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US-Auftrag: Boeing versus EADS:Schlechter, aber billiger

Boeing hat im Wettbewerb um den lukrativen US-Auftrag ein schlechteres Flugzeug angeboten als EADS. Trotzdem bezweifeln Experten, dass die Europäer unfair ausmanövriert wurden.

Jens Flottau

Die Geschichte hat alles, was man von einem großen Wirtschaftskrimi erwartet. Zwei Mega-Konzerne, Boeing und EADS, kämpfen um einen Mega-Auftrag, den größten im Militärgeschäft seit langem. Es gibt scheinbare Sieger, Proteste, eine neue Ausschreibung, Korruptionsvorwürfe und 2004 sogar Gefängnisstrafen für Top-Manager.

Nach fast zehn Jahren Ringen um das große Geschäft muss der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS seine Niederlage eingestehen. Northrop Grumman und EADS werden sich nach einer Entscheidung des US-Unternehmens nicht an der Ausschreibung des amerikanischen Verteidigungsministeriums für zunächst 179 Tankflugzeuge beteiligen.

Damit geht der Auftrag, der auf ein Volumen von mindestens 35 Milliarden Dollar geschätzt wird, an den amerikanischen Konkurrenten Boeing. Die EADS-Aktie verlor daraufhin am Dienstag Vormittag fast fünf Prozent.

EADS und Northrop hatten bereits den Zuschlag

Das amerikanische Verteidigungsministerium hatte im Februar die neuen Bewerbungsunterlagen für das Projekt vorgelegt. Northrop Grumman und EADS hatten zuvor bereits damit gedroht, kein Angebot abzugeben. Sie kritisieren, dass die Kriterien des Wettbewerbs so ausgelegt sind, dass Boeing in unfairer Weise bevorzugt wird.

Northrop und EADS hatten 2008 bereits den Auftrag gewonnen, doch Boeing protestierte wegen angeblicher Fehler in der Ausschreibung erfolgreich vor dem US-Rechnungshof. Der Auftrag wurde daraufhin noch einmal völlig neu ausgeschrieben.

Wesentlich leistungsfähiger

Vorausgegangen war einer der größten Skandale der Branche. Darleen Druyun, die damalige Chefeinkäuferin der Air Force, schickte 2003 Details des damaligen EADS-Angebotes an Boeing und wurde wenig später mit einem lukrativen Abteilungsleiterposten belohnt. Druyun und der frühere Boeing-Finanzchef Mike Sears mussten deswegen Gefängnisstrafen absitzen.

Boeing bietet ein Flugzeug auf der Basis des Langstreckenflugzeuges 767 an, EADS hatte einen modernisierten Airbus A330 ins Rennen geschickt. Laut EADS und Northrop Grumman berücksichtigt das Pentagon bei der Bewertung nicht ausreichend, dass der A330 wesentlich leistungsfähiger ist als die 767.

EADS hätte gerne weitergemacht

Das Flugzeug könne nicht nur mehr Treibstoff, sondern auch noch Fracht und Truppen transportieren. Der neue Tanker soll Maschinen auf der Basis der Boeing 707 ersetzen, die wiederum deutlich kleiner als die beiden neuen Modelle ist.

"Die US-Luftwaffe weiß, dass wir bei weitem das bessere Produkt haben", schimpft Airbus-Chef Thomas Enders und vermutet, dass das Pentagon die letzte Ausschreibung trotzdem so geschrieben hat, dass Boeing die besseren Karten hatte. Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Es ist jenseits politischer Einflussnahme umstritten, ob die US-Streitkräfte wirklich all das brauchen, was der A330-Tanker bieten würde, oder ob es auch die kleinere, billigere Boeing tut.

Northrop Grumman und EADS waren sich offenbar uneins, wie sie weiter vorgehen sollen. In Branchenkreisen heißt es, EADS hätte trotz der unvorteilhaften Kriterien gerne weitergemacht.

Finanzieller Rückschlag

Offiziell hatte jedoch der amerikanische Partnerkonzern als offizieller Bieter für das Projekt die Entscheidung selbst in der Hand. EADS-Chef Louis Gallois sagte, sein Unternehmen wolle kein Angebot auf eigene Faust abgeben. Die Frist dafür läuft Anfang Mai aus.

Das Aus für den Tankerauftrag ist ein weiterer finanzieller Rückschlag für EADS. Wegen der hohen Zusatzkosten für den Militärtransporter Airbus A400M rutschte der Luft- und Raumfahrtkonzern 2009 bereits tief in die roten Zahlen. Das Unternehmen machte einen Netto-Verlust von 763 Millionen Euro, nachdem er für das A400M-Programm 1,8 Milliarden Euro zusätzlich zurückstellen musste.

Auch strategisch hat EADS unter dem geplatzten US-Auftrag zu leiden. Denn EADS wollte mit dem Tanker-Projekt die Präsenz in den USA deutlich ausbauen und somit die Abhängigkeit vom starken Euro verringern. Die starke Heimatwährung kostet den Konzern jedes Jahr beim Gewinn Unsummen: Steigt der Euro gegenüber dem Dollar um zehn Cent, bedeutet das einen um ungefähr eine Milliarde Euro niedrigeren operativen Gewinn für das größte europäische Luftfahrtunternehmen.

Kein ähnlich großer Auftrag in Sicht

Der Konzern hat deswegen in den vergangenen Jahren weltweit neue Standorte gegründet, unter anderem ein Forschungszentrum in Indien und eine Endmontagelinie für Airbus-Flugzeuge in China. Auch in den USA war ein neues Werk vorgesehen.

Die Tankflugzeuge sollten in Mobile/Alabama montiert werden. Später wollte EADS auch Airbus-Frachter und womöglich auch Passagiermaschinen dort bauen lassen, denn der US-Markt ist weiterhin riesig. Und Aufträge im Verteidigungsgeschäft sind daran gebunden, einen möglichst großen Teil des Auftrages direkt vor Ort zu produzieren, um lokale Arbeitsplätze zu sichern oder zu schaffen.

EADS-Chef Louis Gallois betont zwar, der Konzern wolle weiterhin in den USA wachsen. Das jedoch wird nun viel schwieriger, zumal kein ähnlich großer Auftrag in Sicht ist.

© SZ vom 10.03.2010/pak

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