US-Finanzhaus "Ruf an und verdien Geld!"

Wells-Fargo-Chef Stumpf sieht die Dinge ganz anders. Die Beschäftigten seien nie unter Druck gesetzt worden.

(Foto: Cliff Owen/AP)

Wells Fargo-Chef John Stumpf ist nach dem Skandal um mehr als zwei Millionen Scheinkonten zurückgetreten. Die Aufarbeitung der Probleme aber kommt nur schleppend in Gang.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Es muss wie im Film gewesen sein, als der bewaffnete Mann die Filiale der Wells-Fargo-Bank im Herzen von San Francisco betrat - so jedenfalls kam es Ashley vor, die ein Stockwerk höher arbeitete und alles mit anhörte: nervöse Befehle, Geschrei, Dutzende Polizisten, die das Gebäude umstellten. Dann stürmten Spezialkräfte die Schalterhalle und überwältigten den Bankräuber. Alles war in Aufruhr - nur Ashley nicht: Sie saß an ihrem Schreibtisch und telefonierte.

Die junge Frau hörte die Sirenen, sie sah die Polizisten und spürte die Anspannung, die um sich griff, doch sie hatte an diesem Tag noch nicht genügend neue Konten verkauft. Ihr Chef sagte ihr, sie solle nicht einmal dran denken, nach den Kollegen zu sehen oder gar früher nach Hause zu gehen. Sie möge stattdessen gefälligst den Hörer in die Hand nehmen und weitermachen. "Dial for Dollars!", forderte er, was frei übersetzt so viel bedeutet wie: "Ruf an und verdiene Geld!" So hat es Ashley, die ihren Nachnamen nicht nennen will, jetzt, Jahre später, dem öffentlichen, nichtkommerziellen Radiosenderverbund NPR erzählt.

Glaubt man ihr und vielen anderen aktiven und früheren Wells-Fargo-Mitarbeitern, dann ist der Vorfall typisch: Typisch für jenes raue, beinahe unmenschliche Klima bei Amerikas drittgrößter Bank, das schließlich im Skandal um mehr als zwei Millionen Scheinkonten gipfelte, die verzweifelte Mitarbeiter im Namen ahnungsloser Kunden eröffnet hatten.

Glaubt man hingegen John G. Stumpf, dem langjährigen Chef des Finanzkonzerns, dann war alles ganz anders: Die Beschäftigten, so hat er jüngst vor dem Bankenausschuss des US-Senats ausgesagt, seien mitnichten psychisch unter Druck gesetzt worden. Und: "Wir haben niemals angeordnet oder unsere Mitarbeiter auch nur darum gebeten, den Kunden Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, die diese gar nicht haben wollten." Jetzt ist Stumpf, mit einer jährlichen Vergütung von mehr als 20 Millionen Dollar zuletzt einer der bestbezahlten Bankmanager der USA, von seinem Amt zurückgetreten.

Bis zu dieser Woche blickte der heute 63-Jährige auf eine Bilderbuchkarriere zurück. Er wuchs als eines von elf Kindern auf einem Bauernhof in Minnesota auf, arbeitete als Bäcker, begann bei einer kleinen Bank und heiratete die Tochter des Direktors. Er stieg auf, pflegte sein Image als eine Art Gegenentwurf zum gierigen Wall-Street-Banker und übernahm 2007 die Führung des Wells-Fargo-Konzerns, für den er insgesamt 34 Jahre arbeitete.

Schon sein Vorgänger Richard Kovacevich hatte bewusst auf viele Spekulationsgeschäfte verzichtet und stattdessen auf Privatkunden gesetzt. Das sorgte dafür, dass das Institut im Gegensatz zu vielen Konkurrenten relativ unversehrt durch die Finanzkrise von 2007 und 2008 kam. Da die Bank aber dennoch wachsen sollte, mussten die Mitarbeiter jeden Tag neue Kunden gewinnen oder aber bereits ans Haus gebundene Sparer dazu bewegen, weitere Konten zu eröffnen: Auf das Giro- folgte das Sparkonto, darauf die Kreditkarte, das Privatdarlehen, die Kreditkarte für die Kinder, der Studentenkredit. Das sogenannte Cross-Selling, wie es in der Branche genannt wird, ist überall üblich. Bei Wells Fargo wurde es zu einer Art Religion erhoben.

"Es ging immer so, Tag für Tag. Es war ein Schinderhaus."

"Eight ist great", lautete Stumpfs Motto, "acht ist prima". Sollte heißen: Erst wenn jeder Kunde mit mindestens acht Produkten des Hauses ausgestattet war, war die Sache ausgereizt. Und noch einen Hintersinn hatte der flotte Spruch: Nur Mitarbeiter, die jeden Tag mindestens acht neue Konten eröffneten, hatten aus Sicht des Konzernchefs ihre Arbeit ordentlich erledigt.

Wem das nicht gelang, der wurde nach Berichten von Aussteigern genötigt, Eltern, Geschwister und Freunde anzusprechen - notfalls vor und nach Dienstschluss oder an Wochenenden, die oft durchgearbeitet werden mussten. Wer dann immer noch nicht lieferte, wurde von seinen Vorgesetzten in die Mangel genommen und gerne auch öffentlich vorgeführt. "Es ging immer so, Tag für Tag. Es war ein Schinderhaus", sagt Eric, ein anderer Mitarbeiter. Ashley erinnert sich, sie habe sich nach einer Art Verhör durch ihre Chefs einmal unter ihrem Schreibtisch erbrochen. Andere Angestellte berichten, sie hätten immer wieder Kollegen weinen sehen.

In ihrer Not begannen die Beschäftigten damit, Giro- und Kreditkartenkonten auf den Namen von Kunden zu eröffnen, von denen diese gar nichts wussten. Manche Mitarbeiter splitteten ein Konto in zehn neue auf, um die Tagesvorgaben zu schaffen. Beschwerte sich ein Kunde, war von einer Panne die Rede. Dass die Konzernführung von all dem nichts gewusst haben will, darüber können viele aktive wie ehemalige Mitarbeiter nur bitter lachen. Ashley etwa, die zumeist in der Konzernzentrale in San Francisco arbeitete, erzählt, dass Stumpf gelegentlich höchstpersönlich an ihrem Schreibtisch vorbeilief. Auch verloren über die Jahre mehr als 5000 Mitarbeiter ihren Job, weil ihre Tricksereien und Betrügereien intern aufgefallen waren.

Entsprechend gereizt reagierte jetzt Elizabeth Warren, die streitbare Senatorin aus Massachusetts und langjährige Bankenkritikerin, auf Stumpfs Rücktrittsankündigung: Mit seinem Abgang, so Warren gegen über dem Nachrichtenportal Business Insider, habe der Manager "erst eine von drei Aufgaben erledigt": Er müsse außerdem jene 103 Millionen Dollar zurückzahlen, die er in den fraglichen Jahren 2011 bis 2015 an Salär erhalten habe, und sich überdies strafrechtlichen Ermittlungen stellen. Zeitungskommentatoren verweisen zudem darauf, dass die Bank zwar einen Strafbefehl über 185 Millionen Dollar akzeptiert, sich aber bisher weder für ihr Verhalten entschuldigt noch Reformen angekündigt hat. Immerhin: Die Ämter des Vorstands- und des Aufsichtsratschefs, die Stumpf noch in Personalunion bekleidet hatte, werden künftig auf die Manager Tim Sloan und Stephen Sanger aufgeteilt.

Ob auch Ashley von dem allseits verlangten Kulturwandel profitieren wird, ist noch ungewiss: Sie hatte eines Tages intern erklärt, sie könne die Vorgaben ihrer Chefs aus ethischen Gründen nicht länger erfüllen - und war prompt gefeuert worden. Seither sucht sie einen neuen Job. Bislang allerdings ohne Erfolg, und seit Jüngstem weiß sie auch, warum: Wells Fargo stellte ihr ein Zeugnis aus, auf das andere Arbeitgeber der Branche Zugriff haben. Der entscheidende Satz lautet: "Versagt bei der Erledigung ihrer Arbeitspflichten."