Energiekonzern:Uniper kappt Verbindungen zu Russland

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Energiekonzern: Archivfoto des Kraftwerks Surgutskaya in Sibirien: Noch ist Uniper zu knapp 84 Prozent an fünf Gas- und Kohlemeilern in Russland beteiligt.

Archivfoto des Kraftwerks Surgutskaya in Sibirien: Noch ist Uniper zu knapp 84 Prozent an fünf Gas- und Kohlemeilern in Russland beteiligt.

(Foto: dpa)

Der Energiekonzern kauft bislang viel Gas und Kohle aus Russland. Nun lässt er die Verträge enden, will Kraftwerke verkaufen - und schreibt fast eine Milliarde Euro ab.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Wenn man so will, war Uniper bislang Putins treuer Kunde: Die Düsseldorfer kaufen viel Gas und Kohle aus Russland, sie sind an Kraftwerken beteiligt. Und Uniper hat die vorerst gescheiterte Pipeline Nord Stream 2 mitfinanziert. Umso länger brauchte die Firma, um auf den Krieg in der Ukraine zu reagieren. Doch nun, am späten Montagabend, hat Uniper eine gleich vierfache Kehrtwende hingelegt.

Wie weite Teile der Politik und Wirtschaft setzte Uniper bislang auf Russland als zuverlässigen Energie-Lieferanten. Doch der Krieg in der Ukraine hat vermeintliche Gewissheiten zerstört - und hinterlässt nun auch Spuren in hiesigen Konzernbilanzen.

So schreibt Uniper den Wert des Kredits an Nord Stream 2 plus die erwarteten Zinsen vollständig ab. Insgesamt gehen damit fast eine Milliarde Euro Eigenkapitel in der Bilanz verloren. Das M-Dax-Unternehmen hatte der Projektgesellschaft - wie vier andere westliche Konzerne ebenfalls - knapp 700 Millionen Euro geliehen und erwartete dafür etwa 100 Millionen Euro Zinsen pro Jahr. Diese Rendite werde nun "entfallen", konstatiert Uniper, ein betriebswirtschaftlich bitterer Verlust. Der Bund hatte bereits vor zwei Wochen die Genehmigung der neuen Leitung ausgesetzt. Vorige Woche hat auch Co-Financier Wintershall Dea sein Darlehen an Nord Stream 2 abgeschrieben.

Darüber hinaus ist Uniper zu knapp 84 Prozent an der Firma Unipro beteiligt, die fünf Kohle- und Gasmeiler in Russland betreibt und an der dortigen Börse notiert ist. Nun kündigt Uniper an, dass man keine neuen Investitionen in Russland tätigen und bis auf Weiteres kein Geld an Unipro überweisen werde. Uniper hatte Ende 2021 schon einmal versucht, die Beteiligung zu verkaufen, dies allerdings aufgrund der politischen Entwicklungen vorerst gestoppt. Diesen Prozess nehme man nun "sobald wie möglich wieder auf", kündigt das Unternehmen an. Schnell einen guten Kaufpreis für die russische Tochter zu erzielen, dürfte in diesen Tagen freilich noch viel schwerer sein.

An bestehenden Lieferverträgen will Uniper festhalten, aber keine neuen abschließen

Rein finanziell kann Uniper eine Trennung von Unipro durchaus schmerzen: Voriges Jahr trugen die Kraftwerke in Russland knapp 20 Prozent zum Konzerngewinn bei. Doch der Krieg in der Ukraine stellt alles in den Schatten. Es gebe "keinerlei Rechtfertigung" für den militärischen Angriff, sagt Uniper-Chef Klaus-Dieter Maubach. Der 59-Jährige muss gerade einiges infrage stellen: Insbesondere weil Uniper so lange Geschäftsbeziehungen zu Russland pflege, sei man "schockiert und bewegt".

Zu jenen Beziehungen zählt, dass Uniper viel Gas importiert; der Großteil kam bislang aus Russland. Die Firma verfeuert den Energieträger in Kraftwerken und verkauft ihn an Stadtwerke oder Fabriken weiter. An bestehenden Verträgen will Uniper zwar vorerst festhalten. Man trage eine Verantwortung "für große Teile der deutschen Industrie und viele Menschen in Deutschland und Europa", sagt Maubach. Doch kündigt das Unternehmen an, dass es "keine neuen langfristigen Lieferverträge für Erdgas mit Russland abschließen" werde.

Dabei stehen längst Drohungen im Raum, wonach Russland die Gasflüsse drosseln - oder der Westen kein Gas mehr aus Russland importieren könnte. Analysten sehen darin ein großes Risiko für mehrere Versorger in Europa. Eine kurzfristige Drosselung könnte Uniper nach eigenem Bekunden "weitgehend" kompensieren, auch dank eigener Speicher. Doch falls die Gasflüsse erheblich unterbrochen würden, erwartet der Konzern einen Notstand im hiesigen Gassystem; dann würde der Staat die Kontrolle übernehmen. "Zum jetzigen Zeitpunkt schätzen wir die Wahrscheinlichkeit einer solchen Einschränkung als gering ein", sagt Uniper-Finanzchefin Tiina Toumela. "Derzeit bekennen sich alle Parteien zu einer Fortsetzung der Gaslieferungen."

Energiekonzern: Kraftwerk Datteln 4 am nördlichen Rand des Ruhrgebiets: Uniper will seine Steinkohlemeiler unabhängig von Brennstoff aus Russland machen.

Kraftwerk Datteln 4 am nördlichen Rand des Ruhrgebiets: Uniper will seine Steinkohlemeiler unabhängig von Brennstoff aus Russland machen.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Fernab von Nord Stream, Unipro und dem Gashandel betreibt Uniper zudem Steinkohlekraftwerke in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Auch diesen Brennstoff bezieht die Firma bislang zum Teil aus Russland. Bestehende Lieferverträge werden voraussichtlich noch bis Ende dieses Jahres laufen, kündigt Uniper an. Doch das Unternehmen wolle die Verträge mit Russland nicht verlängern - und stelle nun sicher, dass man künftig auch ohne russische Kohle auskommen kann. Uniper kann den Energieträger beispielsweise auch aus Kolumbien oder Südafrika importieren.

Uniper war bis zum Jahr 2016 eine Tochter des Eon-Konzerns, der sie damals an die Börse gebracht und seine Restbeteiligung recht flugs verkauft hat. Mittlerweile gehört Uniper mehrheitlich dem finnischen Versorger Fortum.

An der Börse hatte die Firma in den vergangenen Jahren stetig an Wert gewonnen. Doch seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts ist der Aktienkurs um gut die Hälfte eingebrochen. Die Kehrtwende von Montagabend rief nun eine gewisse Erleichterung hervor: Am Dienstag gewann Uniper an der Börse zeitweise neun Prozent an Wert, büßte die Gewinne jedoch im Laufe des Handelstages wieder ein.

Energiekonzern: Ein LNG-Tanker an der französischen Atlantik-Küste: Flüssiggas ist eine international gehandelte Alternative zu Pipeline-Gas aus Russland.

Ein LNG-Tanker an der französischen Atlantik-Küste: Flüssiggas ist eine international gehandelte Alternative zu Pipeline-Gas aus Russland.

(Foto: Stephane Mahe/Reuters)

Das Unternehmen kramt nun noch ein weiteres Vorhaben aus der Schublade: In Wilhelmshaven an der Nordsee will Uniper ein Import-Terminal für Flüssiggas (LNG) aufbauen - als Alternative zu Gas aus Russland. Das hatte der Konzern schon einmal vor, brach den Plan aber vor anderthalb Jahren noch mangels Nachfrage ab. Doch seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs spricht sich auch die Bundesregierung für zwei LNG-Terminals in Deutschland aus: RWE und die niederländische Firma Gasunie planen einen Importhafen in Brunsbüttel. Nun versucht Uniper mitzuziehen.

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