Auf den Spuren der Wut (1):Menschen am Siedepunkt

Während Wockelmann das erzählt, gesellt sich Timo Saul dazu. Er ist 46 Jahre alt, bekommt ebenfalls Hartz IV und arbeitet bei Aufrecht. Er erzählt, wie Hartz IV die Leute immer wieder an den "Siedepunkt" bringe. Das Jobcenter kenne nur eine Formulierung: "Wenn du nicht, . . . dann . . ." Eingezäunt von Sanktionsdrohungen bis hin zur Haft werde den Arbeitslosen zugleich von der Öffentlichkeit und mitunter auch den Behörden signalisiert, dass sie überflüssig seien und ihnen trotzdem noch das "Geld in den Arsch geschoben" werde.

Am Ende "versumpfen die Menschen einfach", sagt Saul. "Die machen nicht mal mehr ihre Post auf. Die sind wie in einer Blase. Aus der schauen sie zwar noch heraus, aber sie bleibt zu, bis sie platzt."

Gibt es eine Lösung? Wockelmann hat eine Antwort parat: "Was bringt es, wenn das Jobcenter die Leute zwingt, 480 Stunden lang Bewerbungen zu trainieren. Das ist doch irre. Wenn man sich diesen Quatsch spart, kann man auch das bedingungslose Grundeinkommen finanzieren." Ein fester Betrag für jeden Bürger, der ohne Gegenleistung gezahlt werde, gebe den Menschen zumindest die Würde zurück.

Die Reise geht weiter nach Bielefeld. Hier an der Universität arbeitet Wilhelm Heitmeyer am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Jahrelang hat er es geleitet, mittlerweile ist er dort mit seinen 71 Jahren Senior Research Professor.

"Jargon der Verachtung"

So jemand sollte beurteilen können, warum im reichen Deutschland Menschen dem Staat kündigen. Heitmeyer sagt, wer diesen Schritt mache, fühle sich nicht mehr anerkannt und darum nicht mehr zugehörig. Das Kündigen bedeute, dass man wenigstens noch ein letztes Mal eine aktive Rolle einnehme. "Ich bin jetzt derjenige, der rausgeht. Ich habe die Nase voll. Und nicht der Staat schmeißt mich raus", erklärt er. Es sei der letzte Versuch, zu einem positiven Selbstbild zu kommen, das aus der Sicht Heitmeyer überlebenswichtig ist.

Zu oft würden Arbeitslose mit dem "Jargon der Verachtung" konfrontiert. Er erinnert an eine Broschüre des Bundeswirtschaftsministeriums. Erschienen 2005, in dem Jahr also, in dem Hartz IV in Kraft trat. Betitelt war sie mit "Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, 'Abzocke' und Selbstbedienung im Sozialstaat", und eine Passage darin ging so: "Biologen verwenden für 'Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen - ihren Wirten - leben', übereinstimmend die Bezeichnung 'Parasiten'." Heitmeyer spricht sehr ruhig, doch man merkt ihm die Empörung über die Formulierung in dieser Broschüre an, für die der damalige SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement die Einleitung formuliert hatte. In Deutschland sei die Kultur der Anerkennung verloren gegangen, weil im autoritären Kapitalismus Konkurrenz das bestimmende Prinzip geworden sei. Das habe die Gesellschaft vergiftet.

Denen, die nicht mehr mithalten könnten, bliebe nur Wut, die aber kein Ventil fände: "Wo soll man denn hinschlagen? Wer ist der Staat? Sind es die Mitarbeiter in den Jobcentern, die selbst eingemauert sind in Paragrafen-Gerüste?"

Wut, die in Apathie versinkt

Die zunehmende Aggressivität in der Gesellschaft mache sich nicht nur in den Jobcentern bemerkbar, sondern erodiere die Regeln des Zusammenlebens. "Selbst die Notaufnahmestationen in Krankenhäusern versorgen sich mittlerweile mit Pfefferspray." Aber die Wut, die so viele empfänden, sei keine proaktive Wut, die auch Energie freisetze, Dinge zu verändern. Sondern eine Wut, die meist in Apathie versinke, gerade bei Langzeitarbeitslosen.

Das große Problem: Niemand habe eine Antwort auf die Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollten. Deshalb habe in den vergangenen Jahren ein Begriff "wahnsinnig Karriere gemacht und ist deshalb hochgefährlich": Die Beschwörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Das sei der letzte Versuch eines gesellschaftlichen Allesklebers und Beleg dafür, dass man nicht mehr weiterwisse.

Schafft es Deutschland also nicht, wieder zusammenzuwachsen? Heitmeyer sieht keine Lösung. Zumindest keine gute. "Es ist ja durchaus ein Zynismus, dass sich eine Gesellschaft stabilisiert, indem sie bestimmte Gruppen zu Randgruppen macht. Als Warnhinweis: Strengt euch an Leute, sonst seid ihr auch da unten." Der einflussreiche amerikanische Journalist Paul Samuelson habe Angst als unabdingbar für den gesellschaftlichen Fortschritt gesehen. Als gesellschaftlichen Fortschritt verkauften Politiker auch das Angstsystem Hartz IV, glaubt Heitmeyer.

Der Besuch bei dem Professor ist schon vorbei, als auf der Rückfahrt mit dem Zug plötzlich eine Mail eintrifft. Er schreibt: "Beim späteren Nachdenken ist mir aufgefallen, dass wir einen wesentlichen Punkt ausgelassen hatten: Bedingungsloses Grundeinkommen wäre die weitreichendste Maßnahme einer Würde sichernden Gesellschaft, die auch das leere Gerede, um nicht zu sagen, das verzweifelte Betteln von politischen Eliten um sozialen Zusammenhalt als Scheinlösung eines 'gesellschaftlichen Allesklebers' überflüssig machen würde."

Hier geht es zu Station 2 der Reportage Auf den Spuren der Wut:

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