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Unicredit:Hoffen auf den nächsten Superplan

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Der Hauptsitz der Unicredit. Aus dem 231 Meter hohen Turm kommen derzeit viele Erfolgsmeldungen, doch viele Stellen sind weggefallen.

(Foto: Lorenzo Mattei/imago images)

Die italienische Unicredit galt lange als Sanierungsfall, ein tief greifender Umbau hat nun die Wende gebracht. Trotzdem sind viele Aktionäre nicht zufrieden.

Von Ulrike Sauer, Mailand

Jean-Pierre Mustier geht auch auf den letzten Metern seines Marathons nicht die Puste aus. Kommende Woche wird der Unicredit-Chef vor der Finanzwelt in London Bilanz des tief greifenden Umbaus ziehen, mit dem er den Geldkonzern in drei Jahren aus der italienischen Bankenkrise geboxt hat. Kurz vor Zieleinlauf nahm sich der Franzose rasch noch die profitable Tochter Yapi Kredi vor: Unicredit wird sich nun auch aus der Türkei zurückziehen und den 41-Prozent-Anteil an der Bank aus Istanbul veräußern. Verhandlungen laufen bereits. Wie bei all seinen bisherigen Verkäufen, opfert Mustier Yapi Kredi um das Kapital zu stärken und Risken zu mindern. Zwölf Milliarden Euro spielte er so ein und verlieh dem Mailänder Finanzinstitut ein schlankeres Profil.

Nach London kehrt Mustier als Sieger zurück. Im Dezember 2016 hatte der frühere Fallschirmjäger in der City fünf Monate nach dem Antritt bei der Krisenbank seinen aggressiven Sanierungsplan "Transform19" vorgestellt. Es war der Paukenschlag zur Rettung einer wackelnden, hochverunsicherten Bank. Nun wird er am Dienstag in einer Londoner Luxusherberge das Geheimnis der neuen Drei-Jahres-Strategie "Team23" lüften. Die Gefahr ist für den paneuropäischen Unicredit längst gebannt, doch Ruhe dürfte bei der Konzernmutter der Hypo-Vereinsbank trotzdem nicht einkehren.

Die Umsetzung seines Programms lief wie am Schnürchen. Aus dem futuristischen, 231 Meter hohen Unicredit-Turm an der Piazza Gae Aulenti kam eine Erfolgsmeldung nach der anderen. Mustier hatte im Juli 2016 sein Büro im gläsernen Wolkenkratzers bezogen, direkt am neuen Mittelpunkt der Boomstadt Mailand. Er griff hart durch und krempelte die Bank um. Sanierungsziele wurden vorzeitig erfüllt.

Bei Unicredit sind heute 14 000 Mitarbeiter weniger an Bord als 2016. Fast 1000 Filialen wurden geschlossen. Die Kosten sanken um 1,7 Milliarden Euro im Jahr. "Mit einem Gewinn von 1,1 Milliarden Euro im dritten Quartal erzielte Unicredit das beste Ergebnis seit einer Dekade", verkündete der Chef Anfang November. Dass sich das Blatt gewendet hat, ist zudem dem Abbau der Problemkredite zu verdanken. Ihr hoher Anteil in den Büchern hatte Italiens Bankbranche in Schieflage gebracht. Mit einem Kraftakt befreite sich Unicredit von 50 Milliarden Euro ausfallgefährdeter Forderungen. Bis zum Jahresende sollen sie auf zehn Milliarden Euro fallen.

Nur wenige rechneten vor drei Jahren damit, dass der Wandel in der einzigen systemrelevanten Bank Italiens so rund laufen würde. Mustier ist in Italien nicht begeistert empfangen worden. Ihm läge wenig an der Form und viel an der Substanz, sagen Mitarbeiter. Und das benachteilige Unicredit in Italien, heißt es in seinem Umfeld. Der Absolvent einer Pariser Elitehochschule verlor keine Zeit, den Konzern auf sich zuzuschneiden. Mit einer Kapitalerhöhung von 13 Milliarden Euro, der größten in der Geschichte Italiens, stutzte er die einst maßgeblichen italienischen Aktionäre zurück. Die Sparkassenstiftungen aus Turin, Verona und Bologna verloren ihre Macht. Ihr Anteil fiel auf fünf Prozent.

Damit war es vorbei mit der Rücksichtnahme auf die italienische Politik und alte Seilschaften. Mehr als 70 Prozent der Aktien liegen in den Händen ausländischer Anleger. Mustier wechselte zudem die Führungsspitze der Bank komplett aus. Damit machte er sich nicht beliebt, doch sein Erfolg ist unanfechtbar. Das Londoner Fachmagazin "Euromoney" kürte den Unicredit-Chef 2017 zum "Banker of the year".

Das kann aber den Frust nicht verdrängen. Mustier hat viel erreicht, aber nicht wirklich gewonnen. Auf den Börsenwert von Unicredit schlug der Wandel nicht angemessen durch. Der sanierte Konzern ist heute 28 Milliarden Euro wert. Zum Vergleich: Die Mailänder Rivalin Banca Intesa kommt auf 40 Milliarden Euro. Für einen Manager, der in drei Jahren 24 Milliarden Euro frisches Kapital in die Bank gepumpt hat, dürfte das eine herbe Enttäuschung sein. Für die Investoren ist es das allemal. Mit Kosteneinsparungen und dem Abbau der Problemkredite geben sie sich nicht mehr zufrieden.

Der neue Plan "Team23" muss einen plausiblen Strategiewechsel liefern. Doch die Wachstumsaussichten sind in der gesamten Finanzbranche derzeit trüb. Negativzinsen, hohe Auflagen der europäischen Aufseher und eine stagnierende Wirtschaft vermiesen den Banken überall das Geschäft. Unicredit hat sich zudem von wertvollen Beteiligungen getrennt. Mustier reichte gleich zu Beginn den italienischen Vermögensverwalter Pioneer an den französischen Rivalen Amundi weiter. Im vergangenen Sommer zog er sich aus der wachstumsstarken Online-Tochter Fineco zurück, die inzwischen zur viertgrößten Bank Italiens aufgestiegen war. Vor drei Wochen beendete er dann mit dem Blitzverkauf des 8,4-Prozent-Anteils an der ehrwürdigen Mailänder Geschäftsbank Mediobanca nach 73 Jahren ein Kapitel der italienischen Finanzgeschichte.

Da wundert es kaum, dass Mustier vielen Italienern nicht geheuer ist. Die Verkäufe der ertragsstarken Beteiligungen nähren den Verdacht, dass er die Unicredit-Präsenz im politisch instabilen, chronisch wachstumsschwachen und überschuldeten Italien reduzieren will. Zumal ein Rückfall in den antieuropäischen Populismus nicht auszuschließen ist. "Dahinter mag die Auffassung Mustiers stehen, dass der Rückzug aus Italien den Börsenwert der Bank steigern könnte, um sie dann mit einer ausländischen Bank zu fusionieren", mutmaßt der Ökonom Alessandro Penati.

Gerüchte über sich anbahnende Verschmelzung mit der französischen Großbank Société Générale oder der Commerzbank begleiteten die Sanierung von Unicredit. "Wir sind derzeit nicht an Fusionen interessiert", tritt Mustier den Spekulationen entschieden entgegen. Solange es in Europa keinen einheitlichen Bankenmarkt gibt und Unicredit-Aktien mit hohem Abschlag gehandelt werden, investiere er lieber in den Rückkauf eigener Aktien. Solche Maßnahmen, die den schwächelnden Kurs beflügeln, sind genau das, was die Anleger am Dienstag von dem Banker des Jahres erwarten.

© SZ vom 30.11.2019
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