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Auf den Spuren der Wut:München: "Was wäre, wenn niemand Nein sagt?" (3)

Leerstehendes Haus im Münchner Westend: "Wir sollten da mal eine Diskussion anregen"

(Foto: Stephan Rumpf)

Wut über soziale Ungleichheit in einer reichen Stadt wie München? Die gibt es - vor allem wegen horrender Mieten.

Wenn sich die Wut bei einem freundlichen jungen Mann zeigt, dann läuft etwas schief - oder richtig. Kerem Schamberger, 30, hat gerade sein Studium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität beendet und möchte weiter in der Wissenschaft arbeiten. Seit Jahren aber versteht er sich vorrangig als linker Aktivist, unter anderem in der "Aktionsgruppe Untergiesing". Eine überparteiliche Gruppierung, die sich seit ein paar Jahren gegen die Gentrifizierung des alten Münchner Arbeiter-Stadtviertels stemmt. An diesem verregneten Mittwochabend sind fünf Frauen und zwei Männer in einem kleinen Raum versammelt. Einer der Diskutanten ist Kerem Schamberger.

Gerade geht es in der "Aktionsgruppe Untergiesing" darum, dass ein ganzes Carré grundsaniert und teilweise abgerissen werden soll. Hier gleich ums Eck. Die Gebäude direkt am Mittleren Ring, an einer vielbefahrenen Einfallstraße, sehen schäbig aus. "Wir sind nicht dafür, dass die Wohnungen unrenoviert bleiben, sondern dagegen, dass sie nach der Sanierung aus der Sozialbindung fallen", sagt Schamberger. Da würden die Armen in der reichen Stadt vertrieben, ergänzt der schon gegen Franz Josef Strauß kampferprobte Architekt Christian. Der Endfünfziger mit grauen Haaren bietet sich sofort nach Sitzungsbeginn an, das Protokoll zu schreiben. Revolution ohne Protokoll geht nicht in Deutschland.

Der "übermächtige" Gegner sind hier die Investoren oder "Spekulanten, die an der Kapitallogik orientierten großen Konzerne". "Man ändert die Gesellschaft nur, wenn man sie auf Ungerechtigkeiten hinweist", sagt Schamberger. Zum Thema Mieten fügt er hinzu: "Wir schreien ja nicht nach Enteignung, aber wir sagen den Menschen: Überlegt mal, wer euch hier raushaben will." Tatsächlich geht es darum, dass eine Wohnung mit 131 Quadratmetern, die derzeit 740 Euro Kaltmiete pro Monat kostet, nach der Sanierung 2380 Euro kosten soll. Das Aktionsbündnis Untergiesing vereinbart einstimmig, mit den Anwohnern sprechen zu wollen.

"Keiner bekommt den Arsch hoch"

Nur: Das kann auch frustrierend sein. "Bei der letzten Bürgeranhörung haben sich die Leute nur über fehlende Parklätze beschwert." Es gehe, so sagen alle, vielen Menschen hier nur "um die eigenen kleinen Pfründe". Die Gruppenmitglieder beklagen, dass die Menschen zu ihnen kommen und sagen: "Ganz toll, was ihr hier macht." Aber dann sagten sie auch, dass bringe doch nichts. "Keiner bekommt den Arsch hoch."

In München hat es die Wut über soziale Ungerechtigkeit nicht leicht. Vielleicht ist die Stadt zu wohlhabend, vielleicht sind die, die kein Geld haben, zu still. Aber wenn sich in München jemand über die bestehenden Verhältnisse aufregt, dann stehen die horrenden Mieten und der knappe Wohnraum im Mittelpunkt. Melanie sagt, dass sie "unsere Aufgabe nicht darin sieht, jeden einzelnen Menschen zu retten. Aber wir müssen was machen!" Jetzt ist er in Untergiesing da, der Punkt, wenn Wut in Frust umzuschlagen droht.

Irgendjemand muss diesen Kampf ja führen

Kathi meldet sich zu Wort, eine Frau Anfang 40 mit Holzfällerhemd und Raucherstimme. Sie sagt über ein seit Jahrzehnten leerstehendes Haus im Stadtviertel Westend: "Ich hoffe, dass das mal besetzt wird." Nur: In München, in Bayern gibt es seit Strauß' Zeiten ein ehernes Gesetz, dass Häuser innerhalb der ersten 24 Stunden nach Besetzung geräumt werden. Christian wirft ein: "Wir sollten da mal eine Diskussion anregen." Man kennt sie, die fruchtlosen Diskussionen von der Schülervertretung, den Studentenparlamenten und auf lokaler Parteiebene. Demokratie in den Niederungen kann unbeschreiblich mühselig, kleinteilig und manchmal auch kleinkariert sein.

"Wir sind eingefleischte Berufsdemonstranten", sagt Schamberger und grinst seinen Freund Benjamin Ruß an. Der 29-Jährige ist Geograf und Städtebauer und derzeit arbeitslos. "Auch weil ich lieber politisch aktiv sein will." Warum er Wut in sich spüre? Das müsse etwas mit seiner Sozialisation zu tun haben, sagt Ruß. Er stammt aus einer Familie mit Migrationshintergrund und erlebte Armut in seiner Kindheit.

Ruß sagt, dass es überall Probleme gebe, aber es schwierig sei, die Leute zu mobilisieren. "Aber wenn sich so viele darüber beschweren, dann muss man sich doch überlegen, dass da etwas grundsätzlich falsch läuft." Schamberger ergänzt: "Was wäre, wenn wir nicht da wären? Wenn niemand Nein sagt?" Derzeit könnten diesen Kampf um die Köpfe der Menschen rechte Gruppierungen besser führen, weil sie stark vereinfachen würden. Im Grunde bestehe kaum Hoffnung, sagt Kerem Schamberger leicht resigniert. "Und trotzdem", fügt er mit einem Lächeln hinzu, "trotzdem führen wir diesen Kampf. Irgendjemand muss es ja tun."

Hier geht es zurück zu Station 2 der Reportage Auf den Spuren der Wut in Berlin:

Ungleichheit in Deutschland Berlin: Wut als Proseminar (2)
Die Recherche

Auf den Spuren der Wut

Berlin: Wut als Proseminar (2)

Arbeitslose machen keine Revolution, heißt es immer. Brauchen sie Leute, die stellvertretend den Protest übernehmen? Beobachtungen in Berlin.   Von Kristiana Ludwig

Und hier zu Station 1 in Iserlohn und Bielefeld:

Ungleichheit in Deutschland "Ich würde zuschlagen, wenn ich könnte"
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Auf den Spuren der Wut (1)

"Ich würde zuschlagen, wenn ich könnte"

Viele Deutsche leben am Existenzminimum. Ihre Wut frisst sich in die Gesellschaft - eine Spurensuche.   Von Hans von der Hagen