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Unternehmensgründer:Eine wichtige Rolle spielt die Armee

Zurück in Herzlia. May Elmaliach sitzt in einem leeren Hörsaal, vor sich den offenen Ordner. Sie hat sich Notizen für das Treffen gemacht, sie geht ihr Leben strukturiert an, ihre Zukunft genauso wie ein Gespräch. Sie ist eine zierliche junge Frau, blaue Augen, dunkle Locken, die weiß-blaue Bluse in die Jeans gesteckt. "Man sieht so viele erfolgreiche Gründer hier", sagt sie. So viele Leute, die ihre Ideen verwirklichen und ihr eigener Chef sind. Deswegen wollen das so viele, sagt sie. Deswegen will sie das. "Aber vielleicht sind wir auch ambitionierter als andere, weil wir später ins Leben starten."

In Deutschland fangen 18-Jährige an zu studieren, in Israel müssen 18-Jährige erst mal zum Militär. Männer drei und Frauen zwei Jahre. Die Armee führt aber nicht nur dazu, dass junge Israelis später anfangen zu studieren (und dennoch früher erwachsen werden), sie beeinflusst fast alles in diesem Land: das Leben des Einzelnen, das Miteinander, die Sicherheit, die Wirtschaft. Denn die Armee ist auch eine Art Gründerzentrum.

Israel ist umgeben von Feinden und trägt im Inneren einen militärischen Konflikt aus. Man kann sich das vorstellen wie ein Pulverfass, das inmitten von Kerzen lagert. "We live in a tough neighbourhood", so formulieren das Einheimische, in einer rüden Nachbarschaft. Deswegen spielt die Armee so eine wichtige Rolle in Israel. Nur Saudi-Arabien gibt gemessen am Brutto-inlandsprodukt noch mehr Geld aus für das Militär.

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Wegen der vielen Bedrohungen besteht die israelische Armee nicht nur aus Soldaten - die klügsten Köpfe des Landes arbeiten hier ständig an neuen Technologien, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und abzuwehren. Schon in den Schulen werden die Begabtesten mit Mathetests herausgefiltert und rekrutiert. Aus Entwicklungen des Militärs entstehen wiederum Ideen für Start-ups, überwiegend im Hightech-Bereich. Für Cybersecurity, autonomes Fahren, Biowissenschaften oder Projekte mit künstlicher Intelligenz. Das Start-up Mobileye, das in diesem Jahr für 15 Milliarden Dollar vom US-Chiphersteller Intel gekauft wurde, ist das bekannteste Beispiel für eine Technologie, die im Militär entwickelt wurde.

Man findet Freunde in der Armee, der gemeinsame Kampf schweißt zusammen, der Militärdienst macht aus Jugendlichen aber auch Manager. Die Rekruten sollen Verantwortung übernehmen und Einheiten leiten, sie sollen Hierarchien hinterfragen und Vorgesetzten widersprechen. Und wer mit 20 schon Kommandant war, tut sich ein paar Jahre später natürlich leichter, ein eigenes Unternehmen zu leiten.

Die Armee birgt große Chancen - und große Gefahren

Die Armee beeinflusst aber auch, was man nach der Armee wird. Wer es schafft, in eine Eliteeinheit wie die Unit 8200 zu kommen, eine IT-Aufklärungseinheit, kann sich hinterher aussuchen, welchen Job er annimmt. In Israel - und angeblich auch weltweit. In welcher Einheit sie landen werden, wissen die 18-Jährigen nicht.

May Elmaliach träumte von der Unit 8200 und landete in einer Kampfeinheit. Sie koordinierte die Einsätze von Fallschirmjägern. Weil sie in keiner Eliteeinheit war, ist es für sie schwieriger, Karriere zu machen. Das Wissen, die Kontakte, all das versucht sie nun an langen Unitagen nachzuholen. Elmaliach ist ein gutes Beispiel dafür, dass in ihrer Heimat nicht alle gleichberechtigt träumen dürfen. Sie sagt, es sei auch ein Vorteil, dass es so gekommen ist. "Das macht mich noch zielstrebiger."

Die Armee traumatisiert aber auch. So wie vieles in diesem Land. Eine junge Journalistin erzählt auf einer Veranstaltung, dass ihre beste Freundin bei einem Selbstmordattentat in einem Bus starb. Sie fährt seither nicht mehr Bus. Fast jeder hier hat so eine Freundin.

Kaderschmiede Armee: Das Militär ist auch ein begehrter Arbeitgeber – viele Firmengründungen haben ihren Ursprung hier.

(Foto: Jack Guez/afp)

Wer mit der ständigen Gefahr von Bomben und Selbstmordattentaten aufwächst, dessen größte Sorge ist es nicht, mit einem Start-up zu scheitern. Auch das trägt zum israelischen Gründergeist bei. Die Risikobereitschaft ist viel größer als in Deutschland und auch der Mut. Hinzu kommt, dass Israel kaum Handel treibt mit seinen Nachbarn und keinen großen Heimatmarkt hat. Aus diesem Grund konzentrieren sich israelische Gründer gleich auf den internationalen Markt und die Bedürfnisse internationaler Unternehmen - und entwickeln keine Pizza-Liefer-Apps.

Man kann die Gründe für den Gründergeist natürlich auch so zusammenfassen wie der deutsche Botschafter an einem Abend: Was soll man denn sonst machen?