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USA: Konjunktur:Der Aufschwung, dem niemand traut

Eine zynische Öffentlichkeit gefährdet die Politik, mit der Obama die USA aus der Krise geführt hat.

Die Börsenkurse gleichen in diesen Tagen Fieberkurven. Vergangenen Mittwoch verlor der Dow-Jones-Index 100 Punkte, am Donnerstag stieg er um 200 Punkte, nur um am Freitag erneut 250 Punkte zu verlieren. Das Auf und Ab spiegelt extreme Unsicherheit wider. Die Rezession ist in den Vereinigten Staaten, dem Herd der Finanzkrise, vorbei, die Wirtschaft wächst sogar schneller als erwartet. Aber niemand traut dem Aufschwung. Die Arbeitslosigkeit in den USA ist so hoch wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr und steigt weiter, die Verbraucher müssen sparen, weil sie so viel Vermögen verloren haben.

NYSE, dpa

Die Fed pumpt immer noch Geld in die US-Wirtschaft. Würde sie und die Regierung ihre Hilfe jetzt zurückziehen, wäre ein erneuter Absturz die Folge.

(Foto: Foto: dpa)

Vor allem aber hängt alles von Staat ab. Die Notenbank Federal Reserve pumpt unverändert Geld in die Wirtschaft, die Regierung in Washington verschuldet sich so stark wie noch nie in Friedenszeiten. Würden Regierung und Notenbank ihre Hilfe jetzt zurückziehen, wäre ein erneuter Absturz in die Rezession die Folge. Sicher ist aber auch, dass der gegenwärtige Zustand - Geldschwemme und Rekorddefizite - nicht mehr sehr lange zu verantworten ist. Es ist ein politischer und ein gefährdeter Aufschwung.

An der Wall Street wird unterdessen schon wieder das große Rad gedreht, fast wie vor der Krise. Dabei vergessen die Beteiligten leicht, wie sehr sie von der Politik abhängen. Es waren Politiker, die vor einem Jahr eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise von 1929 verhindert haben: Notenbank-Chef Ben Bernanke, der frühere Finanzminister Henry Paulson, Präsident Barack Obama. Aus deutscher Sicht kann man die Namen Angela Merkel und Peer Steinbrück hinzufügen. Die Einführung der "Gruppe der 20" ( G 20) als internationales Steuerungsgremium ist eine noch unterschätzte historische Errungenschaft. Als Konsequenz hängt der Privatsektor nun aber auf Gedeih und Verderb von der Politik ab.

Doch diese Politik stößt an Grenzen, besonders in den USA. Präsident Obama verliert nach und nach die öffentliche Unterstützung für sein Vorgehen. Viele Amerikaner sind - aus nachvollziehbaren Gründen - besorgt über den wachsenden Einfluss des Staates in ihrem Alltag. Die Opposition von Interessengruppen gegen eine Gesundheitsreform mischt sich mit dem Unbehagen über die Rettung von Banken und Autokonzernen auf Kosten der Steuerzahler. Am rechten Rand des politischen Spektrums schlägt dem Präsidenten ein Hass entgegen, der für Ausländer nicht mehr nachvollziehbar ist. Teile der Öffentlichkeit werden ganz einfach zynisch: Man geht in Fundamentalopposition zu Obama, wohl wissend, dass noch niemand eine Alternative zu dessen Kurs formuliert hat. Das Vakuum füllen Hassprediger im Fernsehen. Der "paranoide Stil in der amerikanischen Politik", von dem der liberale Publizist Richard Hofstadter in den sechziger Jahren sprach, kehrt zurück.

Der Zynismus betrifft nicht nur Amerika selbst, sondern auch den Rest der Welt. Entgegen allen Träumereien vom Ende des amerikanischen Zeitalters - auf dem langen Weg zurück zur ökonomischen Normalität kommt es auf die Vereinigten Staaten und ihre Führungsrolle an, politisch wie intellektuell. Wenn die USA ihre Staatsfinanzen nicht in den Griff bekommen, leidet die ganze Welt auf Jahre hinaus. Wenn die USA ihre Finanzmärkte nicht effizient regulieren, wird es niemand tun. Deshalb sind Erfolge für Obama jetzt so wichtig.

Nach allen relevanten Prognosen dürften die Wachstumszahlen im nächsten Jahr wieder sinken, noch mehr Amerikaner werden ihre Arbeit verlieren, und viele andere beunruhigende Nachrichten kommen auf die Öffentlichkeit zu. So haben die Banken die Folgen der Rezession bei den Gewerbeimmobilien - leerstehende Büros, bankrotte Hotels und Einkaufszentren - noch lange nicht in ihren Bilanzen verkraftet. In dieser fragilen Situation ist die Weltwirtschaft tatsächlich auf Obama und seine Fortüne angewiesen.

Banken: Eine Typologie

Auf der Streckbank der großen Krise