USA Wenn Unternehmen sich nackt machen sollen

Protest in Florida nach dem Amoklauf an der Marjory Stoneman Douglas High School: Das Anliegen der Demonstranten machen sich immer mehr Unternehmen in den USA zu eigen.

(Foto: REUTERS)
  • In vielen US-Firmen läuft schon seit Längerem eine Debatte darüber, was die zunehmende Politisierung und Polarisierung des Landes für die gesellschaftliche Rolle der Wirtschaft bedeutet.
  • Die meisten Unternehmen führen die Debatte von sich aus, doch anderen wird sie von engagierten Kunden oder Aktionären aufgezwungen.
Von Claus Hulverscheidt, New York

Wenn ein US-Konzern freiwillig auf einen Steuerbonus verzichtet, muss etwas gehörig faul sein im Staate Amerika. Die Fluggesellschaft Delta Airlines hat genau das in der vorvergangenen Woche getan. 50 Millionen Dollar pro Jahr wollte das Landesparlament in Georgia der Airline erlassen, die zu den größten Arbeitgebern des Bundesstaats zählt - vorausgesetzt, sie gewährt Mitgliedern des Waffenlobbyverbandes NRA auch nach dem Massaker an einer Highschool in Florida weiter finanzielle Vorteile. Doch Delta lehnte das Präsent ab. "Unsere Werte", so schrieb Firmenchef Ed Bastian, "sind nicht verkäuflich."

Man kann durchaus den Verdacht hegen, dass Bastian die Delta-"Werte" auch deshalb so rasch entdeckte, weil in den sozialen Netzwerken seit dem Amoklauf von Parkland massiver Druck auf alle Unternehmen ausgeübt wird, die Bonusprogramme für Waffenfans anbieten. Manche Firmen, so schien es, hatten gar nur auf einen Anlass gewartet, um - unter öffentlichem Beifall - eine ohnehin als notwendig erachtete Kurskorrektur vorzunehmen. Zugleich wäre es jedoch zu einfach, Delta und den anderen zwei Dutzend Konzernen, die ihre NRA-Programme kündigten, reinen Opportunismus vorzuwerfen.

Vielmehr läuft in vielen US-Firmenzentralen schon seit Längerem eine Grundsatzdebatte darüber, was die zunehmende Politisierung und Polarisierung des Landes für die gesellschaftliche Rolle der Wirtschaft bedeutet. Die meisten Unternehmen führen die Debatte, die durch Donald Trumps Wahl zum Präsidenten noch erheblich an Schwung gewonnen hat, von sich aus.

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Anderen wird sie von engagierten Kunden oder Aktionären aufgezwungen, denen alte Ansprechpartner abhanden gekommen sind. Der Kongress? Seit Jahren gelähmt. Aktionsgruppen? Finden nur noch innerhalb der eigenen Echokammer Gehör. Gerichte? Scheiden mit ihren überlangen Verfahrenszeiten als Ansprechpartner im Alltag aus. Bleiben die Firmen, von denen immer öfter verlangt wird, ihre angestammte neutrale Ecke zu verlassen und sich politisch zu positionieren. Von einer "Unternehmokratie" spricht das Magazin The Atlantic bereits.

Ausgerechnet die Unternehmen. Jahrzehntelang war völlig klar, dass Amerikas Firmen ideologisch den Republikanern nahestehen. Doch mit dem Aufstieg der Tech-Konzerne und dem Generationswechsel in anderen Branchen verschoben sich die Gewichte. Zwar sollte sich niemand der Illusion hingeben, die Turnschuh-Bosse wären rein betriebswirtschaftlich gesehen weniger marktradikal als Firmenchefs alter Schule. Gesellschaftspolitisch aber sind viele von ihnen modern, aufgeschlossen - und eindeutig Demokraten-nah.

Top-Manager beziehen heute auch in politischen Grundsatzfragen Stellung

Schon 2015, also lange vor Trumps Wahl, plädierten mehr als 400 Konzernchefs in einer Petition an den Obersten Gerichtshof dafür, gleichgeschlechtliche Ehen zuzulassen. In einem ähnlichen Brief wurde Trump 2017 aufgefordert, Menschen zu schützen, die als Kinder einst illegal mit ihren Eltern in die USA gekommen waren. Die Top-Manager protestierten gegen das Einreiseverbot für Muslime, den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimavertrag und Trumps Weigerung, den Mord eines Neonazis an einer linken Gegendemonstrantin in Charlottesville unzweideutig zu verurteilen. Auch in der #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen reagierten viele Unternehmen entschlossener als die beiden großen Parteien, die ihre jeweiligen präsidialen Grapscher (Donald Trump, Bill Clinton) bis heute schützen.

Das Interessante am Verhalten vieler Top-Manager ist: Während sie früher politische Entscheidungen meist nur dann kommentierten, wenn ihre Firmen direkt betroffen waren, beziehen sie heute auch in allgemein politischen Grundsatzfragen Stellung. Uber-Gründer Travis Kalanick äußerte sich zur Religionsfreiheit, Merck-Boss Kenneth Frazier zu Rassismus und Delta-Chef Bastian zum Recht auf Waffenbesitz. Für die Manager ist das eine heikle Sache, denn sich zu positionieren bedeutet fast immer, einen Teil der Kundschaft gegen ihr Unternehmen aufzubringen. Nach Bastians Entschluss etwa, das Bonus-Programm für NRA-Mitglieder zu streichen, hagelte es Boykottaufrufe gegen Delta.