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US-Wahlen:Und jetzt?

Illustration: Stefan Dimitrov

Die USA haben gewählt. Doch Joe Bidens Weg ins Weiße Haus könnte noch sehr beschwerlich werden, sagt die amerikanische Politikberaterin Karen Donfried.

Von Paulina Würminghausen, Berlin/München

Sie könnte auch Deutsch sprechen, aber vermutlich fühlt sie sich dann doch wohler in ihrer Muttersprache, Englisch. Karen Donfried, die Präsidentin des German Marshall Fund of the United States (GMF), einer unabhängigen amerikanischen Stiftung mit Fokus auf außen- und sicherheitspolitische Fragen, hat mal einige Jahre in München gelebt. An diesem Dienstagabend ist die Amerikanerin aber virtuell nach Deutschland zugeschaltet, um auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel zu sprechen. Dort wird sie versuchen, eine Frage zu beantworten, die sich momentan vermutlich die ganze Welt stellt: Amerika hat gewählt - und jetzt?

Donfried, 57, wird erklären, womit sie rechnet. Die Amerikanerin spricht sehr schnell und verspricht sich trotzdem nie. Im Hintergrund ist ein Stück ihres Wohnzimmers zu sehen, eine gelbe Wand und ein Kamin.

Über eine Glaskugel oder eine Zeitmaschine verfügt Donfried dagegen natürlich nicht. Dafür aber über jahrzehntelange politische Erfahrung. Im Nationalen Sicherheitsrat der USA hat sie beispielsweise den früheren Präsidenten Barack Obama in europäischen Angelegenheiten beraten. Sie ist überzeugt: "Dieses ganze Hin und Her wird enden, und Joe Biden wird im Januar Präsident. Aber der Weg dahin wird holperig."

Denn auch zwei Wochen nach den US-Wahlen weigert sich Amtsinhaber Donald Trump, seine Niederlage einzugestehen. Während dem Wahlsieger Biden schon von allen wichtigen Staatschefs und anderen prominenten Persönlichkeiten gratuliert wurde, wirft Trump weiterhin mit Anschuldigungen um sich wie ein bockiges Kind. Er spricht oder vielmehr: twittert von Wahlbetrug, von einer "gestohlenen Wahl", ohne Beweise für diese Behauptungen zu haben. Donfried fasst knapp zusammen, was auf der Hand liegt: "Wir sehen einen untypischen Wechsel." Eine Situation, die für Joe Biden deutlich erschweren könnte, was doch nun eigentlich selbstverständlich sei: sein Einzug ins weiße Haus. Das liege auch an formalen Hürden. Die zuständige unabhängige Behörde, die General Services Administration, habe den Präsidenten noch nicht offiziell bekannt gegeben. Bis dahin könne Joe Biden nichts machen außer: warten. Er könnte sogar der erste US-Präsident sein, der völlig unvorbereitet in seine Amtszeit startet.

Die Nichtanerkennung der Wahlen münde in einen politischen Wettbewerb, sagt Donfried, denn es wird im Januar noch zwei Wahlen zum US-Senat geben. Deswegen halte sich die Partei von Trump eher bedeckt: "Die Republikaner wollen ein Zersplittern der Partei verhindern", sagt sie. Noch dazu hat Trump angekündigt, in vier Jahren nochmal kandidieren zu wollen: "Das heißt, dass er die stärkste Kraft in der republikanischen Partei bleiben wird und seine Mitstreiter dadurch ihre Absichten nicht offenlegen können."

"Er glaubt daran, dass die USA im Ausland nur stark sein können, wenn das Land vereint ist"

Aber was hat Trumps Nachfolger in den nächsten Jahren vor? Donfried glaubt nicht, dass Joe Biden zu einem Status quo wie vor vier Jahren zurückkehren wird: "Die USA haben sich verändert, Europa hat sich verändert, die Welt hat sich verändert", sagt sie. Biden sehe, wie geteilt die USA seien, "er glaubt daran, dass die USA im Ausland nur stark sein können, wenn das Land vereint ist." Trotzdem sei Biden bewusst, dass das Ansehen der USA durch diesen, gelinde gesagt, sehr unkonventionellen Präsidenten, stark beschädigt wurde.

Biden wolle wieder ins Klimaabkommen eintreten, er sei ein "überzeugter Transatlantiker", kenne viele Staatschefs aus Europa - darunter auch Kanzlerin Angela Merkel. "Er hat klargemacht, dass er mit ihnen arbeiten will, um globale Herausforderungen zu bekämpfen." Kurzum: Ein ganz anderer Präsident als Trump. Donfried verbirgt nicht, dass sie diesen Wechsel begrüßt.

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