Süddeutsche Zeitung

USA:Wenn Unternehmen sich nackt machen sollen

  • In vielen US-Firmen läuft schon seit Längerem eine Debatte darüber, was die zunehmende Politisierung und Polarisierung des Landes für die gesellschaftliche Rolle der Wirtschaft bedeutet.
  • Die meisten Unternehmen führen die Debatte von sich aus, doch anderen wird sie von engagierten Kunden oder Aktionären aufgezwungen.

Wenn ein US-Konzern freiwillig auf einen Steuerbonus verzichtet, muss etwas gehörig faul sein im Staate Amerika. Die Fluggesellschaft Delta Airlines hat genau das in der vorvergangenen Woche getan. 50 Millionen Dollar pro Jahr wollte das Landesparlament in Georgia der Airline erlassen, die zu den größten Arbeitgebern des Bundesstaats zählt - vorausgesetzt, sie gewährt Mitgliedern des Waffenlobbyverbandes NRA auch nach dem Massaker an einer Highschool in Florida weiter finanzielle Vorteile. Doch Delta lehnte das Präsent ab. "Unsere Werte", so schrieb Firmenchef Ed Bastian, "sind nicht verkäuflich."

Man kann durchaus den Verdacht hegen, dass Bastian die Delta-"Werte" auch deshalb so rasch entdeckte, weil in den sozialen Netzwerken seit dem Amoklauf von Parkland massiver Druck auf alle Unternehmen ausgeübt wird, die Bonusprogramme für Waffenfans anbieten. Manche Firmen, so schien es, hatten gar nur auf einen Anlass gewartet, um - unter öffentlichem Beifall - eine ohnehin als notwendig erachtete Kurskorrektur vorzunehmen. Zugleich wäre es jedoch zu einfach, Delta und den anderen zwei Dutzend Konzernen, die ihre NRA-Programme kündigten, reinen Opportunismus vorzuwerfen.

Vielmehr läuft in vielen US-Firmenzentralen schon seit Längerem eine Grundsatzdebatte darüber, was die zunehmende Politisierung und Polarisierung des Landes für die gesellschaftliche Rolle der Wirtschaft bedeutet. Die meisten Unternehmen führen die Debatte, die durch Donald Trumps Wahl zum Präsidenten noch erheblich an Schwung gewonnen hat, von sich aus.

Anderen wird sie von engagierten Kunden oder Aktionären aufgezwungen, denen alte Ansprechpartner abhanden gekommen sind. Der Kongress? Seit Jahren gelähmt. Aktionsgruppen? Finden nur noch innerhalb der eigenen Echokammer Gehör. Gerichte? Scheiden mit ihren überlangen Verfahrenszeiten als Ansprechpartner im Alltag aus. Bleiben die Firmen, von denen immer öfter verlangt wird, ihre angestammte neutrale Ecke zu verlassen und sich politisch zu positionieren. Von einer "Unternehmokratie" spricht das Magazin The Atlantic bereits.

Ausgerechnet die Unternehmen. Jahrzehntelang war völlig klar, dass Amerikas Firmen ideologisch den Republikanern nahestehen. Doch mit dem Aufstieg der Tech-Konzerne und dem Generationswechsel in anderen Branchen verschoben sich die Gewichte. Zwar sollte sich niemand der Illusion hingeben, die Turnschuh-Bosse wären rein betriebswirtschaftlich gesehen weniger marktradikal als Firmenchefs alter Schule. Gesellschaftspolitisch aber sind viele von ihnen modern, aufgeschlossen - und eindeutig Demokraten-nah.

Top-Manager beziehen heute auch in politischen Grundsatzfragen Stellung

Schon 2015, also lange vor Trumps Wahl, plädierten mehr als 400 Konzernchefs in einer Petition an den Obersten Gerichtshof dafür, gleichgeschlechtliche Ehen zuzulassen. In einem ähnlichen Brief wurde Trump 2017 aufgefordert, Menschen zu schützen, die als Kinder einst illegal mit ihren Eltern in die USA gekommen waren. Die Top-Manager protestierten gegen das Einreiseverbot für Muslime, den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimavertrag und Trumps Weigerung, den Mord eines Neonazis an einer linken Gegendemonstrantin in Charlottesville unzweideutig zu verurteilen. Auch in der #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen reagierten viele Unternehmen entschlossener als die beiden großen Parteien, die ihre jeweiligen präsidialen Grapscher (Donald Trump, Bill Clinton) bis heute schützen.

Das Interessante am Verhalten vieler Top-Manager ist: Während sie früher politische Entscheidungen meist nur dann kommentierten, wenn ihre Firmen direkt betroffen waren, beziehen sie heute auch in allgemein politischen Grundsatzfragen Stellung. Uber-Gründer Travis Kalanick äußerte sich zur Religionsfreiheit, Merck-Boss Kenneth Frazier zu Rassismus und Delta-Chef Bastian zum Recht auf Waffenbesitz. Für die Manager ist das eine heikle Sache, denn sich zu positionieren bedeutet fast immer, einen Teil der Kundschaft gegen ihr Unternehmen aufzubringen. Nach Bastians Entschluss etwa, das Bonus-Programm für NRA-Mitglieder zu streichen, hagelte es Boykottaufrufe gegen Delta.

Firmen müssen akzeptieren, wenn ein Teil der Kunden zum Boykott aufruft

Dennoch bleibt Firmen heute kaum etwas anderes übrig, als sich zu positionieren, "denn wir können die Forderungen, die an uns herangetragen werden, ja nicht einfach wegzaubern", wie der Vizechef einer großen US-Bank hinter vorgehaltener Hand einräumt. "Dabei sollte jeder Kommentar aber gut überlegt sein", sagt John Paul Rollert, Assistenzprofessor für Wirtschaftsethik an der University of Chicago: "Die größten Gefahren in solchen Fällen entstehen dadurch, dass der eigene Standpunkt überhastet verändert wird."

Um genau das zu vermeiden, rät William Klepper, Professor für Unternehmensführung an der New Yorker Columbia University, Firmen dazu, ethische Grundsatzwerte zu definieren, eine Art Unternehmenscredo, das gesellschaftliche Entwicklungen aufgreift, Sensibilitäten der Konsumenten berücksichtig und in aktuellen politischen Debatten als Richtschnur dienen kann. Geschehe im Umfeld dann etwas, das diesen Werten zuwiderlaufe, "sollte das Unternehmen Stellung beziehen und klarmachen, wofür es steht", so Klepper. Dass ein Teil der Kundschaft womöglich zum Boykott aufrufe, "muss als zusätzliches Geschäftsrisiko akzeptiert werden".

Allerdings dürfen Unternehmen nicht als Anhängsel einer einzigen Partei wahrgenommen werden und auch nicht den Eindruck erwecken, immer demjenigen nachzugeben, der am lautesten schreit. Stattdessen, so die Experten, sollten sie sich breiteren Prinzipien verpflichten, etwa der Frauenförderung, der Integration von Ausländern oder dem Schutz der Umwelt. Von einer solchen Basis aus lässt sich dann in einer konkreten politischen Debatte relativ leicht schlüssig begründen, warum man die eine oder andere Position einnimmt.

"Tue Gutes, um gut zu verdienen"

Michael Gordon, Professor für sozio-ökonomische Studien an der University of Michigan, warnt allerdings vor dem Irrlauben, dass Verbraucher eine moderne, ethisch einwandfreie Haltung stets goutieren. Für Delta etwa sei die NRA-Sache relativ einfach gewesen, weil Umfragen zufolge vier Fünftel der Amerikaner strengere Waffenkontrollen befürworten. "Schwieriger wird es, wenn ein Unternehmen versucht, gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu korrigieren, bei denen das Land noch nicht bereit ist zu handeln", so Gordon. Die ersten Firmen etwa, die einen fairen Handel mit gerechteren Löhnen in Entwicklungsländern propagierten, hätten dafür bezahlt, weil die Kunden die höheren Preise für die Produkte nicht akzeptierten.

Umgekehrt kann sich moralisch korrektes Verhalten aber auch wirtschaftlich lohnen, wie eine Analyse des niederländisch-britischen Konsumgüterriesen Unilever zeigt: Demnach wachsen konzerneigene Produkte wie die Pflegelinie Dove oder die Eismarke Ben & Jerry's, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben und entsprechend handeln, um ein Drittel schneller als herkömmliche Waren. "Tue Gutes, um gut zu verdienen", heißt in immer mehr US-Unternehmen das wirtschaftliche Motto.

Was aber bedeutet es für die Zukunft, wenn ein Land sich von einer Demokratie zunehmend in eine "Unternehmokratie" verwandelt? Viele Experten halten es für kaum erstrebenswert, dass Firmen an die Stelle gewählter Politiker treten - und seien Letztere auch noch so inkompetent oder unfähig zum Kompromiss. Ökonom Klepper hingegen warnt vor Schwarzmalerei: Wenn ein Unternehmer sich positioniere, wo der Politiker schweige, so der Columbia-Mann, bedeute das noch nicht, dass er ihm seine Rolle abspenstig mache. Er übernehme lediglich das, was ein Land von seinen Top-Managern mit Fug und Recht erwarten könne: "gesellschaftliche Führung".

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SZ vom 13.03.2018/hgn
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