Luftqualität:Lang lebe der Grenzwert

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Luftqualität: Messsensoren für Luftmessungen in der Corneliusstraße in Düsseldorf.

Messsensoren für Luftmessungen in der Corneliusstraße in Düsseldorf.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Wer hätte das gedacht: Deutschlands Städte erfüllen fast durch die Bank Europas Normen für gute Luft. Dummerweise fängt die Arbeit damit erst an.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Wie haben Europas Vorgaben für bessere Luft vor ein paar Jahren noch die Fantasie angeheizt! Auto-Ingenieure verwandten viel Hirn darauf, die Abgastests ihrer Motoren auszutricksen. Städte überlegten, Messstationen in verkehrsschwache Gegenden zu verlegen, weg von der schlechten Luft. Aus der Politik wurden Zweifel an den Grenzwerten laut: Sind die vielleicht zu hoch, wenn sie sich partout nicht einhalten lassen? Wenige Jahre ist das her, und nun das: Fast alle deutschen Städte halten die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub ein. Zwei Jahre vielleicht noch, dann ist das Thema schlechte Luft auch an der letzten Durchgangsstraße vom Tisch.

Jedenfalls nach den geltenden Grenzwerten.

Nach all dem Streit über Umweltzonen, Fahrverbote und Betrugs-Software lehrt dieser Erfolg: Grenzwerte sind keine Schikane, sie sind Ansporn. Beim Feinstaub etwa führten sie über Umweltzonen und die Nachrüstung von Rußpartikelfiltern zu deren serienmäßigen Einbau. Das Thema Stickoxide erledigten, jenseits übler Tricksereien, neue Abgasnormen und Testverfahren; und damit letztlich die Erneuerung der Fahrzeugflotte. Der Erfolg ist auch nicht abstrakt, sondern spürbar für alle, die entlang der großen Einfallstraßen wohnen und nicht selten wohnen müssen, weil sie sich bessere Wohnlagen nicht leisten können. Er ist auch ein Erfolg für die Kleinsten, deren Nasen naturgemäß eher auf Höhe der Auspuffrohre sind als die ihrer Eltern. Ist Deutschland damit am Ziel? Das nicht.

Diesem Ziel - gesunde, unbedenkliche Atemluft - läuft das Land hinterher, seit es Umweltgesetzgebung kennt. "Maßstab jeder Umweltpolitik", so hieß es im ersten deutschen Umweltprogramm, "ist der Schutz der Würde des Menschen, die bedroht ist, wenn seine Gesundheit und sein Wohlbefinden jetzt oder in Zukunft gefährdet werden." Gut 50 Jahre ist das her, doch aus der Welt ist diese Gefahr bis heute nicht. Sie lässt sich nur nicht mehr so riechen, fühlen oder schmecken wie einst. Messbar aber ist sie immer noch: Sei es in der Luft in Form von Feinstaub, im Wasser als Nitrat, im Boden als Stickstoff. Jeder Grenzwert wird so zwangsläufig zum moving target, zum beweglichen Ziel: Man kann ihn erreichen - und ist doch noch nie ganz fertig.

Oft braucht es den sanften Druck der Umweltvorschrift, damit die Dinge sich ändern

In Sachen Luft hat die Weltgesundheitsorganisation WHO ihre Empfehlungen im vorigen Jahr noch einmal deutlich verschärft, sie sind nun um ein Vielfaches strenger als alles, was die EU bisher verlangt. Aus gutem Grund: Feinstäube und Stickoxide bleiben eine Last für Gesundheit und Wohlbefinden. Und was ihre Minderung angeht, gibt es, wenn man so sagen darf, immer noch Luft nach oben.

Allerdings führt das unweigerlich zu Problemen, die sich rein technisch nicht mehr lösen lassen. Stimmt schon: Ein wachsender Anteil von Elektroautos wird zwangsläufig die Fahrzeugemissionen senken. Feinstaub aus Kaminen oder Pelletheizungen lässt sich filtern. Was aber wird mit dem Reifenabrieb? Mit den Ammoniak-Emissionen aus der Tierhaltung, die ebenfalls Feinstaub erzeugen?

So zahlen auch vermeintlich unbedeutende Grenzwerte auf eine große Frage ein: Wie soll dieses Land künftig aussehen? Wie viel Autoverkehr vertragen Städte, in denen auch Fußgänger sich wohlfühlen? Wie grün müssen sie sein, für gute Luft und gutes Stadtklima? Wie eng muss es in deutschen Ställen zugehen, wie viel Fleisch braucht dieses Land? Denn hohe Lebensqualität liegt eben auch jenseits von Steaks und freier Fahrt. Vielen ist das klar. Dennoch braucht es oft den sanften Druck der Umweltvorschrift, damit die Dinge sich ändern.

Die Debatten der Vergangenheit lehren noch eins: Wer Umweltnormen scheut, sie aushöhlen und umgehen will, der schadet nicht allein Luft, Wasser, Böden und Klima. Sondern letzten Endes sich selbst.

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