6000 bis 7000 Euro für zwei Wochen Sonne, Strand und Hotel? Für viele Familien ist das längst kein realistischer Traumurlaub mehr – sondern unbezahlbarer Luxus. Obwohl Reisen für viele Deutsche ein hohes Gut bleibt, sprengen die Preise für Pauschalurlaube in den Sommerferien zunehmend ihr Budget.
Das mussten sich in diesem Jahr auch die Reiseveranstalter, Hotels und Airlines eingestehen. Mittlerweile haben sie die Preise stark gesenkt. Für spontane Menschen mit Fernweh ist das eine gute Nachricht: Wer bislang von den hohen Kosten abgeschreckt wurde, hat gute Chancen, last minute einen Sommerurlaub zum Schnäppchenpreis zu buchen – teilweise mit Abschlägen um bis zu 40 Prozent, etwa für die Türkei, Griechenland oder Ägypten. Im Vergleich zum Preisniveau im Frühjahr können Kunden so mehrere Hundert Euro sparen. Weil die Hoteliers und Airlines nicht ausreichend gebucht sind, findet gerade ein Abverkauf statt. „Ein leerer Sitz und ein leeres Hotelbett sind eben eine verderbliche Ware“, erklärt ein Sprecher des Reisekonzerns Tui.
Ömer Karaca, Chef von Schmetterling International, einer der größten unabhängigen Reisebüro-Kooperationen im deutschsprachigen Raum, blickt zwiegespalten auf die aktuelle Rabattschlacht. Wie die meisten Touristiker in Deutschland ärgerte sich auch Karaca noch bis vor Kurzem über maue Buchungszahlen für die Sommermonate. Nach einer starken Frühbuchersaison, die Ende Januar allerdings früher endete als in den Vorjahren, hielten sich viele mit dem Buchen des Sommerurlaubs zurück. Es war ihnen schlicht zu teuer geworden, erklärt er. Seit rund zwei Wochen ist in den Reisebüros jedoch wieder einiges los, weil viele Kunden aufgrund der gefallenen Preise doch noch buchen wollen. Das freut Karaca natürlich. Aber: „Die Hotels und Airlines sind viel zu spät aufgewacht“, sagt der Schmetterling-Chef. Mittlerweile haben die Sommerferien in vielen Bundesländern bereits angefangen.

Vereinzelt kämen auch Kunden in die Reisebüros, erzählt Karaca, die bereits früh gebucht haben und sehr verstimmt seien, dass sie nun doch mehr bezahlen müssen als die Kurzentschlossenen. Den Ärger kann Karaca nachvollziehen, schließlich habe man ihnen Anfang des Jahres versprochen, mit den Frühbucherrabatten einen sehr guten Preis zu erhalten. „Denjenigen, die sich beschweren, muss man ehrlich erklären, dass die Nachfrage bislang nicht hoch genug gewesen ist“, sagt er. Das seien keine einfachen Gespräche.
Manche Frühbucher sind nun verärgert
Zumal die Frühbucher eigentlich die Art von Kunden sind, die unter Touristikern besonders beliebt sind, denn sie sorgen für Planungssicherheit und bringen frühzeitig Einnahmen. In den vergangenen Jahren hat die Reisebranche viel dafür getan, ihre Kunden dahin zu erziehen, dass es sich lohnt, möglichst lange im Voraus zu buchen. „Early bird schlägt Last-Minute“ lautete die Devise, auch weil das Angebot nach der Pandemie geringer war als vorher.
Jetzt befindet sich die Branche in einer gewissen Erklärungsnot. Tui etwa wirbt auf der eigenen Website aktuell sogar mit Preisabschlägen von bis zu 50 Prozent. Seit einem Monat gibt es zudem über die Website von Lturs, der Last-Minute-Sparte von Europas größtem Reisekonzern, die Möglichkeit, super kurzfristig zu buchen – mit Abflugzeiten noch am selben Tag. Gleichzeitig scheint Tui auf keinen Fall den Eindruck erwecken zu wollen, dass die Zeiten sich grundlegend geändert haben und es sich wieder mehr lohnt, auf die letzte Minute zu buchen. „Frühbucher haben mehr Auswahl. Und die Hotels, die jetzt mit guten Last-Minute-Angeboten auf den Markt kommen, sind auch nicht die gleichen, die bereits attraktive Frühbucherrabatte hatten“, argumentiert ein Sprecher.
Markus Heller ist Geschäftsführer der auf die Touristik spezialisierten Unternehmensberatung Dr. Fried und Partner und seit 30 Jahren in der Branche. Er beobachtet den aktuellen Preisrutsch mit einem gewissen Gefühl von Déjà-vu. „Es gibt Jahre, in denen Frühbucher profitieren, und andere, in denen Last-Minute wieder die Nase vorn hat“, sagt er. Nach einer Phase hoher Nachfrage nach der Pandemie sei die Preisdecke erreicht und die Budgetgrenze zahlreicher Urlauber überschritten. Viele Hoteliers, etwa in der Türkei, hätten zuletzt die Preise zu stark erhöht, nun müssten sie durch Rabatte ihre Risiken wieder abbauen – wohl nicht ohne Folgen: „Die Gäste merken sich, wenn Last-Minute günstiger ist. Das verändert das Buchungsverhalten langfristig“, so Heller.
Ömer Karaca hat den Eindruck, dass manche Hotelbetreiber angefangen haben, sich zu überschätzen. In vielen Destinationen gäbe es tolle 5-Sterne-Boutique-Hotels mit gehobenem Service und besonderem Interieur, erklärt der Chef der Reisebüro-Kooperation. „Die sind wirklich im High-End-Preissegment, und das ist auch okay, denn sie sprechen eine gewisse Zielgruppe an, die sich das leisten kann“, sagt er. Doch viele Nachbarhotels hätten daraus fälschlich geschlossen, dass auch sie ihre Preise anheben könnten, obwohl sich ihr Angebot auf deutlich niedrigerem Niveau bewege. „Die Preise gleichen sich an, und das ist eigentlich falsch“, stellt Karaca fest. „Einige Hotelbetreiber haben es extrem überspannt.“
Die deutsche Reisebranche beruft sich gern auf Umfrageergebnisse der Forschungsgemeinschaft Urlaub- und Reisen (FUR), die jährlich das Urlaubsverhalten der Deutschen abfragt. Dabei zeigt sich regelmäßig: Reisen sind – gleich nach Lebensmitteln – das Konsumgut, für das die Deutschen am meisten Geld ausgeben. Doch auch diese Ausgabebereitschaft hat ihre Grenze, vor allem in Zeiten, in denen viele Haushalte stärker aufs Geld achten müssen.
In der Branche hoffen sie, dass die Stimmung nicht kippt und die grundsätzlich hohe Ausgabebereitschaft für Urlaube bleibt. „Wenn künftig wieder Last-Minute mit niedrigen Preisen im Vordergrund steht, dann haben wir womöglich bald wieder die alte Geiz-ist-geil-Mentalität“, sagt Heller. Dann leidet am Ende die Qualität – und damit auch die Zufriedenheit der Reisenden.

