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Handelsstreit:Diese deutschen Firmen werden von den US-Zöllen betroffen sein

Auch Äxte sind betroffen: Deutsche Werkzeughersteller fürchten um ihren Absatz in den USA.

(Foto: Jason Abdilla/Unsplash)
  • Die US-Regierung hat einzelne europäische Gewerbe herausgepickt, deren Waren bei der Einfuhr in die USA von Freitag an mit 25 Prozent Zollabgaben belegt werden sollen.
  • In Deutschland sind Produzenten optischer Linsen, Kaffeeröster und Werkzeughersteller betroffen.

Tobias Schmitt war geschockt, als er das Dokument auf seinem Computer aufrief, sagt er. Es war der 6. Oktober, der Tag, an dem die US-Regierung bekannt gab, gegen wen sie bald neue Strafzölle verhängen möchte. Für Tobias Schmitt, 35, war es der Tag, an dem seine Firma Adler, ein kleiner Betrieb aus Waghäusel bei Karlsruhe, in den Strudel der weltweiten Handelskonflikte geraten sollte.

Adler stellt Werkzeuge her, für Europa, aber auch für den US-Markt: Äxte, Beile, Vorschlaghammer. Bald könnte ihr Import in die USA mit 25 Prozent besteuert werden, schon am kommenden Freitag sollen die Zölle in Kraft treten.

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Hintergrund ist ein Konflikt, mit dem Schmitts Firma eigentlich gar nichts zu tun hat. Seit 15 Jahren streitet die EU mit den Vereinigten Staaten über die Frage, ob ihre jeweiligen Flugzeughersteller Airbus und Boeing unfair subventioniert wurden. Die Welthandelsorganisation (WTO) hat diese Frage im Fall Airbus mit Ja beantwortet und den USA genehmigt, EU-Produkte im Wert von 7,5 Milliarden Dollar mit einem Zoll von 25 Prozent zu belegen.

Wein aus Frankreich, Whisky aus Großbritannien, Werkzeug aus Deutschland

Das Weiße Haus hat daraufhin eine achtseitige Liste mit EU-Produkten veröffentlicht, die bezollt werden sollen. Gezielt hat die US-Regierung einzelne Gewerbe herausgepickt: Wein und Käse aus Frankreich, Whisky aus Großbritannien, Oliven und Muscheln aus Spanien. In Deutschland hat es Produzenten von optischen Linsen getroffen, Kaffeeröster und eben: Werkzeughersteller.

Der Betrieb von Tobias Schmitt, 35, fertigt in vierter Generation Äxte. Wenn die US-Zölle kommen, fürchtet er um sein mühsam aufgepäppeltes US-Geschäft.

(Foto: oh)

Im Gegensatz zu den Zöllen auf Stahl und Aluminium aus Europa, die US-Präsident Trump bereits verhängt hat, sind die neuen Strafzölle offiziell von der WTO genehmigt. Der Firma Adler hilft das natürlich nichts. Für sie kommen die Zölle zur Unzeit. Das US-Geschäft der Firma war in den vergangenen Monaten gewachsen. Mittelfristig wollte Geschäftsführer Schmitt zehn Prozent seines Umsatzes in den Vereinigten Staaten machen. Doch in Waghäusel ist der Optimismus ein wenig verflogen.

Kleine Unternehmen fühlen sich ungerecht behandelt

Größere Unternehmen sind bislang zwar weniger besorgt. Man rechne nicht mit "dramatischen Auswirkungen", sagt ein Sprecher des Kameralinsen-Herstellers Carl Zeiss. Bei Adler ist man hingegen besorgt. Im Vergleich zu Zeiss ist die Firma mit ihren 26 Mitarbeitern nur ein Krümel des großen deutschen Industriekuchens. Vor drei Jahren gelang dem Betrieb der Einstieg in den US-Markt. Heute verkauft Adler jährlich 17 000 Äxte und Beile in den Vereinigten Staaten. "Wir sind noch nicht so etabliert auf dem US-Markt, dass wir die Zölle jetzt einfach an unsere US-Kunden weitergeben können", sagt Tobias Schmitt. Der Adler-Chef will sich die Last der Zölle zunächst mit seinen beiden US-Händlern teilen. "Das geht vielleicht mal über zwei, drei Monate, aber wenn die Zölle dann nicht fallen, haben wir ein echtes Problem", sagt Schmitt. Der junge Unternehmer aus Baden-Württemberg versteht nicht, warum ausgerechnet "eine deutsche Traditionsbranche", die nichts mit Flugzeugen zu tun hat, in Haftung genommen wird.

"Es ist völlig inakzeptabel, dass die kleinen und mittelständischen deutschen Werkzeughersteller in diesen Konflikt hineingezogen werden", sagt auch Michael Kleinbongartz. Er ist der Vorsitzende des Fachverbands Werkzeugindustrie (FWI). Die USA seien mit 8,5 Prozent Anteil an den Ausfuhren für die deutsche Werkzeugindustrie der wichtigste Exportmarkt. Beim Verband geht man davon aus, dass deutsche Werkzeuge trotz ihrer hohen Qualität durch die Strafzölle in den USA praktisch unverkäuflich werden.

Wilhem Hahn, 39, ist Chef des Werkzeugherstellers Wiha. Er fordert deutsche Politiker auf, bei Verhandlungen mit den USA die Werkzeugbranche im Blick zu haben.

(Foto: Daniel Schoenen)

Bei 20 Prozent höheren Preisen wird deutsche Qualität US-Kunden zu teuer

Dass seine Schraubendreher, Hämmer und Zangen auf dem US-Markt durch die Zölle nicht mehr konkurrenzfähig sein werden, befürchtet auch Wilhelm Hahn, 39, Chef des Werkzeugherstellers Wiha aus dem Schwarzwald. Anders als Adler erzielt die Firma 70 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Die USA sind unter den Top drei der ausländischen Abnehmer von Wiha-Werkzeugen. Hahns Familienbetrieb ist deutlich länger im US-Geschäft aktiv - schon seit 1978. Aber auch Hahn glaubt, dass die US-Kunden eine Preissteigerung von rund 20 Prozent nicht schlucken würden, sondern zur amerikanischen - oder eben auch zur europäischen Konkurrenz abwandern würden.

Ungerecht finden die Geschäftsführer Hahn und Schmitt vor allem, dass die europäische Konkurrenz im Werkzeuggeschäft nicht von den Strafzöllen betroffen ist. Sie habe durch die selektiven Zollvorgaben künftig einen deutlichen Wettbewerbsvorteil auf dem US-Markt.

Der größte Konkurrent im Axtgeschäft sitzt beispielsweise in Schweden. Wie Adler stellt er Äxte im Premiumsegment her. Glück hätten auch jene deutschen Hersteller, die ihre Fertigung nach Polen, Tschechien oder sonstwo in die Welt ausgelagert haben. Sie können weiter in die Vereinigten Staaten liefern, ohne von den Zöllen betroffen zu sein.

"Deutschland ist nicht nur Automobilland, wir sind auch Werkzeugland"

"Vielleicht sind diese selektiven Strafzölle auch eine Reaktion auf den Erfolg der deutschen Werkzeughersteller auf dem US-Markt, und der aktuelle Handelskonflikt dient nur als willkommener Vorwand", sagt Fachverbandssprecher Kleinbongartz. Wilhelm Hahn von Wiha fordert die deutsche und europäische Politik jedenfalls dazu auf, sich "nicht nur für die Automobil- und Agrarbranche" einzusetzen, sondern auch für die Werkzeughersteller. "Deutschland ist nicht nur Automobilland, wir sind auch Werkzeugland", sagt Hahn. Auch andere EU-Länder fertigten Qualitätswerkzeuge, aber nirgends im gleichen Volumen wie in Deutschland, sagt Hahn. Er sei sich nicht sicher "ob die Politiker bei ihren Verhandlungen mit den USA den großen Impact der deutschen Werkzeugindustrie" ausreichend im Blick hätten. Schraubenzieher, Zangen und Rohrschneider würden "fast in allen Industriebetrieben" gebraucht.

Axthersteller Tobias Schmitt sagt von sich selbst, er sei Optimist. Er habe noch Hoffnung, dass die Zölle maximal ein halbes Jahr in Kraft bleiben. Sicher ist für ihn aber nichts. Jeder Trump-Tweet kann seine Kalkulationen von einem Moment auf den anderen zunichte machen.

Die Chance Gegenmaßnahmen zu ergreifen, hat die EU erst, wenn die Welthandelsorganisation auch die Subventionen von Boeing für unzulässig erklärt. Dann könnte die WTO auch der Europäischen Union erlauben, Importe aus den USA mit Zöllen zu belegen. Schon vor Bekanntgabe der Zollliste aus dem Weißen Haus sagte EU-Kommissionssprecherin Mina Andreeva: "Wir sind immer noch bereit und willig, eine faire Lösung zu finden, aber wenn die USA entscheiden, (von der WTO) genehmigte Gegenmaßnahmen zu verhängen, wird die EU das Gleiche tun".

Die Entscheidung der Welthandelsorganisation im Fall Boeing wird Anfang kommenden Jahres erwartet. Von diesem Moment an, hofft Tobias Schmitt, "könnte ein Deal, mit dem lieben Herrn Trump wieder möglich sein".

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