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USA:Der Linksruck trifft auch die Republikaner

Noch interessanter aber ist: Der Linksruck trifft auch die Republikaner - obwohl es ja die rechten Lautsprecher wie Trump, Cruz und Marco Rubio sind, die in der Debatte den Ton angeben. Doch die Welt der Fernseh-Streitrunden, in der die Kandidaten darum wetteifern, wer der konservativste von ihnen ist, ist das eine. Draußen, bei den Menschen, im echten Wahlkampf, klingt vieles plötzlich ganz anders.

Trump etwa will Familien mit bis zu 50 000 Dollar Jahreseinkommen komplett von der Steuer befreien und die Einnahmeausfälle durch eine Schließung von Steuerschlupflöchern für Konzerne gegenfinanzieren. Cruz und Rubio sind zwar steuerpolitisch noch auf eher alten Pfaden unterwegs, rücken jedoch dafür an anderer Stellen nach links: Rubio geriert sich als Anwalt der Geringverdiener und der Studenten mit ihren kaum noch tragbaren Ausbildungskosten. Cruz hält neuerdings die massenhafte Inhaftierung meist schwarzer Kleinkrimineller für falsch und fordert damit zumindest auf gesellschaftspolitischem Gebiet mehr Liberalismus - auch wenn er mutmaßlich eher um Hillary Clintons Hand anhalten würde als den Begriff auch nur in den Mund zu nehmen.

Widerstand gegen den Linksruck ist offenbar zwecklos

Ob alle republikanischen Kandidaten Überzeugungstäter sind, sei dahingestellt. Sicher ist: Die Umfragen kennen sie. Sechs von zehn US-Bürgern meinen demnach, dass der Reichtum im Land ungerecht verteilt ist und dass die Regierung etwas dagegen tun sollte. Jeder zweite Amerikaner ist dafür, Spitzengehälter staatlich zu deckeln - eine Idee, die aus Sicht altgedienter Republikaner einem Anschlag auf die Freiheit gleichkommt. Doch Widerstand ist zwecklos: Auch mehr als jeder dritte konservative Wähler will Veränderungen.

Die geltende republikanische "Trickle-down"-Doktrin jedenfalls, wonach Steuererleichterungen für Gut- und Spitzenverdiener zu mehr Wohlstand führen, der dann bis in die Mitte und nach ganz unten durchrieselt - sie reicht im Amerika des 21. Jahrhunderts nicht mehr. Gar nichts rieselt da, wie die Lohn- und Gehaltsentwicklung der gewöhnlichen Bürger in den vergangenen drei Jahrzehnten gezeigt hat. Die Architekten jener Zeit, von Ronald Reagan bis George W. Bush, sie haben mit ihrer Steuerpolitik die Stahlbetondecke zwischen dem Penthouse und den darunter liegenden Stockwerken der amerikanischen Gesellschaft nicht durchlässiger gemacht, sondern noch weiter abgedichtet.

Auch der nächste republikanische Präsident wird deshalb weiter links stehen müssen - sicher nicht gemessen an Obama, wohl aber an Reagan sowie Vater und Sohn Bush, den drei letzten Amtsinhabern aus den eigenen Reihen. Dieser Prozess ist längst im Gang: Allem öffentlichen Getöse zum Trotz, hat beispielsweise keiner der konservativen Bewerber ernsthaft vor, Obamas so verhasste Gesundheitsreform komplett zu beseitigen. Gewiss, es gäbe Änderungen, je nachdem, wer die Wahl gewinnt, auch erhebliche. Aber eine plumpe Abschaffung, eine Rückkehr zum Zustand von 2010, als mehr als 40 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung dastanden, ist nicht mehr vorstellbar.

Von links nach rechts ist es wie immer nicht weit

Hinter dem amerikanischen Traum verbirgt sich die Idee, dass es in diesem Land jeder, der wirklich will, nach oben schaffen kann. Erfolg, gerade auch wirtschaftlicher, ist demnach eine Frage der Tatkraft, des Fleißes und des Wagemuts. Man muss sich diese Idee stets vor Augen halten, wenn man begreifen will, warum sich die Amerikaner manch sozialpolitische Debatte leisten, die aus europäischer Sicht hinterwäldlerisch anmutet: Wo Erfolg allein vom Willen abhängt, erscheint umfassender sozialer Schutz - eine staatliche Krankenversicherung etwa - nicht nur überflüssig, sondern sogar systemwidrig.

Doch der Mythos ist zerstoben, der Traum ausgeträumt. Wer ihn in der neuen Welt des 21. Jahrhunderts wiederbeleben will, muss alte Wege verlassen und neue beschreiten. Viele Amerikaner wissen das, und das ist der Grund dafür, dass sie der alten politischen Garde die kalte Schulter zeigen und sich mehr oder weniger vertrauenswürdigen Kandidaten zuwenden, die ein Ende des Trotts versprechen.

Von ganz links nach ganz rechts - und umgekehrt - ist es dabei wie immer nicht weit. Die politische Linke, gerade in Europa, bestreitet das gerne, doch die Amerikaner sind da pragmatisch: "Ich will Trump", hat dieser Tage eine Mittdreißigerin aus New Hampshire der Washington Post erzählt. "Aber wenn ich Trump nicht bekommen kann, dann hätte ich gerne Sanders."

© SZ vom 13.02.2016/vit

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