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Welthandel:Trumps teures Nullsummenspiel

FILE PHOTO: Containers are seen at the Yangshan Deep-Water Port in Shanghai

Container und das Import-Export-Geschäft: Im Hafen von Shanghai ist viel los.

(Foto: ALY SONG/REUTERS)

Mit seinen China-Zöllen hat der Ex-Präsident das Handelsdefizit gegenüber der Volksrepublik gesenkt. Unter dem Strich gewonnen ist für die USA dennoch nichts.

Von Claus Hulverscheidt

Erfolg ist bekanntlich oft eine Frage der Perspektive, so auch in diesem Fall: Die Lieferung chinesischer Waren in die USA ist seit der Verhängung hoher Importzölle durch den früheren Präsidenten Donald Trump deutlich gesunken, zeitweise um gut 20 Prozent, in manchen Einzelbereichen sogar um mehr als 50 Prozent. War also der Handelskrieg, mit dem Trump die Wirtschaftswelt vor Ausbruch der Corona-Krise zwei Jahre lang in Atem gehalten hatte, für die Vereinigten Staaten ein Erfolg?

Fragte man den Initiator höchstselbst, wäre die Antwort klar, denn der mittlerweile abgewählte Staatschef hatte das hohe US-Handelsdefizit gegenüber China stets als Schmach bezeichnet und den Abbau in den Rang einer nationalen Aufgabe erhoben. Sein Ziel, die Produktion vieler Waren mit Hilfe der Zölle in die USA zurückzuholen, erreichte er aber nicht. Im Gegenteil: Viele amerikanische Unternehmen sind bis heute auf ihre chinesischen Lieferanten angewiesen und zahlen beim Import zähneknirschend die Strafabgaben. Allein zwischen März 2020 und März 2021 nahm die Regierung in Washington auf diesem Wege rund 66 Milliarden Dollar ein.

Andere Firmen wiederum verzichten zwar mittlerweile auf Importe aus der Volksrepublik, kaufen stattdessen aber in Vietnam, Südkorea oder Irland ein. Ergebnis ist, dass das Gesamthandelsdefizit der USA seit Verhängung der China-Zölle nicht etwa gesunken, sondern sogar gestiegen ist. Anders gesagt: Trump mag einen politischen Erfolg feiern können, insgesamt ist das für das Land im besten Fall ein ziemlich teures Nullsummenspiel.

Nach Angaben des Datendienstes Trade Data Monitor, die das Wall Street Journal zusammengetragen und ausgewertet hat, summierten sich Chinas US-Exporte in den zwölf Monaten zum 1. Juli 2018 auf rund 529 Milliarden Dollar. In der Folge traten in mehreren Schritten Strafzölle von bis zu 25 Prozent in Kraft, die am Ende gut zwei Drittel aller chinesischen Lieferungen in die Vereinigten Staaten umfassten.

Nutznießer des Trump'schen Furors ist besonders Vietnam

Betroffen waren zunächst vor allem Vor- und Zwischenprodukte wie Halbleiter und Computerzubehör, später auch Konsumgüter wie Möbel und Schuhe. Bis zum März 2020, dem Monat, in dem die globalen Handelsströme aufgrund der Corona-Krise vollständig durcheinandergerieten, sanken die Zwölf-Monats-Exporte der Volksrepublik in die USA auf 422 Milliarden Dollar - ein Minus von rund 20 Prozent. Seit Ausbruch der Pandemie steigen die US-Importe wieder, ohne Corona jedoch hätte sich der Abwärtstrend wohl fortgesetzt.

Nutznießer des Trump'schen Furors ist bis heute insbesondere Vietnam, die ihre jährlichen Ausfuhren in die USA seit Ausbruch des Handelskriegs von damals 47 Milliarden auf heute 86 Milliarden Dollar fast verdoppelt hat. Zu den Exportschlagern zählen unter anderem Halbleiter und Möbel. Mittlerweile liegt der sozialistische Einparteienstaat unter allen Ländern, in denen die Vereinigten Staaten einkaufen, schon auf Rang sechs. Dabei profitiert Vietnam auch davon, dass viele US-Firmen wegen der kräftig steigenden Lohnkosten in China schon vor Beginn des Zollkonflikts auf der Suche nach neuen, alternativen Produktionsstandorten waren.

FILE PHOTO: Katherine Tai testifies before Senate Finance Committee in Washington

Bidens Handelsbeauftragte Katherine Tai wollte sich bei einer Anhörung im Senat auf keinerlei konkrete Aussage zur Zukunft der Zölle festlegen lassen.

(Foto: REUTERS)

Platz eins der US-Importländer ist und bleibt ungeachtet aller Auseinandersetzungen aber weiterhin China, dahinter folgen Mexiko, Kanada, Japan und Deutschland. Anders als die Konkurrenz etwa aus Irland, Südkorea, Malaysia und Indien konnte die deutsche Exportwirtschaft kein Kapital aus den politischen Streitigkeiten zwischen Washington und Peking schlagen.

Die Frage, die Manager und Wirtschaftspolitiker in aller Welt nun umtreibt, ist, was Trumps Nachfolger Joe Biden mit den Strafzöllen vorhat. Bisher laviert der neue Präsident, denn er ist in einer schwierigen Situation: Einerseits hat er die Verhängung der Zölle in den vergangenen Jahren immer wieder als Fehler kritisiert, andererseits hat Trumps konfrontativer Kurs gegenüber China bis weit in die Reihen der Demokraten hinein viele Anhänger.

Bidens Handelsbeauftragte Katherine Tai wollte sich deshalb jüngst bei einer Anhörung im Senatauf keinerlei konkrete Aussage zur Zukunft der Zölle festlegen lassen. Sie versprach lediglich, die bisher geltenden Bestimmungen "von Kopf bis Fuß" zu überprüfen. Auch könnten sich US-Firmen, die unter den Strafabgaben litten, bei den Behörden melden. Zwischen den Zeilen ließ Tai allerdings erkennen, dass mit einer raschen Aufhebung der Zölle nicht zu rechnen ist. Im Gegenteil, in einem Punkt klang die erfahrene Handelsjuristin beinahe wie Trump: "Kein Unterhändler der Welt", so die 47-Jährige, "gibt einen solchen Hebel einfach aus der Hand."

© SZ
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