Süddeutsche Zeitung

Ungleichheit:Breite Mehrheit für Vermögensteuer

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Laut einer Studie ist die Forderung nach einem höheren Beitrag von Wohlhabenden sehr populär, denn sehr viele empfinden die Verhältnisse als ungerecht. Heikel aber wird es bei der Frage, wer einen eigenen Beitrag dazu leisten will.

Von Roland Preuß, Berlin

Wenn es darum geht, wer wie viel besitzt und wer hohe Einkommen verbucht, scheinen die meisten in Deutschland Sozialisten zu sein. Fast drei Viertel der Bürger empfinden die sozialen Unterschiede im Land als ungerecht, noch mehr Menschen zweifeln daran, dass die wirtschaftlichen Gewinne "heute in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht verteilt" werden. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die in der Nacht zum Freitag veröffentlicht werden sollte und die der SZ vorab vorlag.

Fast 5000 Menschen waren im vergangenen Herbst dafür befragt worden, die Stiftung wertete die Ergebnisse zusammen mit dem Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo aus, einer Einrichtung, die nicht im Verdacht linker Umtriebe steht. Umso mehr lassen einige Ergebnisse aufhorchen: So haben viele Bürgerinnen und Bürger offenbar den Glauben an die Leistungsgerechtigkeit verloren, jedenfalls stimmte nur etwa jeder Vierte der These zu, man werde in Deutschland entsprechend seiner Leistung vergütet. Beides, die Zweifel an einer gerechten Verteilung des Wohlstandes und an einer gerechten Bemessung der Einkommen, stellt das Selbstverständnis der sozialen Marktwirtschaft infrage, sowohl für Leistung als auch für sozialen Ausgleich zu stehen. Eine breite Mehrheit fühlt sich ungerecht behandelt.

Und so findet sich auch eine große Anhängerschaft für staatliche Eingriffe. Gut 70 Prozent der Befragten wollen, dass Besserverdiener in Deutschland eine höhere Einkommensteuer zahlen, mehr als drei Viertel fordern, dass Wohlhabende stärker herangezogen werden durch eine Vermögensteuer. Demnach gibt es eine überwältigende Unterstützung für SPD, Grüne und Linke, die eben dies seit Langem fordern. In der regierenden Koalition jedoch wurden diese Wünsche durch die FDP abgeblockt.

Man kann dies kritisieren als Glaubwürdigkeitsproblem der Politik, denn sie setzt offenbar den Mehrheitswunsch in der Bevölkerung nicht um. Ein Glaubwürdigkeitsproblem müssen sich jedoch auch viele Bürger attestieren lassen. Bei der Frage, ob man bereit wäre, mehr Steuern zu zahlen, wenn ärmere Menschen dafür mehr Unterstützung vom Staat bekommen, schrumpft die Zustimmung zusammen auf ein gutes Drittel (37 Prozent). Reich sind vor allem die anderen. Die Bereitschaft, über höhere Steuern etwas gegen die Ungleichheit im Land zu tun, sinkt mit höherem Einkommen. Menschen, die mindestens 3000 Euro im Monat zur Verfügung haben, lehnen dies deutlich häufiger ab als Geringverdiener mit höchstens 1000 Euro Gehaltseingang.

Die Meinungen fragten die Forscher im Herbst 2021 ab, also in einer Zeit der Corona-Einschränkungen, die Verluste an Einkommen und Freiheit mit sich brachten. Er rechne nicht damit, dass das weitverbreitete Gefühl ungerechter Verteilung sich verflüchtigt habe mit geringeren Infektionszahlen und weniger Corona-Auflagen, sagt Kai Unzicker, einer der Autoren der Studie. In der jetzigen Situation, in der durch höhere Energiepreise der Wohlstand vieler Bürger bedroht sei, "ist eher davon auszugehen, dass die gefühlte Ungerechtigkeit sogar noch weiter zunehmen könnte", sagt Unzicker.

Die Forschenden können übrigens auch sagen, wer besonders zufrieden ist mit den Verhältnissen im Land: Es sind Menschen mit höherem Einkommen, hohen Bildungsabschlüssen und Männer. Bürger mit Niedriglöhnen, niedrigeren Abschlüssen und Frauen dagegen sehen die Lage im Schnitt deutlich düsterer.

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