Luftverkehr:So will United Airlines das angestaubte Image loswerden

FILE PHOTO: A United Airlines passenger jet takes off with New York City as a backdrop

Will mit Nachhaltigkeit Kunden gewinnen: United Airlines setzt sich deutlich strengere Umweltziele als die Branche.

(Foto: Chris Helgren/REUTERS)

Der Chef der amerikanischen Fluggesellschaft United Airlines, Scott Kirby, will die Airline radikal umgestalten - mit strengen Umweltzielen, Flugtaxis und Überschalljets.

Von Jens Flottau

Mit der amerikanischen Fluggesellschaft United Airlines hat man bislang oft wenig schmeichelhafte Attribute assoziiert. Der Kundenservice galt als mäßig, so mäßig, dass einmal eine Country-Band einen Song darüber schrieb, wie Gepäckarbeiter beim Umladen eine Gitarre zertrümmerten. Das Geschäftsmodell - große Drehkreuze, kaum Nischen, große Flugzeuge, Allianzen - war ebenfalls nicht sehr originell und zeitweise auch noch ungenügend umgesetzt. United war unter den großen Vier der US-Branche, zu denen auch noch American, Delta und Southwest gehören, der Problemfall.

Das könnte such nun ändern. In der vergangenen Woche kündigte die Airline an, sie werde im zweiten Halbjahr 2021 wieder Gewinne schreiben. Damit wäre sie eine der ersten, die nach Lockdowns und Milliardenverlusten die Umkehr geschafft hat. Doch Konzernchef Scott Kirby, 53, arbeitet an einer Airline, die sich strategisch komplett von der alten unterscheiden soll. Wenn es nach Kirby geht, wird United Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit sein, gleichzeitig die alte Zeit der vielen Kundenbeschwerden hinter sich lassen und innovativer werden als die Konkurrenz.

Der Plan hat fünf Elemente: Die Airline setzt sich deutlich strengere Umweltziele als die Branche. Sie gehen sogar weit über das hinaus, was die europäischen Anbieter leisten wollen. United verspricht, bis 2050 komplett emissionsfrei zu fliegen, und zwar ohne sich dabei noch des Offset-Handels mit Emissionszertifikaten zu bedienen, deren Wirksamkeit oft nicht nachzuprüfen ist. Während die Branche noch diskutiert, wie sie elektrisch oder hybrid-elektrisch angetriebene Flugzeuge einsetzen kann, schafft United Fakten. Der Konzern bestellte gemeinsam mit einem Regionalpartner 200 elektrische 19-Sitzer vom Typ Heart Aerospace ES-19, die ab 2026 fliegen sollen. Die Konkurrenz lästert zwar hinter vorgehaltener Hand, dass das nichts wird mit den Elektrofliegern, aber immerhin sorgt United nun mit den Investitionen dafür, dass Heart Aerospace weitere Entwicklungsarbeiten finanzieren kann.

United will erstmals Überschalljets über den Atlantik schicken

Nachhaltigkeit ist ein Aspekt, ein anderer sind neue Geschäftsfelder: United hat bei dem kalifornischen Start-up Archer 200 Flugtaxis bestellt, die die Passagiere aus der näheren Umgebung zu den Flughäfen bringen sollen. Und ab 2029 will United erstmals Überschalljets von Boom Supersonic über den Atlantik schicken.

Kirby, seit Frühjahr 2020 an der Spitze von United, ist der Mann hinter dem Plan. Seit Jahrzehnten arbeitet er in der Branche, 1995 stieg er als Chef der Netzplanung bei America West Airlines ein und hatte dann Führungspositionen bei US Airways und American Airlines inne. Er galt lange als kommender Mann, war aber immer nur die Nummer zwei. 2016 wechselte er unter einigem Getöse zum Erzrivalen United nach Chicago und hatte mit Oscar Munoz wieder einen Chef vor der Nase. Doch dieses Mal war klar, dass Kirby nach einigen Jahren übernehmen sollte.

"Scott beginnt jetzt, seine Führungsrolle wahrzunehmen", sagt Mo Garfinkle, Chef der Beratungsfirma Tailwind Consultants und einer, der Kirby seit langem kennt. "Seine erste Aufgabe war es, sicherzustellen, dass die Airline die Pandemie übersteht. Doch jetzt geht es um seine Führungsrolle in der Industrie." Mit seinen radikalen Ideen überholt er derzeit die Branchengrößen Doug Parker (American), Gary Kelly (Southwest) und Ed Bastian (Delta), die neben ihm gerade ziemlich altbacken aussehen.

Warum aber jetzt der Schritt zum Chef-Innovator? "Kirby hat immer schon die Gabe gehabt, eine komplexe Lage zu erfassen", sagt Garfinkle. "Und er will nicht, dass United und die Branche zu Dinosauriern werden." Der Umweltkurs bringe United auch Punkte bei jüngeren Neu-Kunden, denen Nachhaltigkeit wichtig sei, und das positioniere die Airline auch politisch eindeutig.

Wenn aus einer der Initiativen nichts wird, ist das auch nicht so schlimm. Die Investitionen halten sich in Grenzen. Aber wenn ein Projekt richtig abhebt, hat sich United einen enormen Vorsprung herausgearbeitet.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB