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Kommentar:Nicht um jeden Preis

Thomas Fromm, thf

Thomas Fromm findet eh, dass Manager mehr Habermas lesen sollten. Illustration: Bernd Schifferdecker

Auch wenn Philosophie nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört: Unternehmen könnten sich ruhig mal ein Beispiel an Jürgen Habermas nehmen und das eine oder andere Geschäft ausschlagen.

Von Thomas Fromm

Natürlich ließe sich jetzt einwenden, dass es Jürgen Habermas doch vergleichsweise einfach hat. Der Philosoph und Soziologe muss in den Vereinigten Arabischen Emiraten keine Limousinen verkaufen, keine Gasturbinen und keine Schnellzüge. Bei dem Autor der "Theorie des kommunikativen Handelns" geht es seit Jahrzehnten um Texte und Ideen, nicht um Umsatzrenditen und geschmeidige Vertriebsstrukturen. Und hey, ist der Mann inzwischen nicht auch schon 91? Na dann.

Auch wenn die Habermas'sche Diskursethik nicht unbedingt zu ihren Kerngeschäften gehört, würde es sich für Manager, Vorstände und Chef-Verkäufer lohnen, sich die Sache noch einmal genauer anzusehen. Habermas hat vor einigen Tagen beschlossen, den "Sheikh Zayed Book Award", einen mit 225 000 Euro dotierten Buchpreis in Abu Dhabi, doch nicht anzunehmen. Die Emire am Golf wollten ihn damit unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Mohammed bin Zayed bin Sultan Al Nahyan zur "kulturellen Persönlichkeit des Jahres" küren. Eine große Ehre, aber ein solcher Preis, ausgelobt von einer autoritär regierten Golfmonarchie - das war dem liberalen Soziologen am Ende dann doch etwas zu viel. Der Vertreter des "herrschaftsfreien Diskurses" hat von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht, abgewogen und sich gegen den Preis entschieden.

Es sind Entscheidungen, vor denen Manager sehr oft stehen, wenn es um Geschäfte in autoritär geführten Ländern geht. Hinfahren oder lieber daheimbleiben? Umsatz mitnehmen oder auf Ruhm und Geld verzichten? In der Regel entscheiden sie sich für das Geschäft. Sie fahren hin, verhandeln, unterzeichnen, streichen ein. Sie entscheiden sich für Absatz, Umsatz und Gewinn, für den Aktienkurs, für die Shareholder. Und am Ende natürlich auch für sich selbst, denn Geschäft bedeutet Erfolg, und am Ende misst sich am Erfolg auch die Vergütung der Manager. Dabei würde ihnen ein bisschen mehr Habermas ganz guttun.

Es war also höchste Zeit für einen Verhaltenskodex, wie ihn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jetzt anlässlich der "Woche der Meinungsfreiheit" ins Spiel gebracht hat. Meinungsfreiheit als ein Gut im weitesten Sinne und nicht nur etwas für Schriftsteller, Journalisten oder prominente 91-jährige Professoren wie Habermas. Auch Vertriebsleiterinnen und Vertriebsleiter von Siemens oder BASF, die in China, Belarus oder Saudi Arabien unterwegs sind, sollten dieses Recht in Anspruch nehmen können - und müssen. Dafür braucht es allerdings immer auch einen Vorgesetzten, der es genauso sieht. Und einen Vorstand, der findet, dass man ein Geschäft unter bestimmten Voraussetzungen auch mal in den Wind schießen kann.

Hier aber könnte das Problem liegen.

In der Eigenwahrnehmung vieler Unternehmen ist nämlich alles bestens geregelt. Natürlich hat man Compliance-Richtlinien, und selbstverständlich setzt man sich mit der Menschenrechtslage auseinander. Und außerdem schade es ja nicht, mit zwielichtigen Regimen im Gespräch zu bleiben. Im Grunde ist also alles business as usual. Auffällig ist, dass sämtliche Richtlinien - nur ein Beispiel - auch nicht verhindern, dass man in der nordwestchinesischen Region Xinjiang ein Autowerk baut, ausgerechnet da, wo die ethnische Minderheit der Uiguren verfolgt und in Lagern weggesperrt wird. Oder auch mal Geschäfte mit Kronprinzen macht, die unter dringendem Verdacht stehen, Menschen zersägen zu lassen.

Die Chancen, dass ein solcher Kodex zur Selbstverpflichtung wirklich funktioniert, steigen, je mehr Unternehmen ihn unterschreiben. Die Aktion des Börsenvereins muss international ausgeweitet werden, wenn sie wirken soll. Denn so wird man das in vielen deutschen Vorstandsetagen am Ende womöglich sehen: Wenn wir das Geschäft aus ethischen Gründen nicht machen, dann macht es die Konkurrenz aus Frankreich oder den USA. Also machen wir es am besten doch gleich selbst.

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