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Finanzen:Viele Amerikaner haben nicht eine, sondern drei oder vier Kreditkarten

Nach einer Erhebung der Deutsche- Bank-Analyseabteilung in New York haben die großen US-Geldhäuser ihre Kreditkartenausleihungen in den Monaten April bis Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Schnitt um 8,6 Prozent ausgeweitet. Dahinter stehen aggressive Marketing- und Bonusprogramme, mit denen die Institute um Neukunden buhlen. Außerdem werden zunehmend Menschen mit geringerer Bonität angesprochen, die bislang keine Kreditkarte erhielten. Besonders aggressiv ging Sun Trust, der Bankriese aus Atlanta, vor, der das Geschäft im zweiten Quartal um 26 Prozent ausweitete. Die Konkurrenz jedoch schlief nicht: Bei der US Bank betrug das Plus 16, bei Citigroup und Region Financial jeweils zwölf und bei Wells Fargo immerhin noch zehn Prozent.

Das Kreditkartengeschäft ist in den USA ein sehr viel größerer Risikofaktor für die Gesamtwirtschaft als andernorts. Anders als etwa in Deutschland müssen die Kunden die Schulden, die sich ansammeln, nicht einmal im Monat begleichen. Vielmehr reicht eine sogenannte Mindesttilgung, die oft nicht mehr als 25 Dollar beträgt. Die Rückzahlung der verbleibenden Summe kann man auf die Folgemonate verschieben, was für alle Beteiligten zunächst ein gutes Geschäft ist: Der Kunde kann sich Dinge leisten, die er sich im Moment eigentlich gar nicht leisten kann, die Wirtschaft floriert, und die Banken kassieren, aufs Jahr hochgerechnet, Zinsen von durchschnittlich 14 bis 18 Prozent.

Kreditkartenschulden sind meist nicht die einzigen Verbindlichkeiten

Das Problem ist, dass viele Amerikaner nicht eine, sondern drei, vier Kreditkarten besitzen. Hinzu kommen Kundenkreditkarten großer Kaufhäuser und Geschäfte, die ebenfalls Einkäufe auf Pump ermöglichen. Die Gefahr, den Überblick zu verlieren und in einem Sumpf aus Schulden zu versinken, steigt mit jeder Karte, die man zusätzlich ins Portemonnaie steckt.

Hinzu kommt: Kreditkartenschulden sind meist nicht die einzigen Verbindlichkeiten. Viele Amerikaner müssen zudem Haus-, Auto und Studentendarlehen abbezahlen. Lässt man die schuldenfreien Haushalte einmal außen vor, so stehen nach Angaben des Finanzportals Nerdwallet alle übrigen mit durchschnittlich 131 000 Dollar in der Kreide. Insgesamt belaufen sich die Verbindlichkeiten der US-Verbraucher auf über zwölf Billionen Dollar. Kreditkartenschulden machen davon gut sechs Prozent aus.

Kritisch wird es bei einem gesamtwirtschaftlicher Schock - einer deutlichen Zinserhöhung etwa oder eben einem Konjunktureinbruch. Noch ist die Lage ruhig, aber es gibt erste Warnzeichen: Als das Finanzhaus Synchrony Financial, das Kunden von Amazon, Wal-Mart, Gap und anderen Einzelhandelskonzernen mit Kreditkarten versorgt, jüngst einen Anstieg der Zahlungsausfälle meldete, rauschten branchenweit die Aktienkurse in den Keller.