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Umweltschutz fürs Image:Aldis neue Kleider

  • Der Discounter Aldi will bis 2020 auf giftige Chemikalien in Textilien verzichten.
  • Dazu arbeitet die Supermarktkette mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace zusammen - bisher ein scharfer Aldi-Kritiker.
  • Auch andere Handelsketten beugen sich inzwischen ihrem Druck.

Deutschlands größter Lebensmitteldiscounter Aldi will ein Zeichen setzen: Bis 2020 will der Händler seine Umweltstandards erhöhen und auf giftige Chemie in Textilien und Schuhen verzichten. Ungewöhnlich ist dieser Vorstoß schon allein deshalb, weil Aldi vor allem für eines bekannt ist, für billige Produkte - und zwar ganz egal, woher die nun stammen und wie sie produziert werden. Als Umweltschützer hat sich der Discounter, der aus den beiden unabhängig geführten Gesellschaften Aldi Nord und Aldi Süd besteht, bisher nicht hervorgetan.

Kooperation mit Greenpeace

Erstaunlich ist aber auch, dass Aldi dabei eng mit Greenpeace zusammenarbeitet, ausgerechnet der Umweltschutzorganisation von der der Händler in der Vergangenheit immer wieder Prügel bezogen hat. So haben etwa Umweltschützer im vergangenen Jahr Kinderkleidung und -schuhe verschiedener Discounter auf Schadstoffe getestet. In dem Urteil von Greenpeace waren dabei besonders Aldi Nord und Aldi Süd schlecht weggekommen.

Gemeinsam sei nun ein Kriterienkatalog erarbeitet worden, in welchem anspruchsvolle und ökologische Standards definiert seien, teilte Aldi mit. Der Aktionsplan sehe vor, stufenweise bis 2020 auf den Einsatz bestimmter Chemikalien zu verzichten. Das Lob von Greenpeace ließ nicht lange auf sich warten: Aldi habe erkannt, dass Textilien und Schuhe ohne giftige Chemie produziert werden müssten.

Die Kritiker sind mächtig geworden

Aldi ist nicht das erste Unternehmen, das auf die Kritik von Greenpeace reagiert Konkurrent Lidl hat bereits im vergangenen Dezember zugesichert, dass er bis 2020 auf giftige Chemikalien in Kleidern und Schuhen verzichten will. Im Visier der Umweltschützer befinden sich zudem Modeketten, darunter bekannte Marken wie H&M, Primark oder Mango. Auch diese gelobten Besserung.

Die Kooperation zwischen Aldi und Greenpeace sorgt auch deshalb für Aufsehen, weil sie ein Zeichen dafür ist, wie stark der Einfluss von sogenannten NGOs auf die Wirtschaft inzwischen ist. Das Kürzel NGO steht für "Non Governmental Organisation" und ist der Überbegriff für regierungsunabhängige Organisationen, die sich etwa dem Schutz von Umwelt oder Verbrauchern verschrieben haben. Verbände wie Greenpeace, WWF oder Foodwatch sind zu einer heimlichen Macht, einer Art unabhängigen Kontrollinstanz der Wirtschaftswelt geworden. Kaum ein Unternehmen traut sich, ihre Kritik zu ignorieren. Das zeigen auch Beispiele aus anderen Branchen. Eine Kampagne von Foodwatch brachte vor drei Jahren die Finanzwelt in Bedrängnis, die Organisation warf den Instituten vor, sie würden mit ihren Spekulationsgeschäften im Agrarsektor den Hunger auf der Welt verschärfen. Darauf kündigten diverse Banken an, sie wollten künftig auf diese Geschäfte verzichten. Die Deutsche Bank gehörte zu den wenigen, die sich standhaft weigerte - und wurde dafür heftig angefeindet.

Sturheit wird bestraft, Einsicht kann sich lohnen

Das kann fatale Konsequenzen haben. Eine negative Resonanz in Medien kostet Unternehmen nicht nur Umsatz und Gewinn, sondern kann zudem den mühsam aufgebauten Markennamen dauerhaft beschädigen. Das hat zum Beispiel der Lebensmittelkonzern Danone zu spüren bekommen. Für sein Actimel-Joghurt bekam er 2009 den "Goldener Windbeutel" verliehen, für die angeblich dreisteste Werbelüge des Jahres. Die Aktion hat dem Produkt nachhaltig geschadet und sie gilt seitdem als eines der Negativbeispiele in der Lebensmittelbranche für eine misslungene Kommunikationspolitik.

Viele Firmen holen sich deshalb professionelle Unterstützung bei Beraterfirmen wie Engel & Zimmermann in München. Vorstandsmitglied Frank Schroedter bestätigt, welch wichtigen Stellenwert die kritische Auseinandersetzung mit NGOs inzwischen für Firmen hat. "Man darf als Unternehmen die gesellschaftliche Realität nicht negieren", sagt er. Wer in Gesprächen mit NGOs nichts Substanzielles in der Hand habe, erhöhe die Gefahr zum Gegenstand von Kampagnen zu werden.

Firmen können von Kooperationen mit Greenpeace und Co. aber durchaus auch profitieren. "Firmen, die bereit sind, dazuzulernen, können ihre Produkte verbessern und auf die internationale Expertise zurückgreifen, wenn es etwa darum geht Rohstoffe auf dem internationalen Markt zu beschaffen", sagt ein Vertreter aus der Lebensmittelbranche. "Das ist dann eine Win-win-Situation."

© SZ vom 01.04.2015/sry

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