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US-Wahl:Unternehmen müssen aus der Deckung kommen

Bankentürme in Frankfurt

Es gibt also Gründe für Manager, sich politisch klar zu äußern. Sie sollten es auch für ihre Mitarbeiter tun. Im Bild: Die Bankentürme in Frankfurt durch Geländerstäbe fotografiert.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Noch immer gibt es Topmanager, die politische Großereignisse wie die US-Präsidentschaftswahl aus Sorge um das Geschäft nicht kommentieren wollen. Das ist ein Fehler.

Kommentar von Thomas Fromm

Wie schnell man mit ganz gewöhnlichen Industrieprodukten zum Spielball der Geopolitik werden kann, dürfte besonders den deutschen Autoherstellern in den vergangenen Jahren aufgegangen sein. Als der noch amtierende US-Präsident Donald Trump BMW wegen eines neuen Werks im mexikanischen San Luis Potosí ins Visier nahm und aufforderte, die Anlage stattdessen in den USA hochzuziehen, war der Ton scharf, das Drohpotenzial massiv. Und hochpolitisch war der Vorgang auch deshalb, weil das weltweit größte Werk der Münchner ohnehin längst nicht mehr in Deutschland, sondern im US-amerikanischen Spartanburg steht. Was also wollte Trump eigentlich von den Bayern? Und als der gleiche Präsident polterte, dass für seinen Geschmack zu viele Mercedes-Modelle auf der Fifth Avenue in New York herumstehen, und mit neuen Autozöllen drohte, da war auch das: sehr politisch.

Deutschen Managern kann es also keineswegs egal sein, wer im Weißen Haus regiert. Und doch hat sich das Top-Personal großer deutscher Unternehmen in den vergangenen Tagen weitgehend diskret zurückgehalten, als es darum ging, den Wahlsieg des Demokraten Biden zu kommentieren. Nur wenige waren so deutlich wie der Tengelmann-Gesellschafter Christian Haub, der über die Wahlen sagte, er sei "mit dem Ausgang sehr zufrieden". Oder der Chef des Autozulieferers Webasto, Holger Engelmann, der nun hofft, "dass die Gesellschaft in den USA wieder zu ihrer optimistischen Grundstimmung zurückfindet und das demokratische Miteinander erstarkt". Für viele andere aber gilt nach wie vor der alte Reflex der Unternehmens-PR - no comment. Oder auch: "Bitte haben Sie Verständnis, aber politische Ereignisse kommentieren wir grundsätzlich nicht!" Schon gar nicht persönlich, und erst recht nicht als Vorstandsvorsitzender.

Einmischung unerwünscht - das Kalkül dahinter ist einfach. Man mag heute vielleicht wissen, wer der nächste US-Präsident wird. Aber der übernächste? Und, auch das spielt eine Rolle: Im Grunde kommt jeder als BMW- oder Daimler-Käufer infrage - auch ein Trump-Anhänger. Besser also, sich nicht so offen zu positionieren. Es könnte nach hinten losgehen. Die geschmeidige Zurückhaltung etlicher Manager ist erstaunlich. Denn wenn sie eines nicht sind, dann unpolitisch.

Es gibt Gründe für Manager, sich politisch klar zu äußern

In breiten Teilen der deutschen Wirtschaftselite wird, wenn es opportun erscheint, eine scharfe Trennlinie zwischen Wirtschaft und Politik, Managern und Regierungen gezogen. Einerseits. Andererseits hält gerade die Autoindustrie ganze Armadas von Lobbyisten unter Vertrag, um Einfluss zu nehmen auf Entscheidungsprozesse, in Brüssel und anderswo. Etwa immer dann, wenn in Brüssel CO₂-Grenzen für Autos verhandelt werden. Auf Distanz zur Politik? Von wegen.

Wirtschaft ist immer politisch. Wenn die Funktionäre in Peking ausländische Autohersteller nur dann ins Land lassen, wenn sich diese auch brav mit heimischen Konkurrenten zusammentun, geht es um eine offizielle wirtschaftspolitische Strategie. Als Daimler Anfang 2018 ein sehr harmloses Zitat des Dalai Lama aus seinem Instagram-Marketing-Kanal löschte und so auf einen Shitstorm chinesischer Kunden reagierte, war das ein hochbrisantes Manöver. Das geistige Oberhaupt der Tibeter wird in China als Staatsfeind angesehen, und die Botschaft des Rückziehers sollte wohl sein: Sorry, haben wir leider zu spät bemerkt.

Aus der Politik halten sich Manager immer nur dann raus, wenn sie glauben, dass sie dort nichts gewinnen können. Wenn es aber um etwas geht, sind sie dabei. Ausnahmen gibt es immer wieder. So wie den scheidenden Siemens-Chef Joe Kaeser, der im Sommer 2019 seine Meinung zu Trump twitterte. Es bedrücke ihn, "dass das wichtigste politische Amt der Welt das Gesicht von Rassismus und Ausgrenzung wird".

Für deutsche Unternehmen wird unter einem Präsidenten Biden nicht alles anders, aber sicherlich einiges besser. Für einen Kraftwerks- und Windenergieanbieter wie Siemens Energy oder einen Autobauer wie VW ist es gut zu wissen, dass die USA nun zurückkehren dürften zum Pariser Klimaabkommen. Es bedeutet mehr Planungssicherheit. Für Siemens, weil der Konzern dabei ist, seinen Kohleausstieg zu bewerkstelligen. Für VW, weil der größte Autobauer der Welt in Zukunft verstärkt auf Elektroautos setzen will.

Es gibt also gute Gründe für Manager, aus der Deckung zu kommen und sich politisch klar zu äußern. Sie sollten es auch für ihre Mitarbeiter tun, die dies von ihren Unternehmenslenkern erwarten dürfen. Wer einen großen Konzern führt, der kann überhaupt nicht unpolitisch sein.

© SZ/shs
Martina Schwarzmann

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