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Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka:"Haben viel Vertrauen verloren"

Der Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka spricht über das Debakel mit dem Atommeiler Krümmel und relativiert die Hoffnung der Bundesregierung auf sinkende Strompreise.

Trotz der gerade beschlossenen Laufzeitverlängerung für 17 deutsche Atomkraftwerke weist die Energiebranche Forderungen nach sinkenden Strompreisen zurück. Es werde schwierig, die Preise stabil zu halten, kündigt Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka im Interview mit der Süddeutschen Zeitung an. "Ich rechne eher mit steigenden Preisen", sagt der Finne und geht damit auf Konfrontationskurs zu Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Wenige Monate vor dem Wiederanfahren des Pannenmeilers Krümmel räumt Hatakka Fehler ein: "Ich verstehe, dass sich die Leute Sorgen machen."

Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka: "Ich habe keine Illusion, wenn es um unser Image geht."

Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka: "Ich habe keine Illusion, wenn es um unser Image geht."

(Foto: Reuters)

SZ: Herr Hatakka, die schwedische Regierung verdonnert Vattenfall per Richtlinie dazu, grün zu werden. Warum treiben Energiekonzerne den nötigen Umbau eigentlich nicht freiwillig voran?

Tuomo Hatakka: Das sehen Sie falsch. Wir investieren ja schon eine Menge Geld in erneuerbare Energien. Wir sind bei Windenergie auf hoher See die Nummer zwei in ganz Europa. Aber die schwedische Regierung will nun, dass wir noch einige Schritte weiter gehen.

SZ: Sie zählen zu den größten Klimasündern. Mehr als 90 Prozent der Energieproduktion außerhalb Schwedens stammen aus fossilen Brennstoffen. Wundert Sie die Intervention der Politik wirklich?

Hatakka: Moment mal: das ist doch kein Problem von Vattenfall. Das ist eins von ganz Europa. Der Kontinent ist in weiten Teilen sehr abhängig von fossilen Brennstoffen. Das lässt sich beim besten Willen nicht über Nacht ändern. Es wird Jahrzehnte dauern, bis wir uns davon entscheidend lösen.

SZ: Überflutungen in Pakistan, Waldbrände in Moskau, das wärmste Jahr seit 130 Jahren: Wissenschaftler rufen die Energiebranche zu schnellerem Handeln gegen den Klimawandel auf. Sie leiten einen der größten Kraftwerksparks des Kontinents. Woher werden die Europäer 2030 ihren Strom bekommen?

Hatakka: Die Energiewelt wird anders aussehen als wir sie heute kennen. Wir sehen riesiges Potential bei Offshore-Windanlagen. Auch Wasserkraft und Sonnenenergie werden größere Rollen spielen. Aber mit einer Illusion möchte ich aufräumen: Wir werden im Jahr 2030 nicht auf eine völlig neue Welt schauen. Gas und Kohle werden wir noch lange brauchen. Und auch die Kernkraft wird in 20 Jahren in Europa noch eine wichtige Energiequelle sein.

SZ: In Schweden hat die Regierung nach vorübergehendem Atomausstieg den Bau neuer Kernkraftwerke genehmigt. Hoffen Sie langfristig auch in Deutschland auf eine Renaissance?

Hatakka: Ob Neubau oder nicht: Die Frage müssen die deutsche Politik und die Öffentlichkeit beantworten. Heute ist schwer zu sagen, ob sich das Bewusstsein in Deutschland langfristig ändern wird. Möglich ist das natürlich. Auch in Schweden war der Widerstand anfangs groß, aber ich wage da keine Prognose.

SZ: Nach Pannen stehen Ihre deutschen Meiler Krümmel und Brunsbüttel still. Der Fall Krümmel brachte Sie in die Schlagzeilen: Von der Notabschaltung haben Sie erst vom Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins und nicht von den eigenen Leuten erfahren. Die Empörung war riesengroß. Anfang 2011 soll Krümmel wieder ans Netz. Verstehen Sie die Angst der Anwohner?

Hatakka: Ich habe keine Illusion, wenn es um unser Image geht. Wir haben mit den Ereignissen in Krümmel vergangenes Jahr viel Vertrauen verloren. Es ist schwer, das zurückzugewinnen. Aber diese Fehler werden sich nicht wiederholen. Das garantiere ich. Wir haben die Anlage technisch komplett überprüfen lassen und unsere Organisation verändert. Es ist viel passiert. Eine solche Panne wird sich nicht wiederholen.

SZ: Die Grünen werfen Ihnen vor, Sie würden wegen knapper Kassen mit Risiken für die Bevölkerung spielen. Wenn so viel schiefgeht wie in Krümmel: Muss der Meiler dann nicht vom Netz?

Hatakka: Es ging bei den Problemen ja nicht um den Reaktor selbst. Es gab einen Kurzschluss in einem Transformator. Trotzdem: Ich verstehe, dass sich die Leute Sorgen machen. Ich kann nur sagen: Sicherheit ist unsere Priorität Nummer eins. Speziell in der Kernkraft. Wir machen da keine Kompromisse.

SZ: Bundeswirtschaftsminister Brüderle erwartet nach der Laufzeitverlängerung sinkende Strompreise für Verbraucher. Sie auch?

Hatakka: So einfach ist es nicht. Richtig ist: Die Laufzeitverlängerung wirkt langfristig dämpfend auf die Preise. Aber es gibt eben auch Effekte in die andere Richtung. Die Kosten für die Einspeisung erneuerbarer Energien, zum Beispiel, steigen rasant. Auch Emissionszertifikate für den Klimaschutz und die notwendigen Investitionen in intelligente Netze für den Transport erneuerbarer Energien werden teurer werden, weil der massive Ausbau der Netze zur Nutzung der erneuerbaren Energien letztlich bezahlt werden muss.

SZ: Noch einmal: Steigen oder sinken die Strompreise in Deutschland?

Hatakka: Vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen ist es schwierig, die Strompreise stabil zu halten. Momentan rechne ich eher mit steigenden Preisen. Das hängt aber von vielen Faktoren ab, die wir nur bedingt beeinflussen können - unter anderem die Förderung der erneuerbaren Energien. Diese Förderung ist sehr wichtig. Ich würde mir aber wünschen, dass die Politik nicht verschweigt, dass Klimaschutz seinen Preis hat. Den gibt's nicht zum Nulltarif.