Luftverkehr:"Ohne die Hilfe der Regierung hätten wir die Airline dichtgemacht"

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Coronavirus - US-Fluggesellschaft United Airlines

Bei der US-Fluggesellschaft United Airlines, die eine Corona-Impfpflicht verfügt hat, haben mehr als 96 Prozent der Mitarbeiter die Anforderung erfüllt. Etwa 600 Impfverweigerern wurde gekündigt.

(Foto: E. Jason Wambsgans/dpa)

United Airlines gehört zu den größten Fluggesellschaften der Welt. Vorstandschef Scott Kirby über die Corona-Krise, emissionsfreies Fliegen, Überschallflugzeuge und darüber, wie sich Flugbegleiter gegenüber schwierigen Kunden verhalten sollen.

Interview von Jens Flottau

United-Chef Scott Kirby, 54, gehört zu den Veteranen der amerikanischen Luftverkehrsindustrie. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete er in Vorstandspositionen bei America West, US Airways und American Airlines. Seit April 2020 ist er der Chef vom Lufthansa-Partner United Airlines, einer der größten Fluggesellschaften der Welt. Inmitten der größten Krise der Branche während der Corona-Pandemie traf er aufsehenerregende Entscheidungen: United bestellte elektrische Regionalflugzeuge, Flugtaxis und Überschallflugzeuge, die von 2030 an nach Europa fliegen sollen. Bis 2050 will United klimaneutral werden, und zwar ohne Kompensationsgeschäfte. Kirby war zuletzt in Deutschland unterwegs, unter anderem, um sich mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr zu treffen.

SZ: Herr Kirby, United ist zuletzt mit sehr außergewöhnlichen Entscheidungen aufgefallen. Man hat den Eindruck, Sie haben lange darauf gewartet, Chef zu werden, und machen jetzt all das, was Sie schon lange tun wollten.

Scott Kirby: In vielerlei Hinsicht stimmt das. Ich fühle mich befreit, die Veränderungen zu beschließen, die ich immer schon machen wollte. Manche davon sind sehr prominent, aber einige andere, die Sie jetzt nicht genannt haben, sind mindestens ebenso wichtig: Umbuchungsgebühren zu erlassen oder Verspätungscodes abzuschaffen. Wenn ein Flug auch nur eine Minute verspätet ist, wird über die Codes definiert, wer schuld hat: die Wartung, die Piloten, die Flugbegleiter oder die Mitarbeiter am Gate. Das hat so eine Kultur des Konflikts erzeugt. Und die Mitarbeiter wurden durch das System sozusagen ermuntert, Kunden, die noch in letzter Minute zum Gate rannten, die Tür ins Gesicht zu schlagen. Eine echte Kultur des Kundenservice war unmöglich. In den USA glauben viel zu viele Airline-Manager, dass die Leute beim Buchen nur auf den Preis achten. Die größte Wette, die wir eingegangen sind, ist die, dass die Leute Qualität schätzen.

Pressebild Scott Kirby, CEO United Airlines

Scott Kirby steht seit April 2020 an der Spitze vom Lufthansa-Partner United Airlines. Der US-amerikanische Manager will in seinem Konzern die Transformation zur Nachhaltigkeit hinbekommen.

(Foto: United Airlines)

United hat sich sehr exponiert in Sachen Nachhaltigkeit. Sie wollen 2050 keine Emissionen mehr verursachen und den Ausgleich von CO₂-Emissionen durch Klimaprojekte abschaffen. Wie passt das zusammen mit der Idee, Flugtaxis und Überschallflugzeuge einzusetzen?

Bei den Flugtaxis ist das einfach, die sind ja elektrisch.

Dabei vergessen Sie aber die Verteilungsdebatte für grünen Strom. Mit der Energie, die ein Flugtaxi braucht, können Sie am Boden Dutzende Elektroautos fahren lassen.

Okay, das stimmt heute. Aber wir werden in eine Welt gelangen, in der Elektrizität grün ist. Wir sind noch nicht so weit, aber wir haben ja auch noch keine Flugtaxis. Grünen Strom gibt es aber ja jetzt schon, Sie müssen sich doch nur hier in Deutschland umschauen.

Das gleiche Argument gilt erst recht bei den Überschalljets: Mit der gleichen Energie können Sie zwei herkömmliche Maschinen über den Atlantik schicken.

Boom wird das erste Flugzeug sein, das dafür entwickelt wurde, mit 100 Prozent synthetischem Treibstoff zu fliegen. Aber ich glaube auch nicht, dass der Kampf gegen den Klimawandel so absolut sein kann, dass wir niemals mehr etwas tun, was Emissionen verursacht. Sonst dürfte man nicht einmal zu Hause sitzen und etwas essen, weil das ja auch Emissionen verursacht. Wir müssen anerkennen, dass die Leute Strom brauchen, dass wir Auto fahren und reisen werden. Reisen ist wichtig, und wir konzentrieren uns darauf, das effizient zu tun. Flugtaxis und Boom werden das Reisen transformieren, und zwar auf verantwortliche Art und Weise.

Sind diese Projekte real? Vieles davon klingt noch sehr weit weg.

Man braucht keinen riesigen technologischen Durchbruch. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es elektrische Flugzeuge und Flugtaxis geben wird. Es mag nicht so schnell gehen, wie manche glauben, weil sie die Gründlichkeit beim Testen und der Zulassung unterschätzen, aber sie werden es schaffen. Das Gleiche gilt für Überschallflugzeuge. Der Unterschied ist vielleicht, dass der Markt nicht so groß ist.

Concorde-Absturz vor fünf Jahren

Eine startende Concorde der Air France in Paris: Nach dem verheerenden Absturz im Juli 2000 wurde der Betrieb des Überschallflugzeugs eingestellt.

(Foto: Eric Feferberg/dpa)

Weil sie es ansprechen: Die "Concorde", das erste und bislang einzige westliche Überschall-Passagierflugzeug im Linienflugdienst, ist im Wesentlichen nur von London und Paris nach New York geflogen - und am Ende gescheitert.

Ja, Newark nach London wird unsere erste Strecke sein, aber es wird nur ein paar Flüge pro Tag geben, denn sonst klappt das mit den Zeiten nicht. Für Nachtflüge nach London ist Boom zu schnell, aber morgens in New York losfliegen für ein Dinner in London - das funktioniert super. Die Tagflüge zurück aus London haben auch Sinn. Die Überschallflüge werden mehr Premiumkunden zu United bringen.

Kommen wir von der Zukunft zurück in die Gegenwart. Gerade haben die USA die Grenzen wieder für Europäer geöffnet. Was hat United vor?

Unser internationales Streckennetz wird nächstes Jahr zehn Prozent größer sein als 2019, das ist wirklich einzigartig. Die meisten Airlines in den USA und Europa sind geschrumpft, weil sie viele Flugzeuge ausgemustert haben. Wir wachsen, weil wir mit Newark und Washington die besten Drehkreuze haben. Zum ersten Mal in meiner Karriere musste ich die Abkürzungen für die neuen Flughäfen, die wir anfliegen, googeln, als mein Team mir die Ankündigungen vorgelegt hat. Früher waren wir über dem Atlantik die drittgrößte amerikanische Airline. Nächsten Sommer werden wir mit großem Abstand die Nummer eins sein und es für immer bleiben.

United hat in Lateinamerika in Minderheitsbeteiligungen investiert. Können Sie sich so etwas auch in Europa vorstellen?

Ich bin Beteiligungen, bei denen man nicht die Kontrolle übernimmt, sehr abgeneigt, weil die Erfahrungen damit einfach unterirdisch sind. Fast jeder, der das gemacht hat, hat alles Geld verloren. Wir haben den Fehler bei Avianca gemacht. Ich habe unsere Partnerschaft mit Lufthansa viel lieber. Uns ist klar, dass wir beide stärker sind, wenn wir uns gegenseitig helfen. Sie basiert nicht darauf, welchen Preis man für Anteile bezahlt hat.

Die amerikanischen Airlines, auch United, haben während der Corona-Krise viele Milliarden an Staatshilfen bekommen. Verstehen Sie, wenn Ihre Konkurrenten das für unfair halten?

Es gab fast überall auf der Welt erhebliche Hilfen. Ohne die Hilfe der Regierung hätten wir schlicht und einfach die Airline dichtgemacht und gehofft, nach der Pandemie wieder zurückkehren zu können. Die Hilfe des Staates eröffnete uns die Möglichkeit, auf dem freien Markt Kredite - insgesamt 27 Milliarden US-Dollar - aufzunehmen. Wir haben viel mehr Geld über den Privatsektor erhalten als vom Staat, aber ohne diese Brücke, die die Regierung gebaut hat, wäre das nicht möglich gewesen.

In den USA haben einige Ihrer Konkurrenten kürzlich an einem einzigen Tag fast 2000 Flüge streichen müssen, weil sie offenbar die Schwierigkeiten beim Neustart unterschätzt haben. Was machen Sie anders?

Wir wussten, dass das schwierig werden würde, außer, man macht etwas anders. Wir haben uns für graduelles Wachstum entschieden, auch wenn das bedeutet hat, dass wir kurzfristige Gewinne nicht mitnehmen. Und wir haben keine Piloten beurlaubt, alle haben ihre Lizenzen behalten. Andere Airlines wurden von der Menge an Nachschulungen überwältigt. Und wenn man nur ein bisschen hinterher ist und keine Marge hat für Fehler, dann kann die Lage schnell außer Kontrolle geraten.

In den USA häufen sich gerade die Angriffe auf Flugbegleiter, weil sich Passagiere weigern, Masken zu tragen.

Ja, ich lese davon auch in der Zeitung. Wir bei United haben sogar weniger Vorfälle als vor der Pandemie. Wir wussten, dass die Masken ein Punkt sind, an dem sich Konflikte entzünden. Wir haben unseren Flugbegleitern gesagt, dass wir nicht von ihnen erwarten, solche Auseinandersetzungen auszutragen. Wir machen etwas anderes: Wenn sich jemand weigert, die Maske zu tragen, drücken sie ihm eine kleine Karte in die Hand. Darauf steht: "Letzte Warnung, wenn Sie keine Maske tragen, sperren wir Sie für United-Flüge." Die Flugbegleiter geben ihnen die Karte und gehen weg, wir landen, und dann sperren wir sie. So läuft das zivilisiert ab.

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