Banken:Warum Unicredit die älteste Bank der Welt kaufen könnte

Banken: Die Ursprünge des Palazzo Salimbeni in Siena reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Monte dei Paschi residiert bereits seit der Gründung 1472 hier.

Die Ursprünge des Palazzo Salimbeni in Siena reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Monte dei Paschi residiert bereits seit der Gründung 1472 hier.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)

Monte dei Paschi wurde im Jahr 1472 in Siena gegründet und wird jetzt wohl vom größeren Rivalen Unicredit übernommen - ganz so, wie es sich die Regierung in Rom wünscht.

Von Jan Diesteldorf, Oliver Meiler und Stephan Radomsky

Andrea Orcel könnte einen Palast haben, wenn er ihn denn wollte. Genauer gesagt den altehrwürdigen Palazzo Salimbeni, gelegen mitten in der Altstadt Sienas, inmitten der malerischen Hügel der Toskana. Hier ist die Zentrale von Monte dei Paschi di Siena, der ältesten Bank der Welt. Und Orcel will nun darüber verhandeln, ob der von ihm geführte Bankenkonzern Unicredit dieses Geldhaus übernimmt - zumindest seine guten Teile.

Denn Monte dei Paschi als Ganzes ist nicht nur alt, sondern auch ziemlich kaputt. So kaputt, dass der italienische Staat die Bank 2017 retten musste und seither mit 64 Prozent größter Anteilseigner ist. Wie es mit Monte dei Paschi weitergeht, ist also auch eine höchst politische Frage - mit klarer Frist. Bis Ende Jahr muss Rom die Bank wieder privatisieren, so will es die EU. Nun also könnte eine Lösung gefunden sein.

Kaum ein Ort in Italien ist so eng mit einem Unternehmen verbunden wie Siena mit Monte dei Paschi. Der Name der Stadt wird manchmal sogar synonym für die 1472 gegründete Bank verwendet, so wichtig war sie hier immer für die Politik, die Wirtschaft, die Kultur, den Sport. Sie war Mäzenin und Arbeitgeberin. Und sie war ein Basar für lokalpolitische Interessen - was ihr am Ende, in der Folge von Banken-, Finanz- und Staatsschuldenkrise, auch zum Verhängnis wurde.

Seit es darum geht, die Bank wieder zu privatisieren, war dafür immer Unicredit der Traumpartner Roms. Das zeigen zwei Personalien: Pier Carlo Padoan und Jean Pierre Mustier. Als Wirtschafts- und Finanzminister organisierte Padoan einst den Einstieg des Staates bei Monte dei Paschi, dann wurde er Ende 2020 zum designierten Verwaltungsratschef bei Unicredit berufen. Kurz darauf warf der damalige Konzernchef Mustier krachend hin. Kaum verholen drehte sich das Zerwürfnis um Monte dei Paschi: Padoan wollte die Übernahme unbedingt, Mustier auf keinen Fall. Im April dann übernahm Orcel, aber auch er gab sich zunächst sehr zurückhaltend.

"Wir kaufen nur Teile des Unternehmens - Teile, die wir bestimmen"

Nun aber verhandelt er doch mit Rom. "Das Timing stimmt und die Bedingungen könnten auch stimmen", sagte am Freitag bei der Vorlage der Quartalszahlen - aber: "Entschieden ist noch nichts."

Eine Komplett-Übernahme von Monte dei Paschi soll es keinesfalls werden, so viel steht schon fest. Alle Risikopositionen in den Büchern der Sieneser sollen beim Staat bleiben, genauso wie alle alten Rechtsrisiken aus den früheren Geschäften der Bank. Außerdem soll der Deal das Kapital von Unicredit nicht belasten und signifikante Einsparungen bringen. Interessant sei das Netzwerk der Sieneser, die vor allem im wirtschaftlich starken Norden und in der Mitte des Landes vertreten sind - Unicredit hat seinen Schwerpunkt bisher eher in der Mitte und im Süden Italiens. Zu den bisherigen 7,6 Millionen Kunden im Land könnten so bis zu vier Millionen dazukommen. "Wir kaufen nur Teile des Unternehmens - Teile, die wir bestimmen", sagte Orcel. Die Zeitung La Stampa kommentierte: "Kurz, Orcel erwartet den Weihnachtsmann außerhalb der Saison."

Auch in Rom herrscht Zurückhaltung: Padoans Amtsnachfolger als Finanzminister, Daniele Franco, kommentierte die Nachrichten nicht. Offenbar bangt man in der Regierung, dass am Ende noch alles scheitern könnte.

Andrea Orcel

Bevor Andrea Orcel zu Unicredit kam, sollte er eigentlich Chef der spanischen Großbank Santander werden. Der Vertrag scheiterte aber am Streit um Gehaltszahlungen.

(Foto: Sang Tan/AP)

Orcel geht derweil gestärkt in die Verhandlungen. Das Geschäft von Unicredit läuft, der Gewinn stieg im zweiten Quartal stärker als erwartet auf über eine Milliarde Euro. Zudem ist die Konzernmutter der Münchner Hypo-Vereinsbank zuversichtlicher, was die weitere Geschäftsentwicklung angeht. Der bereinigte Gewinn werde dieses Jahr bei über drei Milliarden Euro liegen, hieß es, die Kosten- und Ertragsziele wurden bestätigt. Die Investoren waren damit insgesamt ziemlich zufrieden: Die Unicredit-Aktie legte am Morgen gleich mal um sechs Prozent zu, im weiteren Verlauf gab sie zwar einen Teil der Gewinne wieder ab, blieb aber solide im Plus.

Orcel, der als Chef des Investmentbankings der Schweizer Großbank UBS einer der wichtigsten Dealmaker in Europa war, verbindet eine lange Geschichte mit Monte dei Paschi. So war er als Berater entscheidend beteiligt, als das Geldhaus 2007 den Rivalen Banca Antonveneta für neun Milliarden Euro übernahm. Das Geschäft machten Beobachter im Nachhinein mitverantwortlich dafür, dass Monte dei Paschi überhaupt in so große Schwierigkeiten geriet. Kurz vor seinem Wechsel nach Mailand war Orcel dennoch auch als Chef in Siena im Gespräch.

Was bleibt übrig vom einst so stolzen Erbe der Stadt?

In Frankfurt, bei der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), will man sich zur möglichen Übernahme nicht äußern, auch nicht im Hintergrund - was sich mit aller Vorsicht aber auch so interpretieren lässt, dass man die Verhandlungen dort wohlwollend verfolgt. Die EZB wirbt ohnehin schon seit Jahren für eine Konsolidierung des europäischen Bankenmarktes, am besten sogar über Staatsgrenzen hinweg. Dabei allerdings hakt es zwar immer noch, weil gesetzliche und regulatorische Unterschiede solche Deals höchst kompliziert machen. Verschwände Monte dei Paschi nun aber wenigstens in einer nationalen Lösung vom Markt, man wäre in Frankfurt wohl nicht unglücklich, ein Problem weniger zu haben.

In Siena dagegen fürchten sie, bald ein Problem mehr zu haben. Was bleibt übrig vom einst so stolzen Erbe der Stadt, wenn die Übernahme kommt? Was passiert mit dem Personal in der Zentrale von Monte dei Paschi, der ganzen Organisation? Schon stellt die Regierung in Rom den Sienesi Hilfen in Aussicht. Es wird etwa überlegt, hier einen großen Pool mit Pharmaunternehmen anzusiedeln, um die Beschäftigung in der Gegend zu stützen.

Auch was aus dem Palazzo Salimbeni wird, bleibt erst einmal offen. Wie so vieles. Bis September will Orcel eine Entscheidung zu Monte dei Paschi fällen. Ob er dann wirklich auch Herr des Palastes wird? Möglich, aber zweifelhaft.

© SZ
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