Bauern:Veganes Essen unerwünscht

Bauern: So ein hausgemachter veganer Linsenburger mit Tomate und Salat ist nicht jedermanns Sache.

So ein hausgemachter veganer Linsenburger mit Tomate und Salat ist nicht jedermanns Sache.

(Foto: Eduardo Lopez /imago images/Addictive Stock)

Der Autoversicherer LVM bietet seinen Mitarbeitern in diesem Monat auch vegane Speisen in der Kantine an. Das bringt bäuerliche Kunden auf die Palme.

Von Kaja Adchayan, Köln

Der Landwirtschaftliche Versicherungsverein Münster (LVM) ist ein ganz großer Autoversicherer und mit mehr als drei Millionen Fahrzeugen aktuell die Nummer vier im deutschen Markt. Doch gerade wird die Gesellschaft sehr unsanft an ihre Wurzeln in der Agrarwirtschaft erinnert und daran, dass man als Landwirtschaftlicher Versicherungsverein nicht so einfach den Fleischgenuss kritisieren darf.

Alles begann damit, dass der LVM beschloss, sich in diesem Jahr am sogenannten Veganuary zu beteiligen. Einen Monat lang können Mitarbeitende des Versicherers in der Kantine am Hauptstandort in Münster neben den üblichen Speisen auch vegane Gerichte essen. Bei der Belegschaft kommt das gut an.

Redaktionen, die bei Versicherern die Kanäle bei Twitter, Facebook oder LinkedIn mit Inhalten bestücken sollen, müssen immer um jeden sinnvollen Nachrichtenschnipsel kämpfen. Es gibt einfach nicht viel zu melden. Kein Wunder, dass in den offiziellen LVM-Kanälen breit über den Veganuary berichtet wurde - leider mit für den Versicherer sehr unschönen Folgen.

Denn Landwirtinnen und Landwirte fühlen sich von der Gesellschaft betrogen und drohen sogar mit der Kündigung von Versicherungsverträgen. Der LVM betreibe "widerliche Hetze" und sei eine "niederträchtige Firma", kommentierten erboste Nutzer auf den sozialen Kanälen des Versicherers.

Stein des Anstoßes war ein Post, in dem der LVM veranschaulicht hatte, was eine Million Menschen erreichen, wenn sie sich 31 Tage lang vegan ernähren. Das Ergebnis: 103 840 Tonnen CO2-Äquivalente sowie 6,2 Millionen Liter Wasser ließen sich einsparen, und 3,4 Millionen Tierleben blieben verschont. Die Zahlen basieren auf einer Untersuchung der Harvard University.

Die bäuerliche Community sieht in dem Beitrag, der inzwischen wieder gelöscht wurde, einen Angriff auf ihr Geschäftsmodell. Die Freien Bauern, eine bundesweite Interessenvertretung für bäuerliche Familienbetriebe, verlangen eine öffentliche Entschuldigung und die klare Positionierung des Versicherers zur Tierhaltung. Der Verband hat sogar schon ein Entschuldigungsschreiben formuliert, das Vorstandschef Mathias Kleuker unterschreiben und veröffentlichen soll. "Die bäuerliche Tierhaltung in Deutschland leistet einen wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherung", soll Kleuker erklären. "Bäuerliche Tierhaltung geht verantwortungsvoll mit den ihr anvertrauten Geschöpfen um", legen die Freien Bauern ihm in den Mund. Und er soll schreiben: "Wir entschuldigen uns bei allen Bäuerinnen und Bauern für die Beteiligung des LVM am Veganuary."

Es ist unwahrscheinlich, dass Kleuker sich diese Erklärung zu eigen macht. Aber der LVM zeigt sich in einem Brief an Kundinnen und Kunden zerknirscht: "Unser Social Media-Beitrag hat bei vielen unserer Kunden aus der Landwirtschaft zu Irritationen geführt, die wir gut nachvollziehen können." Noch dazu habe das Unternehmen das Thema schlecht aufbereitet und "diskussionswürdige Zahlen zitiert". Der LVM stehe für Offenheit und nicht dafür, Menschen einen Lebensstil zu empfehlen.

Der Versicherer will in diesem Monat weiterhin vegane Speisen in der Kantine anbieten. "Wir werden den Kantinenplan jetzt nicht ändern", sagte ein Sprecher. Allerdings könnte es sein, dass das Küchenteam aufgrund der öffentlichen Kritik von dem Vorhaben abrückt. "Das entscheidet das Team und nicht die Unternehmensführung", so der Sprecher.

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