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Ungleichheitsforscher Thomas Piketty:Griechenland kann das nicht alleine hinbekommen

Wie könnte eine progressive Vermögensteuer konkret aussehen?

Sie ist wie eine zivilisierte Form der Inflation. Die Inflation hilft zwar verschuldeten Staaten, ihre Kredite in den Griff zu bekommen. Aber sie vernichtet viel privaten Wohlstand, vor allem bei Menschen, die nur Ersparnisse auf dem Konto haben. Bürger dagegen, die Immobilien und Grundstücke besitzen, verlieren gar nichts. Das ist Umverteilung in die falsche Richtung. Inflation ist also wie eine regressive Vermögensteuer, die Arme stärker trifft als Reiche. Ich möchte den gegenteiligen Effekt erreichen: Menschen mit weniger als 100 000 oder 200 000 Euro auf dem Sparbuch zahlen keine Vermögensteuer. Bis 500 000 Euro oder eine Million Euro wird ein Prozent fällig, darüber zwei Prozent. Die Steuerlast behandelt dann jeden gemäß seiner Zahlungsfähigkeit. Diese Politik bevorzugt nicht diejenigen, die ihr Vermögen in Immobilien gesteckt haben.

Aber Selbstständige müssen mehr Geld sparen als Arbeitnehmer, die noch eine Rente bekommen.

Da müssen natürlich Ausnahmen eingebaut werden. Man sieht schon: Die progressive Vermögensteuer ist kein leichter Weg. Aber sie ist viel besser als andere Optionen.

Noch ein Problem dieser Lösung: Wenn wir Kapital in Deutschland höher besteuern, könnten die Reichen ins Ausland abhauen.

Das ist die Situation, in der Griechenland gerade steckt. Wir europäischen Partner fordern von der Regierung dort, das Steuersystem zu verbessern. Aber Griechenland kann das nicht allein hinbekommen, wenn sich das Kapital frei in Europa bewegt. Für reiche Griechen ist es sehr leicht, im Internet ein paar Mal zu klicken, um ihr Geld auf das Konto einer deutschen oder französischen Bank zu überweisen. Es ist also völlig verrückt, dass Griechenland ohne Rückendeckung die Steuern für Reiche erhöhen soll. So werden sie die Reichen nicht zum Zahlen bringen. Stattdessen privatisieren sie staatliches Eigentum, zu sehr niedrigen Preisen, weil sie es schnellstmöglich losschlagen. So kommen nun ausgerechnet die reichen Griechen, die keine Steuern zahlen, billig an Staatseigentum. Das ist genau das Gegenteil von dem, was passieren sollte. Und wir geben den Griechen daran die Schuld. Aber es ist auch unsere Schuld.

Also mehr Integration?

Wir brauchen eine Fiskalunion, aber die Europäer sollten nicht alle Steuern und staatlichen Ausgaben zusammenlegen. Dennoch sollten wir die Steuerpolitik, die grenzübergreifende Geschäfte betrifft, eng koordinieren. Es ist sehr schwierig, sich darauf zu einigen, welche Unternehmensgewinne von der Körperschaftsteuer eigentlich betroffen sein sollen - wir haben gerade 17 verschiedene Regeln dazu in der Euro-Zone. Als Konsequenz finden multinationale Konzerne immer einen Weg, weniger Steuern zu zahlen als die kleineren Firmen, indem sie ihre Gewinne verschieben und geringe Unterschiede in den Steuergesetzen ausspielen. Das ist unsinnig. Jedes Land verliert. Und es regt die Öffentlichkeit auf, weil es so aussieht, als ob wir nur diejenigen mehr besteuern, die nicht mobil sind: Verbraucher und normale Arbeitnehmer. Das kann nicht so weitergehen, sonst werden die Bürger sich gegen europäische Integration auflehnen. Das macht mir große Sorgen.

Linktipp: Piketty hat viele seiner ökonomischen Daten auf seiner Webseite veröffentlicht, zu seinem Buch und anderen Forschungen.