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Unicredit:Ein knallharter Sanierer

Jean-Pierre Mustier, Chef der italienischen Bank Unicredit, präsentiert seinen Rettungsplan: Milliarden an frischem Kapital und ein massives Sparprogramm. Die Mitarbeiter müssen zahlen, den Investoren gefällt es.

Locker, fast schon lässig wirkt Jean Pierre Mustier am Dienstagmorgen. Welche Schärfe die Pläne haben, die der Unicredit-Chef verkünden wird, deuten höchstens Details an: die Manschettenknöpfe in Form kleiner Chilischoten und vielleicht noch die feuerrote Krawatte. Es ist kein Tag für vornehme Zurückhaltung, sondern für Angriff - und der muss sitzen. Mustier weiß das: "Was wir hier tun, zeigt den Weg auf für die italienischen Banken."

Mit der neuen Strategie für Italiens größten und wichtigsten Finanzkonzern will Mustier die Bankenkrise in der Heimat endlich hinter sich lassen. Dafür ist er im Sommer anstelle des geschassten Federico Ghizzoni an die Spitze von Unicredit geholt worden. Ghizzoni war mit seinem Reformplan für das angeschlagene Mailänder Institut vor fast einem Jahr krachend bei den Investoren durchgefallen.

Nun muss Mustier liefern - und er geht deutlich schärfer und vor allem konkreter ans Werk als sein Vorgänger. "Wir werden dem gesamten Prozess überwachen und die Ausführung genau verfolgen", kündigt der Chef an, wohl nicht zuletzt auch in Richtung seiner eigenen Leute - und verweist nur halb im Scherz auf seine militärische Vergangenheit als Fallschirmjäger: "Ich stehe einfach auf Disziplin und kompromisslose Ausführung."

Um die überhaupt zu ermöglichen, hat Mustier Unicredit eine gewaltige Kapitalerhöhung gesichert: Die Investoren schießen dem Institut 13 Milliarden Euro zu. In den vergangenen Tagen hatte die Bank zudem für 2,4 Milliarden den größten Teil der polnischen Pekao-Bank und für weitere knapp 3,9 Milliarden Euro die Fonds-Tochter Pioneer verkauft. Zusammengerechnet hat Mustier damit in nur wenigen Tagen also fast 20 Milliarden Euro eingespielt.

Der Stellenabbau in Deutschland wird ausgeweitet - die Vertreter der Arbeitnehmer sind verärgert

Weil aber auch das nicht reichen wird, um die Probleme dauerhaft in den Griff zu bekommen, plant Mustier noch ein groß angelegtes Sparprogramm: Um 1,7 Milliarden Euro pro Jahr sollen die Kosten bis 2019 sinken, 14 000 Mitarbeiter sollen gehen - das sind 6500 mehr als noch unter Ghizzoni geplant. Und die Hälfte von ihnen soll schon bis Ende 2017 weg sein. Eingespart werden soll vor allem im sogenannten Corporate Center, also in den zentralen Bereichen des Konzerns wie dem Risikomanagement, der Buchführung, der Rechts- oder Personalabteilung. Allein hier sollen die jährlichen Kosten um eine Milliarde Euro sinken. Darüber hinaus sollen knapp 1000 Filialen dichtmachen, die allermeisten davon in Italien. Zugleich will Mustier die Unicredit-Bilanz von notleidenden Krediten befreien, die die Bank angesammelt hat. Dazu sei in der Nacht der Verkauf eines 17,7 Milliarden schweren Portfolios solcher Problem-Darlehen an Investoren vereinbart worden, verkündete er - ohne allerdings einen Kaufpreis für das Paket zu nennen. Auf die verbleibenden etwa 60 Milliarden Euro an faulen Krediten schreibt die Bank zudem 8,1 Milliarden Euro ab - was den Konzern dieses Jahr voraussichtlich in die Verlustzone drücken dürfte, wie Mustier ankündigt.

Weder dies noch die riesige Kapitalerhöhung scheint die Investoren derweil zu schrecken. Bis zum Handelsschluss jedenfalls legte die Unicredit-Aktie fast 16 Prozent zu und setzte damit den steilen Aufwärtstrend der vergangenen beiden Wochen fort. Das allerdings immer noch auf sehr niedrigem Niveau, vor einem Jahr beispielsweise waren die Anteile der Italiener noch doppelt so viel wert wie heute.

Mustier genießt also einen Vertrauensvorschuss an der Börse, bei seinen Leuten will er ihn sich offenbar noch erarbeiten. Sein eigenes Fixgehalt werde deshalb ab kommendem Jahr um 40 Prozent auf 1,2 Millionen Euro sinken, sagt Mustier später vor den Investoren. Auch werde er für die Jahre 2016 bis 2019 auf einen Jahresbonus verzichten und aus eigener Tasche zwei Millionen Euro in Unicredit-Aktien investieren. Darüber hinaus werde es keinen "goldenen Handschlag" geben, wenn er die Bank verlässt. Mitmachen müssen beim Sparen aber vor allem alle Mitarbeiter. Der Fokus dürfte dabei zunächst auf dem größten und wichtigsten Markt Italien liegen. Dort arbeiten die meisten Angestellten, und allein dort macht Unicredit fast die Hälfte des Geschäfts. Aber auch die deutsche Tochter Hypo-Vereinsbank (HVB) soll 300 Millionen Euro im Jahr weniger ausgeben, was auch für die Münchner einen weiteren Personalabbau bedeutet. Zusätzlich zur laufenden Streichung von etwa 1000 Jobs sollen deshalb nochmals 1500 weitere Vollzeitstellen wegfallen. Wo genau, ist noch nicht bekannt, nur das Privatkundengeschäft wird nicht weiter geschrumpft.

Wieder daheim, wird sich HVB-Chef Theo Weimer deshalb am Mittwoch mit den deutschen Arbeitnehmervertretern treffen. Es soll um die Strategie gehen, vor allem aber um die Jobs, wie es im Hintergrund heißt. Zuletzt waren solche Gespräche recht geräuschlos gelaufen: ohne betriebsbedingte Kündigungen, dafür auch ohne Streiks und Proteste.

Ob es dieses Mal auch so leise geht, ist offen. Die Arbeitnehmervertreter sind sauer, weil in London Zahlen zum Stellenabbau genannt wurden, ohne dass die Betriebsräte daheim vorab informiert wurden. Man sei sehr irritiert, so ein Vorgehen entspreche nicht den Gepflogenheiten, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Zwar lässt die Unicredit-Spitze wissen, dass bereits drei Viertel der Jobstreichungen im Konzern mit den Personalvertretern verhandelt seien. Das gilt aber offensichtlich nicht für die HVB. Weimers Termin am Mittwoch jedenfalls könnte weniger harmonisch verlaufen als der am Dienstag. Vielleicht sollte er sich die Chili-Manschettenknöpfe ausleihen. Nur als Symbol.