Süddeutsche Zeitung

Unternehmen der Kirchen:Mit gutem Glauben wirtschaften

Zusammen sind sie Deutschlands zweitgrößter Arbeitgeber: die evangelische und die katholische Kirche. Unternehmen mit Milliardenumsätzen befinden sich in frommen Händen. Dazu zählen die Verlagsgruppe Weltbild, die nun verkauft werden soll, Lebensmittelhersteller, Filmproduzenten oder Finanzinstitute.

Die Verlagsgruppe Weltbild ist nicht das einzige kommerzielle Unternehmen in Deutschland, das sich komplett in Händen der katholischen Kirche befindet. Doch keines polarisiert die Gläubigen derart wie das Verlagshaus aus dem Nordosten Augsburgs. In kommerzieller Hinsicht ist Weltbild überaus erfolgreich, das Unternehmen macht seit Jahren Millionen-Gewinne. Andererseits ist es vor allem in den konservativen Kreisen der katholischen Kirche sehr umstritten.

Hauptkritikpunkt ist, dass der Konzern auch erotische, okkultistische oder esoterische Inhalte vertreibt. Nun haben die deutschen Bischöfe offenbar endgültig ihre Geduld verloren. Ein Weltbild zerbricht - sie wollen das Unternehmen wieder einmal verkaufen. Diesmal scheinen sie entschlossener zu sein als 2008 und 2009. Damals bliesen sie ihre Pläne ab, weil in der Finanzkrise kein zufriedenstellender Preis zu erzielen war.

In den vergangenen drei Jahren erwirtschaftete das Unternehmen dem Bilanzbericht zufolge einen Gewinn von zusammen gerechnet mehr als 126 Millionen Euro. Dabei wurden drei Millionen Euro an die Gesellschafter ausgeschüttet - einige Kritiker bezeichnen diesen Betrag als viel zu gering. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hatte zuletzt vehement den Verkauf des Weltbild-Verlages gefordert.

Dabei stellte er aber auch kirchliche Unternehmens-Beteiligungen generell zur Diskussion: "Unabhängig von der moralischen Qualität" mancher Produkte dürften Bischöfe "nicht einen Konzern unterhalten, mit 6000 Mitarbeitern, mit Milliarden-Umsätzen". Andererseits äußerte er ein Verständnis für die Geschäftspolitik des Verlages: "Die können doch jetzt nicht ganze Sparten, die wahrscheinlich besonders gehen, rausnehmen." Ein derartiger Konzern könne wohl nur existieren, wenn er expandiere.

Weniger differenziert argumentierten die erzkonservativen Weltbild-Gegner in einschlägigen Medien; sie versuchten die Diskussion auszunutzen, um missliebige Personen im Aufsichtsrat namentlich zu kritisieren. Die derartige Berichterstattung "in Medien, die der Kirche nahestehen", kritisierten die Bischöfe in ihrer Stellungnahme als "verzerrend und unangemessen".

Sozialtarifvertrag soll Weltbild-Mitarbeiter absichern

Weltbild-Chef Carel Halff, seit 1975 im Unternehmen, nahm die Entscheidung der Gesellschafter "mit Demut und Dankbarkeit" zur Kenntnis: "Wir bedauern zutiefst, dass durch einzelne Internetangebote, mögen sie wirtschaftlich noch so unbedeutend gewesen sein, die Glaubwürdigkeit der Gesellschafter und des Unternehmens gelitten hat." Vor sechs Wochen noch hatte Halff beteuert: "Ein Verkauf ist im Moment kein Thema."

Die große Frage ist nun, ob und wann der Verlag tatsächlich einen Käufer findet. Bei einer Informationsveranstaltung für die Führungskräfte sprach Geschäftsführer Halff von einem Zeitraum zwischen einem und zwei Jahren. Der Betriebsratsvorsitzende Peter Fitz forderte dabei einen Sozialtarifvertrag, um die Mitarbeiter abzusichern. "Doch das stößt auf Ablehnung bei der Geschäftsleitung und wohl auch bei den Gesellschaftern", kritisierte Fitz.

Die Kirche ist nie nur eine geistige, sondern immer auch eine wirtschaftliche Macht gewesen. Heute beschäftigen die evangelische und die katholische Kirche etwa 1,2 Millionen Arbeitnehmer - sie sind damit der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland nach dem öffentlichen Dienst. Der überwiegende Teil der Beschäftigten arbeitet bei Caritas und Diakonie, besonders in der Pflege, in Krankenhäusern und als Erzieher.

Die wichtigste Einnahmequelle der Kirche ist die Kirchensteuer, die evangelische Kirche erhielt 2010 fast 4,3 Milliarden Euro, die katholische Kirche 4,8 Milliarden Euro. Zudem verfügt die Kirche noch immer über einen beachtlichen Besitz: Allein 60.000 denkmalgeschützte Immobilien gehören der katholischen Kirche, nicht denkmalgeschützte Häuser werden nicht zentral erfasst. Die evangelische Kirche besitzt insgesamt etwa 75.000 Gebäude, davon sind 21.000 Kirchen und Kapellen. Sie veröffentlicht auch ihren Grundbesitz: 325.000 Hektar.

Kirchliche und klösterliche Eigentümer betätigen sich auch als Unternehmer: Sie führen Krankenhäuser, Behindertenheime und Sozialstationen, dazu Banken und Versicherungen. Auch viele andere Firmen sind in kirchlichem Besitz: Als Reaktion auf die Finanzkrise gründete die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Unternehmensberatung Kirche und Wirtschaft Aktiengesellschaft (Kiwi AG). Das Bayerische Pilgerbüro, von den sieben bayerischen Bistümern und dem Bistum Speyer gegründet, bietet Wallfahrten etwa nach Lourdes, Rom oder Israel an, aber beispielsweise Nil-Kreuzfahrten. Außerdem führt die Kirche Verlage, Getränkehersteller, Filmproduzenten.

Biolebensmittel aus Hessen

Die Kartoffeln wuchsen quasi aus Versehen. Eigentlich suchte das diakonische Unternehmen Hephata aus Nordhessen, das zur evangelischen Kirche gehört, Anfang der 90er Jahre nur nach guten Arbeitsplätzen für Suchtkranke und geistig behinderte Menschen. Hephata als gemeinnütziger Verein gründete deshalb landwirtschaftliche Betriebe und produzierte rasch mehr, als die eigenen Einrichtungen verbrauchen konnten. "Da mussten wir uns eben nach Händlern und Kunden umsehen", sagt Kurt Dörrbeck, stellvertretender Geschäftsbereichsleiter für soziale Rehabilitation.

Von Anfang an hat die Hephata ausschließlich "bio" produziert, selbst Getreide für das Vieh angebaut, mit dessen Mist wiederum die Felder gedüngt. 1992 war das noch ungewöhnlich. Heute betreibt das kirchliche Unternehmen drei Höfe mit insgesamt 220 Hektar Land, dazu eine Metzgerei, einen Abpackbetrieb und zwei Schälbetriebe.

Es verkauft Biolebensmittel in Supermarktketten in Hessen und an Bioläden im Rhein-Main-Gebiet - und zwar in großem Stil. Derzeit vermarkte der Träger zu 30 Prozent eigene Produkte, zu 70 Prozent kaufe er Erzeugnisse anderer Landwirte aus der Region mit dem Bioland-Siegel zu. Die Hephata setzt mit den Produkten über drei Millionen Euro im Jahr um.

Vom Geschäftserfolg profitieren besonders die 110 Mitarbeiter mit Behinderung sowie die knapp 70 hauptamtlichen Mitarbeiter: Als Werkstatt für behinderte Menschen ist Hephata nämlich verpflichtet auszuschütten, was übrig bleibt, nachdem sie in die Produktion investiert hat. "Unsere Mitarbeiter bekommen deshalb ein dreizehntes und ein vierzehntes Monatsgehalt", sagt dazu Dörrbeck.

Mineralwasser aus Bayern

Seit Joseph Ratzinger vor gut sechs Jahren als Papst in den Vatikan einzog, wird dort auch Mineralwasser aus Bayern getrunken. So zumindest erzählen es treue Weggefährten, die Benedikt XVI. regelmäßig mit Getränkekisten der Adelholzener GmbH versorgt - 900 Kilometer auf der Autobahn über den Brenner in Richtung Süden nach Rom. Das besondere an dem Unternehmen: hinter dem größten Mineralbrunnen Bayerns steckt nicht etwa ein Großkonzern, sondern ein bodenständiger Orden, die Kongregation der Barmherzigen Schwestern. Der Jahresumsatz des Unternehmens mit knapp 400 Beschäftigten liegt bei 120 Millionen Euro. Eine Erfolgsgeschichte, die so nicht absehbar war.

Es war König Ludwig I., der den Orden 1832 von Straßburg nach München holte. Damals herrschte an den Kliniken in der bayrischen Metropole schwerer Pflegenotstand. Die geschäftstüchtigen Schwestern machten ihre Sache gut und durften bleiben. In den Besitz der bekannten Primus-Quelle bei Siegsdorf, direkt am Fuße der Chiemgauer Berge, kamen sie wohl eher zufällig. Doch was ursprünglich als Erholungsort für Ordensmitglieder gedacht war, entwickelt sich im vergangenen Jahrhundert zur Haupteinnahmequelle der Gemeinschaft, die sich selbst finanzieren muss. Denn Mittel aus dem Kirchensteuertopf bekommt sie nicht.

Heute gehören der Gemeinschaft noch gut 350 Schwestern an. An der Spitze des Ordens steht Schwester Theodolinde, die den Ausbau von Adelholzener zu einem überregionalen Getränkekonzern energisch vorangetrieben hat. Mit den Einnahmen werden vor allem soziale Projekte, aber auch Krankenhäuser und Pflegeheime finanziert.

Energie aus Baden-Württemberg

Wenn am Ende des Geschäftsjahres eine Null unter der Bilanz steht, ist Albert-Maria Drexler zufrieden. Drexler ist Geschäftsführer der Gesellschaft zur Energieversorgung der kirchlichen und sozialen Einrichtungen (KSE) in Baden-Württemberg - und die KSE hat ein besonderes unternehmerisches Ziel: keinen Gewinn zu machen.

Seit drei Jahren versorgt die Gesellschaft Kirchengemeinden mit Erdgas, seit diesem Jahr bietet sie auch Strom an, ausschließlich Ökostrom aus einem österreichischen Donau-Kraftwerk. Atomstrom kauft die KSE nicht, aus Verantwortung der Kirche gegenüber der Schöpfung, wie Drexler erklärt. Etwa drei Viertel der 4000 Kirchengemeinden Baden-Württembergs sind Kunden der KSE, dazu kommen 800 kirchliche und soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser und Sozialstationen der Caritas und des Diakonischen Werks.

Sie profitieren von langfristigen Verträgen mit bis zu vier Jahren Laufzeit und beziehen im Jahr etwa 400 Millionen Kilowattstunden Strom und eine Milliarde Kilowattstunden Erdgas - etwa so viel Gas wie die kommunalen Technischen Werke Friedrichshafen verkaufen. Die KSE versorgt keine Privatkunden und Unternehmen.

Die evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg, die Erzdiözese Freiburg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart haben die KSE 2008 gegründet. Da hatten die vier Gesellschafter bereits zehn Jahre zusammengearbeitet und Rahmenverträge mit dem baden-württembergischen Energieversorger EnBW ausgehandelt. Drexler und eine Sekretärin sind die einzigen Beschäftigten der Gesellschaft, ein Energiedienstleister übernimmt das Tagesgeschäft, verwaltet und rechnet ab.

Krimiserien aus Berlin

Das Christentum hat viel zu bieten, was man auch im Film zeigen kann. Das dachte die evangelische Kirche, als in den 60er Jahren das ZDF entstand und gründete 1960 die eigene Produktionsfirma Eikon. "Wir wollten aber nie nur die christliche Botschaft verkünden, sondern Themen behandeln, die Menschen bewegen: den Sinn des Lebens, Einsamkeit, Tod", sagt Geschäftsführer Ernst Ludwig Ganzert.

Dazu bedient sich die Firma auch beliebter Krimiserien wie dem Berliner "Tatort" und "Unter Verdacht" mit Senta Berger. Die 16 Gesellschafter sind zum Großteil die evangelischen Landeskirchen, sie bestimmen nach eigenen Angaben nicht beim Inhalt der Produktionen mit. "Aber unser Menschenbild ist von Würde und Selbstbestimmtheit geprägt", sagt Ganzert. Unterhaltung ja, "Dschungel Camp" nein, so die Firmenphilosophie.

Eikon vereinigt unter einem Dach zehn Gesellschaften mit etwa 40 festangestellten Mitarbeitern, die Zentrale sitzt in Berlin. Sie setzt jährlich einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag um. Rund 80 Prozent des Geldes verdient sie in den Bereichen Unterhaltung sowie Kultur, Gesellschaft und Politik. Rund 20 Prozent entfallen auf religiöse Inhalte.

Dazu zählen Dokumentationen über den Reformator Johannes Calvin ebenso wie eine Kurzpredigt und eine Talkrunde zum Thema Glauben mit dem Namen "So gesehen" bei Sat 1. Seit 1995 hält Eikon die Mehrheit an Studio.tv.film, das Kindersendungen wie "Löwenzahn" und "Siebenstein" mit dem Raben Rudi produziert. Eikon ist eine gemeinnützige GmbH, Ganzert muss keine Gewinne ausschütten, Dokumentationen können so mitfinanziert werden.

Bier aus Andechs

Weltbekannt ist das Kloster in Andechs, der Heilige Berg in Oberbayern mit dem wunderbaren Ausblick ins Voralpenland ist genau 711 Meter hoch. Seit dem frühen Mittelalter ist das Kloster das Ziel von Wallfahrten - heute schätzen die mehr als eine Million Besucher im Jahr vor allem auch das Andechser Klosterbier. Das Bierbrauen hat hier Tradition, noch heute wird am Fuße des Klosterbergs produziert und weit über Andechs hinaus vertrieben. Das Kernverkaufsgebiet liegt zwar in Deutschland südlich der Mainlinie. Aber geliefert werde inzwischen nach ganz Europa, sogar bis ins ferne Russland, sagt ein Firmensprecher.

Die vergleichsweise kleine Brauerei gilt als sehr profitabel und gehört der katholischen Benediktiner-Abtei Sankt Bonifaz in München. Für die Benediktiner, die keine Kirchsteuern erhalten, ist das Bier bis heute der Ertragsbringer Nummer eins.

Finanziert wird damit unter anderem das Klosterleben, aber auch soziale Projekte wie etwa die Obdachlosenhilfe. Produziert werden rund 100 000 Hektoliter Bier im Jahr, verkaufen könnten die Mönche deutlich mehr, aber sie wollen nicht. Der klösterliche Charakter soll erhalten werden, heißt es zur Begründung. Prior Anselm Bilgri hatte einst das Geschäft deutlich ausgeweitet und den Vertrieb angekurbelt, doch am Ende wurde es zu viel. Investitionen, etwa die Einführung neuer Biersorten, werden nur noch zaghaft vorgenommen. Ansonsten gibt es noch Einnahmen durch die Vermietung für Veranstaltungen und die Produktion von Brotgetreide. Derzeit arbeiten in allen Wirtschaftsbetrieben, unter anderem in der Brauerei, dem Bräustüberl in Andechs und im Kloster, rund 200 Mitarbeiter.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1196903
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23.11.2011/bürk/hgn
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.