Urlauber buchen kurzfristiger:Reisen in Zeiten von Trump und Erdoğan

Die Touristenströme verschieben sich. Mit Politik oder Terror hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Viele denken länger nach über ihr Urlaubsziel und fahren dann doch wieder in die Türkei oder die USA.

Von Michael Kuntz

Es ist schon ein wenig irre: Wenn die Abendnachrichten im Fernsehen mit Donald Trump beginnen, dann bucht am nächsten Morgen im Callcenter kaum jemand eine Reise in die USA. Und wenn die Nachrichten mit Recep Tayyip Erdoğan beginnen, dann bucht am Tag darauf kaum jemand eine Reise in die Türkei. "Und mit einem der beiden Präsidenten beginnen die Abendnachrichten oft in diesen Monaten", sagt mühsam lächelnd der Mann im grauen Geschäftsanzug. Er ist Topmanager eines der großen deutschen Reiseveranstalter.

Das war im Frühjahr. Jetzt Anfang Juli, zu Beginn der Reisesaison, kann der Manager wieder ungezwungen strahlen, ein Gesichtsdruck, wie er seit sieben Jahren normal ist in der Reiseindustrie mit ihren 2,9 Millionen Beschäftigten. Sie ist ein Wirtschaftszweig, der gerade wieder recht erfolgreich unterwegs ist, trotz vieler Unwägbarkeiten, die Menschen in ihrem Reiseverhalten beeinflussen - oft über Nacht.

Trump und Erdoğan haben bei genauerer Betrachtung viel von ihrem Schrecken für die Touristikindustrie verloren, jedenfalls für die deutschen Urlauber und Reiseveranstalter. Und manche sagen sogar, dass es diesen Schrecken gar nicht gegeben hat.

Denn für den Rückgang der Reisen in die USA werden in der Branche weniger die politischen Eskapaden des amerikanischen Präsidenten verantwortlich gemacht. Für Touristen aus Europa ist der Urlaub in Nordamerika einfach deutlich teurer geworden als früher. Ursache ist die Stärke des Dollar, der aktuell 0,88 Euro kostet, aber auch schon mal für 0,72 Cent zu haben war.

Mit dem Erstarken des Dollar, das im Jahr 2014 einsetzte, ließ dann auch bald darauf der Andrang von Touristen aus der Euro-Zone in die USA nach. Das war also bereits längere Zeit vor dem Amtsantritt von Donald Trump der Fall und es scheint sich nun fortzusetzen. Das ist nicht ohne Weiteres zeitnah erkennbar: Denn Reiseveranstalter kalkulieren ihre Katalogpreise ja jeweils für eine gewisse Zeit im Voraus. In der Regel schließen sie Kurssicherungsgeschäfte ab, um eine stabile Kalkulationsgrundlage zu haben. Änderungen der Devisenkurse wirken sich also oft erst mit einer gewissen Verzögerung auf die Reisepreise aus.

Aus diesen Gründen will man beim Deutschen Reiseverband DRV nicht von einem Trump-Effekt sprechen, denn einen stärkeren Rückgang der Buchungen als vor Trump habe es bisher nicht gegeben.

Urlauber in den USA interessieren sich für die weite Landschaft und die Metropolen, die Disneyland-Parks und Las Vegas - alles touristische Attraktionen, die durch den Wahlsieg von Trump bekanntlich nicht verschwunden sind. Vor zwei Jahren waren es 2,3 Millionen Deutsche, die in die USA reisten. Es waren so viele wie nie zuvor. Beim Reiseverband rechnet man in diesem Jahr mit weniger. Dennoch werden voraussichtlich mehr als zwei Millionen Deutsche das Land besuchen, das für viele weiterhin ein Traumziel ist. Je nachdem, wie sich die "teilweise kurzfristigen und volatilen Stimmungslagen" und der Umtauschkurs schließlich insgesamt auswirken.

Urlauber buchen kurzfristiger: Reiseziel Istanbul: Wegen der politischen Unsicherheiten sind die Buchungszahlen zurückgegangen, doch mittlerweile locken günstige Preise viele Besucher ins Land.

Reiseziel Istanbul: Wegen der politischen Unsicherheiten sind die Buchungszahlen zurückgegangen, doch mittlerweile locken günstige Preise viele Besucher ins Land.

(Foto: AFP)

Die USA sind zwar das beliebteste Fernreiseziel der Deutschen, aber Fernreisen sind nur acht Prozent aller 69,1 Millionen Urlaubsreisen, die fünf oder mehr Tage dauern. Die beliebteste Urlaubsregion ist mit 37 Prozent weiterhin das Mittelmeer. Nach Spanien und Italien rangiert hierbei die Türkei an dritter Stelle.

"Die Türkei ist ein beliebtes Reiseland, das Touristen grundsätzlich herzlich und offen empfängt", heißt es trotz allem noch in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes in Berlin. Aus den touristischen Reisezielen entlang der Mittelmeerküste seien bislang keine sicherheitsrelevanten Ereignisse gemeldet worden, bei denen ausländische Touristen zu Schaden gekommen seien. Die Sicherheitsvorkehrungen befänden sich landesweit auf hohem Niveau. Die Diplomaten geben allerdings auch deutliche Sicherheitshinweise: "Angesichts von Anschlägen terroristischer Gruppierungen auch gegen nicht-militärische Ziele muss aber in allen Teilen der Türkei grundsätzlich von einer terroristischen Gefährdung ausgegangen werden."

Deshalb sollten Menschenansammlungen, etwa auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen sowie der Aufenthalt nahe Regierungs- und Militäreinrichtungen gemieden werden. Etwas konkreter dann: "Infolge des gescheiterten gewaltsamen Putschversuchs soll es vereinzelt zu aggressiven Übergriffen von Anhängern politischer Lager gegen vermeintlich Andersdenkende kommen. Es wird dringend geraten, auf solche Eskalationen zu achten, sich umgehend zu entfernen und einen sicheren Ort aufzusuchen. Zudem sollte die Nutzung von Verkehrsmitteln des öffentlichen Personennah- und Fernverkehrs auf das erforderliche Maß eingeschränkt werden." Vorsicht sei auch geboten bei Zufallsbekanntschaften in Bars oder Restaurants.

Trotz der politischen Spannungen reisten im vorigen Jahr vier Millionen Menschen als Urlauber in die Türkei. Das waren immerhin eine Million mehr als nach Griechenland. Es waren aber etwa ein Drittel weniger als 2015. Auf diesem niedrigeren Ausgangsniveau vermeldet das Land jetzt wieder steigende Buchungszahlen. "Die Türkei ist preisgünstig wie noch nie", heißt es beim Reiseverband. Viele Urlauber würden sich erst kurzfristig für eine Reise in das Land entscheiden. Das war im vorigen Jahr auch schon so.

Und besonders viele buchen dann online. Möglicherweise ist ein Vorteil dabei: Man braucht niemandem zu erklären, warum man sich doch noch für Ferien in der Türkei entschlossen hat.

Zwar verbringen nach der Serie terroristischer Anschläge in verschiedenen Staaten Europas im vergangenen Jahr wieder mehr Deutsche die Ferien in der Heimat. Sie setzen sich ins Auto und buchen eine Unterkunft direkt, ohne im Reisebüro eine Pauschalreise zu kaufen.

1,5 Millionen

Touristen aus China könnten in wenigen Jahren ihren Urlaub in Griechenland verbringen. So lauten Schätzungen in Peking. Das wären etwa zehn Mal so viele wie 2016. Die chinesische Fosun-Gruppe will spezielle Pauschalreisen entwickeln und über Thomas Cook vertreiben. Zwar erholt sich der Tourismus in Griechenland gerade, doch würde das Land wirtschaftlich weniger abhängig von Urlaubern aus Europa.

Jene, die weiter weg wollen, suchen sich ein Ausweichziel: Statt in die USA geht es zum Beispiel nach Kanada, statt in die Türkei nach Spanien. Dort sind die Hotels inzwischen weitgehend ausgebucht und so teuer geworden, dass auch Griechenland in diesem Jahr wieder gute Chancen hat auf ein Comeback, trotz Schuldenkrise und Flüchtlingsproblematik.

Griechenland hat wieder Chancen auf ein Comeback

Auch die nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainerstaaten Marokko und Tunesien würden sich langsam erholen, das Winterziel Ägypten komme sogar stark zurück, berichtet Stefanie Berk, die Deutschland-Chefin bei Thomas Cook, dem Konzern, der mit seiner Tochterfirma Öger Tours besonders betroffen ist von der Entwicklung in der Türkei. Den Reiseveranstaltern kann es letztlich egal sein, wohin ihre Kunden wollen. Hauptsache sie kehren erholt und unversehrt und zufrieden zurück.

Ein Reiseveranstalter verhält sich anders als seine großen Wettbewerber in der Branche: Die Münchner FTI Group expandiert derzeit stark in Urlaubsregionen wie die Türkei, Ägypten und Marokko. Dort sind andere vorsichtiger. "Wir analysieren einfach genau, welches Potenzial wir in den Destinationen sehen. Wir sind sehr operativ ausgerichtet und haben mit unserem Agenturnetz Meeting Point Mitarbeiter vor Ort. Da kommen wir dann manchmal zu anderen Einschätzungen als die Kollegen. Aber wir sind keine Hasardeure", sagte FTI-Chef Dietmar Gunz unlängst der Branchenzeitschrift fvw.

Kann man in einem Land wie der Türkei zwischen Politik und Tourismusgeschäft unterscheiden? "Ich glaube, wir müssen das", antwortete Gunz. "Wir orientieren uns an den Sicherheitseinschätzungen des Auswärtigen Amts. Aber wir können kein Politik-Rating abgeben. Dann dürften wir viele Länder in der Welt nicht mehr anbieten." Tourismus, so Dietmar Gunz, sei schließlich auch wichtig für die soziale Stabilität in einem Land, schaffe Arbeitsplätze und Ausbildung.

© SZ vom 01.07.2017
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