Süddeutsche Zeitung

Inflation:Warum die US-Notenbank in der Zwickmühle steckt

Lesezeit: 3 min

Fed-Chef Jerome Powell kündigt an, dass seine Behörde den Kampf gegen die hohen Preise verschärfen wird. Angesichts der neuen Corona-Variante geht er damit ein hohes Risiko ein.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Offiziell gibt es in den USA erst einen einzigen Omikron-Fall, die politische Wucht der neuen Corona-Variante aber beginnt sich bereits zu entfalten. Das wurde am Dienstag bei einer Anhörung im Kongress deutlich, bei der Notenbankgouverneur Jerome Powell erstmals unmissverständlich einräumte, dass seine Behörde die mit der Pandemie verbundenen Inflationsgefahren unterschätzt habe und ihre Maßnahmen zur Konjunkturstützung deshalb rascher beenden werde als bisher geplant. Er nahm zugleich Abstand vom Mantra der Notenbank, der massive Anstieg der US-Verbraucherpreise sei nur "vorübergehender" Natur. "Wahrscheinlich ist jetzt eine gute Zeit, sich von diesem Begriff zu verabschieden", so der Fed-Chef.

Powells Geständnis macht deutlich, wie groß die Gefahren sind, die mit einer weiteren Verlängerung der Pandemie verbunden sind. So steigt mit jeder neuen Corona-Mutante das Risiko, dass der wirtschaftliche Aufschwung abgewürgt wird. Zugleich bleiben aber auch jene Produktions- und Lieferengpässe bestehen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, die Preise in die Höhe zu treiben. Die Notenbank gerät damit in eine Zwickmühle: Einerseits ist die US-Konjunkturlage noch nicht so gefestigt, dass eine Abkehr von der Nullzinspolitik problemlos möglich wäre. Andererseits hat die Inflationsrate mit 6,2 Prozent ein Niveau erreicht, das auf ein sehr viel breiteres Problem hindeutet als bislang gedacht und sich nicht länger ignorieren lässt.

Die Fed könnte schon im Frühjahr 2022 die Leitzinsen anheben

Der Fed-Chef hatte lange zu denen gehört, die vor jeder Straffung der Geldpolitik eine vollständige Erholung des Arbeitsmarktes abwarten wollten. Anfang November jedoch rückte die Notenbankspitze erstmals von dieser Maxime ab und kündigte an, sie werde ihre massiven Käufe von US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren schrittweise reduzieren. Mit dem Programm pumpt die Fed seit Ausbruch der Pandemie Monat für Monat 120 Milliarden Dollar in die Wirtschaft, um die langfristigen Kreditzinsen niedrig zu halten und die Konjunktur zu stabilisieren. Nach bisheriger Planung sollte die Kaufsumme von November an um monatlich 15 Milliarden Dollar zurückgefahren werden. Powell erklärte jedoch nun, der Ausstieg könne deutlich schneller vonstatten gehen und bereits im Frühjahr 2022 abgeschlossen sein. Damit steht auch die Frage im Raum, ob die Fed womöglich schon in der ersten Hälfte kommenden Jahres erstmals seit 2018 ihren wichtigsten Leitzins wieder anheben wird.

Dass Powell zu einer Kurskorrektur gezwungen ist, liegt auch daran, dass sich der US-Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten anders entwickelt hat als von vielen Fachleuten erwartet. Zwar ist die Erwerbslosenquote, die zu Beginn der Krise auf mehr als 15 Prozent nach oben geschnellt war, wieder auf 4,6 Prozent gesunken. Die Zahl der Beschäftigten liegt aber immer noch um mehrere Millionen unter dem Niveau vom Februar 2020. Zugleich gibt es mehr als zehn Millionen offene Stellen, weil etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe viele Menschen aus Angst vor Corona auf eine Bewerbung verzichten. Powell sagte, um wieder auf die glänzenden Arbeitsmarktwerte von vor Ausbruch der Pandemie zu kommen, sei offensichtlich ein langer wirtschaftlicher Aufschwung vonnöten. "Um den zu bekommen, brauchen wir Preisstabilität", so der Fed-Chef.

Die Börsen reagieren mit massiven Kursausschlägen auf Powells Rede

Welche Wucht seine Aussagen haben, zeigte sich auf den US-Finanzmärkten. Die Aktienkurse brachen ein, die kurzfristigen Zinsen schossen in die Höhe. Der Dollar verteuerte sich massiv, während der Euro entsprechend deutlich an Wert verlor. Auch am Mittwoch tendierten die Kurse zunächst weiter unter ihren Ausgangswerten von Dienstagmorgen. "Das ist ein sehr abrupter Schwenk", sagte Krishna Guha vom Finanzberater Evercore ISI mit Blick auf die Ausführungen des Fed-Chefs. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank jetzt sehr viel rascher die Zinsen anhebe als im Normalfall üblich, sei sehr groß.

Ausgemacht ist die Sache aber noch nicht. Zum einen können sich die Wirtschaftsdaten je nach Verlauf der Pandemie wieder deutlich ändern. Zum anderen funktioniert Notenbankpolitik zwar in erster Linie über die Erhöhung und Senkung der Leitzinsen. Mindestens ebenso wichtig aber ist das Erwartungsmanagement - oder anders gesagt: Solange Firmen und Finanzmärkte, Bürger und Gewerkschaften glauben, dass die Zentralbank die Inflation ernst nimmt und im Griff hat, sind womöglich gar keine realen Radikalmaßnahmen notwendig. Nicht auszuschließen, dass man die deutlichen Worte des Fed-Chefs auch vor diesem Hintergrund sehen muss.

Das Wort "vorübergehend" allerdings wird Powell so schnell wohl nicht wieder in den Mund nehmen. Oder wie es die Agentur Bloomberg lakonisch formulierte: "Team ,Vorübergehend' wirft das Handtuch."

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