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Uniper:Risiko am Ostseegrund

FILE PHOTO: Pipe-laying vessel Akademik Cherskiy is seen in a bay near the Baltic Sea port of Baltiysk

Die USA kritisieren die neue Gasleitung – und erhöhen den Druck.

(Foto: Vitaly Nevar/Reuters)

Uniper finanziert die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 mit. Nun warnt das Unternehmen seine Anleger.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Das Objekt des Streits ist zum Großteil versenkt, unter den Wogen der Ostsee: Hunderte Kilometer der Pipeline Nord Stream 2, die Erdgas von Russland in die EU transportieren soll, schlummern schon verlegt am Meeresgrund. Doch erst erwirkten die USA Ende 2019 mit Sanktionsdrohungen einen vorläufigen Baustopp. Dann wollten russische Rohrlegeschiffe übernehmen; sie müssen aber bis Ende September warten, bis die Ostseedorsche gelaicht haben. Indes erhöhen die USA den Druck weiter - so sehr, dass die Finanziers der etwa 9,5 Milliarden Euro teuren Leitung allmählich hoffen müssen, dass ihre Kredite nicht auch bald als teilversenkt in die Geschichte eingehen werden.

Neben dem russischen Staatskonzern Gazprom finanzieren fünf europäische Energiefirmen Nord Stream 2 mit und erhalten dafür Zinsen, darunter das Unternehmen Uniper aus Düsseldorf. Die frühere Eon-Tochter hat etwa 950 Millionen Euro einbezahlt. "In einem Worst-Case-Szenario können wir nicht ausschließen, dass es zu weiteren Verzögerungen kommt", konstatiert Uniper-Finanzchef Sascha Bibert nun, "bis zu einer Nichtfertigstellung." Und sollte das Projekt scheitern, müsste die M-Dax-Firma gegebenenfalls den Wert des Kredits berichtigen, warnt sie im jüngsten Risikobericht, geplante Zinserträge könnten ausfallen. Denn die USA kritisieren, dass Europa mit Nord Stream 2 noch abhängiger von Importen aus Russland würde. Zuletzt drohten US-Senatoren gar dem Hafen Sassnitz auf Rügen Sanktionen an; von dort aus sollen die russischen Schiffe die Pipeline fertigbauen.

"Grundsätzlich betrachten wir die Entwicklung der Sanktionen mit Sorge", sagt Uniper-Chef Andreas Schierenbeck. Man sei bislang aber nicht direkt betroffen. "Wir glauben daran, dass das Projekt fertig wird." Uniper stehe mit allen wesentlichen Institutionen im Kontakt. Auch Bibert versucht, die Warnung im Risikobericht zu relativieren: "Wir sind grundsätzlich dazu verpflichtet, dass wir mehr als ein Szenario betrachten", sagt der Finanzvorstand.

Neben der Kofinanzierung von Nord Stream 2 betreibt Uniper Atom- und Wasserkraftwerke, Gas- sowie Kohlemeiler in mehreren Staaten und handelt weltweit mit Energie. Der einstige Mutterkonzern Eon hat diese Geschäfte vor vier Jahren als eigenständige Firma an die Börse gebracht. Voriges Jahr hat denn der finnische Energiekonzern Fortum die Mehrheit an Uniper übernommen. Beide Unternehmen wollen nun über eine künftige, gemeinsame Strategie sprechen. "Die Arbeitsteams fangen an zu arbeiten", sagt Schierenbeck.

Nachdem Deutschland im Juli den Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohleverstromung bis spätestens 2038 beschlossen hat, will Uniper eigene Kohlekraftwerke in den nächsten Jahren vom Netz nehmen. Einzig der umstrittene Meiler Datteln 4 im Ruhrgebiet soll noch bis in die 2030er-Jahre hinein Strom produzieren. Der Konzern will auch seine Gaskraftwerke umrüsten, beispielsweise für sogenannten grünen Wasserstoff, sodass seine Stromerzeugung in Europa bis 2035 CO₂-neutral werden soll.

© SZ vom 12.08.2020
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