Süddeutsche Zeitung

Ungleicher Verdienst:Die Gehaltslücke im Kopf

  • Die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen liegt bei 21 Prozent.
  • In neuen Studien, die der SZ vorab vorlagen, kommen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass diese Lücke auf Geschlechterstereotype zurückzuführen ist.
  • Um die Lohnlücke zu verkleinern, heißt es, müssten Männer und Frauen ihre Arbeitsstunden in den "karriererelevanten Jahren zwischen 30 und 40 deutlich angleichen".

Von Henrike Roßbach, Berlin

Die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen ist eine arbeitsmarktpolitische Konstante: Laut Statistischem Bundesamt liegt sie bei 21 Prozent. Drei neue Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlagen, zeigen nun, was diese Lücke hauptsächlich verursacht - und dass es auch eine Gehaltslücke im Kopf gibt, nicht nur im Arbeitsvertrag.

Auffällig ist dem DIW nach, dass die Gehaltslücke im Laufe des Erwerbslebens rasant wächst: Bei den unter 30-Jährigen beträgt sie neun Prozent, bei Beschäftigten über 50 Jahre 28 Prozent. Der Zeitpunkt, von dem an sich die Schere öffnet, fällt mit dem Zeitpunkt zusammen, zu dem Frauen im Schnitt ihr erstes Kind bekommen: 30 Jahre. Auszeiten, gefolgt von längeren Teilzeitepisoden, seien "eine sehr wesentliche Ursache" für die Gehaltslücke, sagt Katharina Wrohlich, eine der Studienautorinnen. Denn im Schnitt wird Teilzeitarbeit schlechter bezahlt als Vollzeit. Bestätigt wird der Effekt durch die umgekehrte Erkenntnis, dass sich die Löhne von Frauen ohne familienbedingte Teilzeit fast identisch zu denen der Männer entwickeln.

"Frauen kümmern sich nach wie vor hauptsächlich um die Sorgearbeit", sagt Wrohlich. Zwar arbeiteten heute deutlich mehr Frauen, weil der Staat die Kinderbetreuung massiv ausgebaut habe. Der Anstieg aber bestehe komplett aus Teilzeitarbeit. "Wenn sich allein der Staat und die Frauen die Sorgearbeit teilen, wird sich das auch nicht ändern." Um die Lohnlücke zu verkleinern, heißt es in der Studie, müssten Männer und Frauen ihre Arbeitsstunden in den "karriererelevanten Jahren zwischen 30 und 40 deutlich angleichen".

Akademikerinnen erwarten geringere Gehaltssprünge als männliche Kollegen

Kritiker betonen gerne, der "Gender Pay Gap" falle in sich zusammen, wenn Faktoren wie Teilzeit, Berufswahl oder Führungspositionen herausgerechnet würden. Tatsächlich bleibt aber selbst nach solchen Rechenoperationen eine "bereinigte" Lücke übrig.

Die DIW-Forscherinnen kommen in einer weiteren Studie zu dem Schluss, dass diese Lücke auf Geschlechterstereotype zurückzuführen ist: Denn ein Experiment hat gezeigt, dass sowohl Frauen als auch Männer es tatsächlich als gerecht empfinden, wenn Frauen für exakt dieselbe Arbeit ein geringeres Gehalt bekommen. "Der als gerecht empfundene Lohn liegt demnach für Männer um rund drei Prozent höher als der als gerecht empfundene Lohn für Frauen," heißt es in der Studie.

Allerdings gibt es Altersunterschiede: Unter 33-Jährige halten demnach noch gleich hohe Löhne für fair; erst Ältere finden es in Ordnung, wenn Frauen weniger verdienen. Ob das eine Generationenfrage ist oder eine im Laufe des Lebens erworben Einstellung, kann die Studie nicht beantworten. "Vermutlich ein bisschen von beidem", sagt Wrohlich.

Ebenfalls herausgefunden hat das DIW in einer dritten Studie, dass vor allem junge Akademikerinnen für ihr weiteres Berufsleben viel geringere Gehaltssprünge erwarten als Jungakademiker. Das aber kann wichtige Arbeitsentscheidungen von Frauen beeinflussen - und die Gehaltslücke verfestigen.

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Quelle:
SZ vom 04.03.2020/bepe
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