US-Konjunktur:Experten warnen vor unkontrollierbarer Wirtschaftslage

July 27, 2021, TAMPA, Florida, USA: Server Hanna Holt, center, discusses the lunch menu with Dana Nafe, of Tampa, left,

Eine Kellnerin in einem Restaurant in Florida: Viele ihrer Berufskollegen haben ihre Jobs verloren.

(Foto: Douglas R. Clifford/imago images/ZUMA Wire)

Der jüngste Arbeitsmarktbericht hat in den USA für große Unruhe gesorgt. Ist das alles nur ein Ausrutscher? Oder doch der Anfang vom Ende des Konjunkturbooms?

Von Claus Hulverscheidt

Ein Ausrutscher? Eine Momentaufnahme? Oder doch der Anfang vom Ende des Konjunkturbooms? Auch drei Tage nach Veröffentlichung des jüngsten US-Arbeitsmarktberichts rätseln Ökonomen, Politiker und Notenbanker immer noch darüber, was ihnen die Zahlen nun sagen wollen und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. "Wir sollten Mitleid haben mit denen, die sich auf diese Daten einen Reim machen müssen", schrieb Mohamed El-Erian, Chefwirtschaftsberater des Versicherungskonzerns Allianz, in seiner Kolumne für die Agentur Bloomberg. Das gelte für Analysten, vor allem aber für die verantwortlichen Finanz- und Geldpolitiker.

Fakt ist: Die Zahl der Beschäftigten in den USA ist im August im Vergleich zum Vormonat um gerade einmal 235 000 gestiegen. Das ist gegenüber Juni und Juli, als jeweils rund eine Million zusätzliche Erwerbstätige registriert wurden, ein dramatischer Rückgang. Ist der Konjunkturaufschwung, der nach Überwindung der Corona-Rezession eingesetzt hatte, also womöglich schon wieder vorbei?

Sollte das tatsächlich der Fall sein, wäre das für die Regierung wie auch für die Notenbank Fed in vielfacher Hinsicht ein Problem. Zum einen lief an diesem Montag für fast neun Millionen Bürger die Arbeitslosenhilfe ganz oder teilweise aus, die ihnen der Kongress aufgrund der Pandemie zusätzlich gewährt hatte. Nicht wenige dieser Menschen könnten in akute Not geraten, sollten sie nicht bald einen neuen Job finden. Zum anderen hatte die Fed auch mit Blick auf die zuletzt rapide gestiegene Inflationsrate erwogen, noch in diesem Monat den schrittweisen Ausstieg aus ihrem Konjunkturförderprogramm anzukündigen. Auch das steht nun wieder infrage.

Für wie brisant das Weiße Haus den Arbeitsmarktbericht - sachlich wie auch politisch - hält, zeigte sich daran, dass Präsident Joe Biden unmittelbar nach der Veröffentlichung höchstselbst das Wort ergriff. Er verwies zum einen darauf, dass die US-Wirtschaft von Juni bis August im Durchschnitt 750 000 Jobs pro Monat geschaffen habe. Das ist tatsächlich eine hohe Zahl, die allerdings den jüngsten drastischen Einbruch kaschiert. Zum anderen schob er die Verantwortung für die enttäuschenden August-Daten von sich weg. Schuld seien diejenigen, die sich nicht impfen ließen, sich jetzt infizierten und damit die Konjunkturentwicklung bremsten. "Wir haben mittlerweile eine Pandemie der Ungeimpften", sagte Biden. "Das sorgt in unserer Wirtschaft und auch an unseren Esstischen für eine Menge Unbehagen."

Viele Krankenhäuser sind wieder an der Kapazitätsgrenze

Tatsächlich ist die Delta-Variante des Coronavirus der Hauptgrund dafür, dass die Konjunkturerholung kräftig ins Stocken geraten ist. In der vergangenen Woche steckten sich im Durchschnitt 153 000 Menschen pro Tag neu an. Vor allem im Süden des Landes, wo zumeist republikanische Gouverneure fast alle Restriktionen längst aufgehoben haben, sind viele Krankenhäuser an der Kapazitätsgrenze. Ergebnis ist, dass sogar geimpfte Menschen wieder darauf verzichten, auswärts zu essen, ins Kino zu gehen oder ins Flugzeug zu steigen. Die Zahl der Tischreservierungen in Restaurants etwa lag zuletzt wieder um fast elf Prozent unter dem Niveau vom Sommer 2019, nachdem die Lücke zuvor deutlich kleiner gewesen war. Die Hotelbelegungsrate etwa in San Francisco fiel Mitte August sogar um 40 Prozent niedriger aus.

Die Angst der Kunden, sich anzustecken, führt dazu, dass sich Gastronomiebetriebe, Reiseanbieter, Massagepraxen oder Nagelstudios bei der Einstellung neuer Mitarbeiter zuletzt wieder deutlich zurückhielten oder sogar Beschäftigte entließen. Allein im Taxi- und Busgeschäft etwa gingen im August fast 8000 Stellen verloren.

Zugleich haben viele Betriebe nach wie vor Probleme, Mitarbeiter zu finden, weil entweder Arbeitslose das Jobprofil nicht erfüllen oder aber Bewerber aus Angst vor Corona Stellen wie in der Gastronomie ablehnen. Der Lohnerhöhungsdruck ist deshalb trotz enttäuschender Beschäftigungszahlen zuletzt weiter gewachsen. Zugleich liegt die Inflationsrate bei mehr als fünf Prozent, weil viele Firmen aufgrund von Lieferengpässen weniger produzieren können als erwünscht und manche die Situation auch nutzen, um Umsatzausfälle durch Preiserhöhungen wettzumachen.

Die ersten Experten, darunter El-Erian, warnen angesichts einer möglichen Lohn-Preis-Spirale schon vor einer "Stagflation" - einer toxischen Kombination aus Konjunkturflaute und Inflation, bei der klassische Instrumente nicht wirken und die Politiker erschauern lässt. Denn: Die Notenbank müsste die Zinsen zugleich erhöhen und senken, das Parlament zugleich mehr und weniger Geld in die Konjunkturförderung stecken. Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass der Aufschwung auch in Ländern wie Deutschland und China stockt und dass neue Preistreiber hinzukommen könnten, etwa Werksschließungen im Corona-Hotspot Südostasien.

Die Wahrscheinlichkeit einer Stagflation ist gering

Noch handelt es sich nur um Geraune, und die Wahrscheinlichkeit, dass es in den USA zu einer Stagflation kommt, ist eher gering. Die Diskussion zeigt aber auch, dass die Konjunktur- wie die Preisrisiken ganz offenkundig deutlich größer sind als viele Abwiegler zuletzt behauptet hatten.

Insbesondere die Fed steht vor einem Dilemma. Einig sind sich fast alle Beobachter darin, dass es entgegen aller bisherigen Erwartungen in diesem September keine Ankündigung der Notenbank geben wird, die bisherigen Maßnahmen zur Konjunkturstützung schrittweise zu streichen. Stattdessen wird nun damit gerechnet, dass die Fed erst im nächsten Jahr damit beginnen wird, ihre Wertpapierkäufe im Volumen von 120 Milliarden Dollar pro Monat zurückzufahren, mit denen sie langfristige Kreditzinsen niedrig hält. Schwierig wird es jedoch, wenn zugleich der Preisschub noch an Tempo gewinnen sollte.

Und noch ein Problem gibt es, auf das Joseph LaVorgna, US-Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis, mehrfach hingewiesen hatte. Er argumentiert, dass die Fed die Konjunktur seit Beginn der Pandemie weniger über den Anleihemarkt, geschweige denn über die Leitzinsen, sondern vor allem über die Aktienkurse beeinflusst: Sie kauft Wertpapiere, gibt dafür Milliarden aus, die Investoren großteils in Aktien investierten. Die ständig steigenden Kurse wiederum führen dazu, dass auch Kleinsparer sich reicher fühlen und zumindest zeitweise kräftig konsumieren. Dieser Mechanismus, so LaVorgna im Wirtschaftsmagazin Barron's, funktioniere dummerweise aber auch andersherum: Sollte die Notenbank aufgrund steigender Preise irgendwann einmal von ihrer Nullzinspolitik abrücken wollen, sei beinahe zwangsläufig mit einem Einbruch am Aktienmarkt und damit auch des Konsums zu rechnen. Die Sorge vor einer solchen Entwicklung könnte bedeuten, "dass die Fed niemals wieder in der Lage sein wird, zu normalen Leitzinsen zurückzukehren".

© SZ
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