arizona, Colorado, Nevada. Es ist einfach günstiger da.

Die hochbezahlten Jobs für hochbegabte Leute bleiben in den kalifornischen Metropolen San Francisco (Tech), Los Angeles (Entertainment) und San Diego (Biotech), und es bleiben jene Jobs, die den Reichen das Leben angenehmer machen: Putzleute, Bauarbeiter, Kellner. Was aber fehlt, das ist die Mittelschicht, und es ist verständlich: Wer zum Beispiel in San Francisco ein sechsstelliges Jahresgehalt bekommt, der kann sich dort eine Zwei-Zimmer-Wohnung (im Schnitt knapp 3000 Dollar pro Monat) leisten - im Norden von Irving, dem neuen Firmensitz von McKesson, gibt es dafür eine 350-Quadratmeter-Villa in Fahrradweite zum Konzern.

Die Menschen können auch von woanders aus arbeiten, sie müssen nicht mehr im Silicon Valley sein

Sie haben sich jahrzehntelang darauf verlassen, dass die Strahlkraft der Metropolen reicht, um qualifizierte Leute aus aller Welt anzuziehen, und das hat ja auch lange geklappt. Monströse Börsengänge und der Wertzuwachs von Konzernen wie Apple und Google haben während und nach der Finanzkrise 2008 das Schlimmste verhindert, und an Eliteuniversitäten wie Stanford, Berkeley oder Cal Tech haben sie den Nachwuchs nicht nur ausgebildet, sondern ein Netzwerk für später geschaffen.

Nur, und das führt nun zurück zur Coronavirus-Pandemie: Die Leute haben bemerkt, dass sie nicht mehr im Silicon Valley sein müssen, um für einen Silicon-Valley-Konzern zu arbeiten. 40 Prozent der Tech-Angestellten in der Gegend um San Francisco haben bei einer Umfrage im August gesagt, dass sie lieber an einem kostengünstigeren Ort leben würden - und Konzerne wie Pinterest, Salesforce und Google haben angekündigt, den Angestellten das ermöglichen zu wollen: über Heimarbeit, die nun während der Pandemie hinreichend getestet worden ist. Der Sehnsuchtsort Kalifornien ist eher zu einem Utopia geworden, das sich kaum noch jemand leisten kann.

Der Exodus könnte also auch nach der Pandemie weitergehen, mit verheerenden langfristigen Konsequenzen: Kalifornien fehlten dann die Steuereinnahmen der Mittelschicht, und das würde zu noch schlimmeren strukturellen Problemen führen. Die Reichen können ihre Kinder auf Privatschulen schicken und dann die horrenden Studiengebühren finanzieren, es fehlt jedoch Geld für die staatlichen Bildungseinrichtungen. Einer Analyse des California Accountability System zufolge sind nur 42,2 Prozent der Schüler in kalifornischen High Schools ausreichend vorbereitet auf eine Uni oder den Beruf - besondere Schwierigkeiten haben Kinder aus ärmeren Gegenden oder jene, deren Hautfarbe nicht weiß ist.

Wie es sein kann, dass es Kalifornien so dreckig geht? Nun, die Coronavirus-Pandemie, die auch in Kalifornien längst nicht vorbei ist, legt schonungslos offen, woran es bereits seit mehr als 15 Jahren krankt. Sie haben die Mittelschicht komplett vernachlässigt, weil sie geblendet waren vom Erfolg der Silicon-Valley-Unternehmen und innovativer Start-ups. Wie schwierig es werden dürfte, das zu ändern, zeigte die Wahl kürzlich. Die Kalifornier stimmten nicht nur über den Präsidenten ab, sondern auch über Mieterschutz und Festanstellungen der Fahrer von Unternehmen wie Uber, Lyft, Doordash und Instacart. Beides lehnten die Kalifornier mit jeweils mehr als 58 Prozent der Stimmen ab.

© SZ
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