USA:Oscar weiß alles

Der erste rein digitale Versicherer will Amerikas Gesundheitswesen revolutionieren. Dazu gehört, dass er viele Daten der Patienten sammelt. Ob das Ganze funktioniert, hängt auch von Donald Trump ab.

Von Herbert Fromme, New York

Der erste rein digitale US-Krankenversicherer Oscar verdankt seine Existenz auch einer Krise in der Familie Schlosser nach der Geburt des ersten Kindes 2012. "Wir waren damals aufgeregt wie alle jungen Eltern", berichtet der jetzige Oscar-Chef Mario Schlosser. "Wir dachten, das Kind sei krank, also zurück ins Krankenhaus und drei Tage dortgeblieben." Zum Glück war es falscher Alarm. "Zwei Monate später kriege ich einen Anruf von meinem damaligen Krankenversicherer", erinnert sich Schlosser. "Da sagte jemand, wir haben gerade festgestellt, dass sie ein Baby haben."

Schlosser findet das immer noch unfassbar. "Der Versicherer hatte keine Ahnung von der Behandlung, es gab keinen Informationsfluss, nichts", sagt er. "Das war der Startschuss für Oscar." Seither ist der aus Deutschland stammende Manager dabei, diese Zustände zu ändern. Zusammen mit Joshua Kushner - dem Bruder von Trump-Schwiegersohn Jared Kushner - gründete Schlosser den Krankenversicherer Oscar. Investoren brachten bisher 720 Millionen Dollar auf. Zu ihnen gehören neben Schlosser und Kushner auch Google, der kalifornische Trump-Vertraute Peter Thiel und die US-Fondsgesellschaft Fidelity. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im Februar bewerteten die Anleger das Unternehmen mit satten 2,7 Milliarden Dollar, auch wenn es bisher nicht einen einzigen Dollar verdient hat. Aktuell herrscht trotz Trump-Sieg und möglichen Änderungen im Gesundheitswesen keine Panik unter ihnen.

"In Deutschland, der Schweiz, Japan oder Dänemark liegen die Ausgaben für das Gesundheitswesen bei rund 10 bis 11 Prozent des Bruttosozialprodukts, in den USA sind es 18 Prozent", erläutert Schlosser. "Das sind 1000 Milliarden Dollar mehr im Jahr, die hier bezahlt werden müssen." Er sieht zwei Gründe: Es gibt kaum eine Verbindung zwischen Krankenversicherern und ihren Mitgliedern, und die Ärzte und Krankenhäuser können berechnen, was sie wollen. "Eine künstliche Hüfte kostet hier vier bis fünfmal so viel wie in Deutschland", sagt Schlosser. "Wir könnten Oscar-Mitglieder in der ersten Klasse nach Deutschland fliegen und dort operieren lassen, und es wäre noch billiger als die OP in den USA." Seine Antwort: Oscar sieht sich als Anlaufpunkt seiner Mitglieder für das gesamte Gesundheitswesen. "Ob jemand nachts mit Fieber aufwacht, ob er einen neuen Arzt sucht, ob er eine Rechnung prüfen lassen will: Wir sind immer für ihn da."

"Viele Krankenhauschefs spüren, dass es so nicht weitergeht."

Die Versicherten betreut Oscar mit sogenannten "Concierge-Teams" aus vier Mitarbeitern, davon mindestens eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger. Dazu kommen eigene Ärzte und externe Experten, die Oscar hinzuziehen kann. "Rund 65 Prozent der Fälle werden sofort übers Telefon gelöst", sagt Schlosser. Dazu gehören Hinweise auf das Nachfüllen des Inhalators für Asthma-Kranke oder die Übermittlung eines Rezepts an eine Apotheke in der Nähe. Weitere 25 Prozent können mit Hilfe der eigenen Ärzte und der Telemedizin gelöst werden. "Und wenn jemand ernsthaft krank ist, wissen wir, wer die besten Ärzte sind, wer die wenigstens Komplikationen hat und so weiter." Zum System gehört auch, dass Oscar unglaublich viel weiß. Über jeden Patienten zeigt die elektronische Akte, wann er bei welchem Arzt war, welche Behandlungsstränge parallel ablaufen, was er mit den Concierges besprach. Schlosser zeigt ein Programm, mit dem Oscar genau sehen kann, welche Mitglieder gerade in Notaufnahmen sind.

Trotz des engen Kontaktes gibt es auch Ärger. Fast alle Versicherten haben Verträge mit hohen Selbstbehalten - sonst sind die Beiträge wie bei allen US-Versicherern unbezahlbar. "Unter den gesetzlichen Regeln bezahlen wir Darmspiegelungen ab einem bestimmten Alter als Vorsorgeleistung", erläutert Schlosser. Aber wenn der Arzt etwas findet, die Behandlung sich also von der Vorsorge in eine Diagnoseuntersuchung wandelt, wird der Selbstbehalt fällig. "Das können 3000 Dollar sein." Das könne Oscar nicht ändern. Es bleibt nur, die Kunden vorher intensiv aufzuklären.

Mit Ärzten und Krankenhäusern macht Oscar nach und nach eigene Verträge - zu niedrigeren Gebühren als bisher üblich. "Viele Krankenhauschefs spüren, dass es so nicht weitergeht, und dass sie etwas tun müssen." In New York wird es ab 2017 ein eigenes Netz geben. Bislang arbeitet der Versicherer mit Netzen anderer Anbieter. "Das ist einer der Gründe für unsere Verluste." Die beliefen sich 2015 auf 122 Millionen Dollar.

Oscar hat heute 125 000 Versicherte in New York, Texas und Kalifornien und nimmt 600 Millionen Dollar im Jahr ein. "Der Beitrag liegt bei rund 5000 Dollar pro Jahr und Person", sagt Schlosser. Möglich sei der Aufbau des Unternehmens nur gewesen, weil Obama seine Gesundheitsreform durchgesetzt hat, den Affordable Care Act (ACA). "Bis dahin herrschte die Krankenversicherung über den Arbeitgeber vor", sagt Schlosser. "Man hat niemals persönlich ausgewählt, bei wem man versichert sein wollte."

Oscar arbeitet bislang nur mit Einzelkunden - will aber 2017 auch Arbeitgebern die Versicherung für Mitarbeiter anbieten. Ob allerdings die geplanten zwei Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2017 erreicht werden, ist offen. Zunächst muss Oscar abwarten, welche Änderungen der kommende Präsident Donald Trump am Gesundheitswesen vornimmt.

Schlosser will sich dazu nicht äußern - es handelt sich um ein politisches Minenfeld. Er verweist auf einen Blog-Eintrag, den er zusammen mit Jared Kushner nach der Wahl veröffentlicht hat. "Der ACA half uns zweifellos bei unserem Start", schreiben die beiden. Dafür sei das Unternehmen dankbar. Die Versicherung für alle sei ein großes Ziel. Allerdings gebe es "kritische Probleme bei der Verwaltung des Programms." Oscars Ansatz sei auch unter anderen politischen Verhältnissen richtig.

Die Nähe von Gründer Kushner und Investor Thiel zum neuen Präsidenten könnte Oscar helfen, seine Vorstellungen bei der Reform des US-Gesundheitswesens einzubringen. Außerdem, glauben Experten, kann der Versicherer künftig seine digitale Macht sogar noch besser ausspielen, wenn Restriktionen der Obama-Care wegfallen.

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