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Unternehmenstheater:Kleine Komödie

Scharlatan - Unternehmenstheater

Büroalltag als Schauspiel: Ist das nun zum Lachen oder zum Heulen?

(Foto: oh)

Vorhang auf für die Deppen aus der Entwicklungsabteilung! Eine Theatergruppe bringt Probleme des Büroalltags auf die Bühne.

Von Angelika Slavik, Hamburg

So ein Tag im Büro hat ja mitunter operettenhafte Züge. Acht Stunden Arbeitstag, das bedeutet eben nicht einfach nur acht Stunden Arbeit. In Wahrheit ist es eine Abfolge von großen und kleinen Dramen, ein bisschen Flirterei, ein bisschen Streit um Zuständigkeiten. Hie und da ein wenig gockelhafte Selbstinszenierung, gefolgt von genervten Reaktionen auf die gockelhafte Selbstinszenierung. Ist es da nicht logisch, dass man dieses Schauspiel auf eine Bühne bringt?

Ali Wichmann, 68, steht im Foyer des Scharlatan-Theaters in Hamburg. Natürlich steht er nicht nur einfach so rum. Wichmann, schwarze Klamotten, neongrüner Hut, ist auf einen Stuhl geklettert, um zur Truppe zu sprechen. Eigentlich sagt er nur, dass es dann jetzt losginge, aber weil er ein Theatermensch ist, ist auch diese kleine Information ein Auftritt. Vielleicht muss das so sein, schließlich sind die Leute, die er da in den Saal scheucht, keine normalen Theaterbesucher. Sie sind potenzielle Kundschaft, die sich hier ansieht, was Wichmann und seine Kollegen so zu bieten haben. Denn die machen "Unternehmenstheater" - eine Art Unternehmensberatung auf der Bühne. "Wir versuchen, interne Spannungen sichtbar zu machen", sagt Wichmann. "Denn damit werden sie auch besprechbar." Und darüber zu reden, sei nun mal die Voraussetzung, um Probleme zu lösen.

Im Saal beginnt nun also die Generalprobe für ein Stück, das die Scharlatan-Truppe für ein Software-Unternehmen geschrieben hat. Die Geschichte geht so: Für die Firmenfeier soll eine Firmenband zusammengestellt werden, die dann, genau, ein Firmenlied zum besten gibt. Es läuft wie solche Projekte nun mal so laufen: nicht gut. Die Vorgabe aus der Chefetage lautet, dass jede Abteilung in der Band vertreten sein muss. Das musikalische Talent ist leider ungleich verteilt, der Ehrgeiz auch. Einer will Country spielen, ein anderer lieber Hardrock. Die Projektgruppe Firmenlied steht alsbald vor dem Kollaps.

Das ist ein bisschen brachial, aber unbestreitbar lustig: Denn bis sich die Projektgruppe zum Happy End durchgewurschtelt hat, fallen ein paar schöne Sätze, echte Büroklassiker sozusagen. "Hier geht's ums Prinzip", ist so ein Satz. "Das ist wieder typisch Entwickler", ein anderer. Und dann ist da natürlich ein Kollege, der alle quält mit seinen Früher-war-alles-besser-Geschichten. Das Stück für das Software-Unternehmen trifft die Realität in vielen deutschen Firmen. Büro und Bühne?

Mitunter gibt es da nicht so viel Unterschied. Dabei seien die Werke des Scharlatan-Theaters detailliert auf die Unternehmen abgestimmt: "Bevor wir ein Stück erarbeiten, führen wir viele vertrauliche Interviews in dem Unternehmen", sagt der Theatergründer Wichmann. "Wir verschaffen uns einen genauen Überblick über die Konfliktstrukturen und erarbeiten auf dieser Basis dann das Stück für das jeweilige Unternehmen." Meistens engagieren Firmen die Scharlatan-Truppe, wenn sie einen größeren Veränderungsprozess durchlaufen. Umstrukturierungen, Fusionen, neue Ausrichtung des Geschäftsmodells. Manchmal auch, wenn es keine großen Einschnitte gibt, aber über die Jahre die Stimmung ein bisschen gelitten hat.

Mercedes, Siemens, Opel und die Hamburger Sparkasse stehen auf der Kundenliste der Theatertruppe. Dabei ist nicht nur der Inhalt des Stücks variabel, sondern auch die Umsetzung: Manchmal führen die Schauspieler ein Stück vor, und im Anschluss daran werden die Probleme in der Firma diskutiert. Seltener stehen die Mitarbeiter der jeweiligen Firma auch selbst auf der Bühne. In jüngster Zeit sind auch unangekündigte Auftritte in Mode, bei denen die Schauspieler zum Beispiel als Kellner bei der Firmenfeier auftreten - und in dieser Rolle schließlich alles durcheinanderbringen.

Darüber, ob Wirtschaft und Kunst zusammenpassen, ob sie vielleicht sogar zusammengehören, kann man trefflich streiten. Ali Wichmann findet, das wäre eine "schrecklich eingeschränkte" Sicht auf die Kunst, wenn Auftragswerke für Unternehmen da nicht auch Platz hätten. Und dass Theater nicht immer in gediegenen Sälen stattfinden müsse, eingerahmt von schweren Samtvorhängen. "Theater ist überall", sagt Wichmann. Nächste Vorstellung: Montagmorgen in deutschen Büros.

© SZ vom 17.02.2018
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