Börsen:Gut fürs Klima, aber schlecht für den Börsenwert

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Börsen: Die Bundesbank hat untersucht, wie sich die Energiewende auf die Börsenkurse vieler Unternehmen auswirken könnte. Im Bild: Die Zentrale in Frankfurt a. Main.

Die Bundesbank hat untersucht, wie sich die Energiewende auf die Börsenkurse vieler Unternehmen auswirken könnte. Im Bild: Die Zentrale in Frankfurt a. Main.

(Foto: Mehrl/Imago)

Bundesbank warnt vor Kursverlusten, wenn die Kosten für den Ausstoß von Treibhausgasen steigen. Die Warnung kommt an einem Tag, an dem der Dax an die vier Prozent verliert.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Es gibt diese dunklen Börsentage, die kommen aus heiterem Himmel. So auch an diesem Montag. Da fiel der deutsche Aktienleitindex Dax zwischenzeitlich um fast vier Prozent, das ist der höchste Verlust seit November. Die Anleger sagen, man fürchte sich vor einem Zinsanstieg, und natürlich sorge auch der Ukraine-Konflikt für Unruhe. Diese Art von Kurskapriolen passieren hin und wieder - sie sind Teil des täglichen Börsengeschäfts. Und wenn es dann passiert, dann liegen die Nerven blank.

Kaufen? Verkaufen? Und vor allem: Wie geht es am nächsten Tag weiter?

Und dann gibt es noch diese langfristigen Finanzmarktrisiken, über die sich Experten schon lange im Voraus Gedanken machen. So zum Beispiel bei der Frage, wie sich Klimapolitik und Energiewende auf die Börsenkurse auswirken könnten. Eine Frage, die die Bundesbank nun in einer Studie untersucht hat. Und feststellt: Es sei "damit zu rechnen, dass Unternehmen entsprechend ihres ökologischen Fußabdrucks und ihrer Kostentragfähigkeit neu bewertet werden", heißt es im Monatsbericht, der am Montag veröffentlicht wurde. Anders formuliert: An den Börsen könnte es mittelfristig zu Kursturbulenzen kommen. Der Grund: So wichtig die Verteuerung des Schadstoffausstoßes für die Erreichung der Pariser Klimaziele auch sein mag - die steigenden Kosten werden Unternehmen und Finanzinstitute belasten, und einige womöglich überlasten.

Die Experten der Bundesbank haben die möglichen Börsenkursverluste von 5285 Aktiengesellschaften in 75 Ländern untersucht. Das Wertpapierensemble entspricht mehr als der Hälfte der globalen Marktkapitalisierung - die Unternehmen sind für 17 bis 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Wie vertragen diese Firmen den politisch gewollten Anstieg der Preise für Treibhausgase? Antwort: Rund 15 Prozent aller untersuchten Unternehmen "erleiden infolge höherer Emissionskosten Verluste von mehr als der Hälfte des Unternehmenswertes", so die Bundesbank. Die versöhnliche Nachricht ist: Die allermeisten Firmen (rund 80 Prozent) müssten aufgrund der steigenden Kosten für Treibhausgasemissionen maximal mit einem Kursverlust von vier Prozent rechnen.

Über die monetären Effekte der Klimapolitik lässt sich trefflich debattieren. Zuletzt warnte die EZB, dass die Transformation der Wirtschaft zu höheren Preisen im Warenkorb führen könne. Die internationalen Finanzmärkte sollen die Klimaneutralität begleiten. Mit der geplanten Einführung der EU-Taxonomie bekommen sie bald Regeln an die Hand, welche Wirtschaftssektoren "grün" sind. Der aktuelle Streit darüber, ob Gas und Atomkraft "grün" sind, zeigt wie schwierig die Sache werden könnte. Schon jetzt beklagen Experten "Greenwashing". Der Vorwurf: Einige Banken und Fondsgesellschaften verkaufen ihre Produkte als "grün und nachhaltig", obwohl sie es nicht sind. Dennoch ist das Interesse an nachhaltigen ESG-Fonds immens, was die Kurse nach oben getrieben hat. Mancher Experte befürchtet deshalb eine gefährliche Preisblase.

Die Bundesbank-Studie stellt fest, dass die Kurseffekte höherer CO₂-Preise je nach Wirtschaftssektor unterschiedlich ausfallen. Unternehmen mit hohen Emissionskosten oder geringer Kostentragfähigkeit leiden mehr als andere. Besonders schwer würden es Firmen haben, deren Geschäftsfelder auf fossile Energieträger ausgerichtet sind, etwa Fluggesellschaften sowie die Kohle-, Stahl- und Zementindustrie.

Vor allem aus diesen Sektoren könnten einige Börsenunternehmen durch Kostenüberlastung für den Treibhausgasausstoß auch sehr schnell vom Markt verschwinden. Der Fachbegriff dafür lautet "stranden", was einer völligen Entwertung der betroffenen Firma gleichkommt. Die Bundesbank schätzt, dass sich im schlimmsten Fall bis zu 4,4 Billionen Euro Marktwert in Luft auflösen könnten.

Die Bundesbank weist darauf hin, dass es sich nicht um Prognosen, sondern um mögliche Szenarien handelt: Der Schaden für den Börsenkurs hänge zum einen von den politischen Rahmenbedingungen ab, zum anderen davon, ob Firmen die Zusatzkosten auf Kunden überwälzen können.

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