Umstrittenes Gift Der Streit um Glyphosat schadet Bauern und Verbrauchern

Ein Landwirt trägt einen Kanister mit Pflanzenschutzmittel mit Glyphosat.

(Foto: dpa)

Landwirte müssen endlich das Image der Giftmischer loswerden. Sie sollten eine sachliche Debatte über ihre Zukunft einfordern.

Gastkommentar von Carl Dohme

Die Landwirtschaft ist mehr als je zuvor zum Spielball politischer Interessen geworden. Das verdeutlicht vor allem der geradezu bizarr anmutende Konflikt um die Zulassungsverlängerung des Wirkstoffs Glyphosat. Keine bedeutende Partei verlangt, dass die Landwirtschaft komplett auf eine ökologische Wirtschaftsweise umgestellt wird. Trotzdem ging es in der öffentlichen Debatte um das Unkrautvernichtungsmittel weder darum, den Einsatz zu verringern, noch darum, die Anwendung von Glyphosat zu beschränken, sondern nur um ein Ganz-oder-gar-nicht.

Kurz bevor die Fachminister in Brüssel erstmals über die Wiederzulassung abstimmen wollten, hatte es noch danach ausgesehen, als sei in der großen Koalition ein Kompromiss gefunden worden: Der Wirkstoff wird für weitere zehn Jahre zugelassen, dessen Anwendung aber erheblich eingeschränkt. Doch dann begann die Kampagne zu einer möglichen Krebsgefahr durch Glyphosat, und das Bundesumweltministerium verweigerte seine Zustimmung. Das führte zu einer monatelangen Hängepartie in Brüssel, die erst durch den Alleingang von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt im vergangenen November ausgehebelt wurde. Als Landwirt empfinde ich Genugtuung über das Schmidtsche Vorgehen, denn Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hatte sich zuvor jeglichem Kompromiss verweigert - aus politischem Kalkül.

Carl Dohme

Der 43-Jährige Autor ist Rechtsanwalt und Landwirt. Mit seiner Frau führt er einen Hof in Großenwieden. Dohme ist zudem Geschäftsführer des Landvolkverbandes in Hannover.

Trotzdem kann ich mich nicht freuen, dass der Einsatz des Wirkstoffs nun verlängert worden ist. Die Kampagnen der Glyphosat-Gegner sind nicht wirkungslos geblieben, sie haben den Ruf dieses für die Landwirtschaft wichtigen Mittels auf Jahre zerstört; sein Einsatz wird auch in Zukunft heftig debattiert werden, so, als hinge die Zukunft der Menschheit davon ab. In diesem Getöse geht die sachliche Debatte darüber, wie das Mittel am besten einzusetzen wäre, unter. Ich setze selbst Glyphosat ein und bin irritiert von dem Bild, dass in der Öffentlichkeit von Landwirten wie mir geschaffen wird. Demnach bin ich ein Monsanto-höriger Umweltzerstörer, der sich und andere aus Profitgier einer latenten Krebsgefahr aussetzt. Dass Gegenargumente angesichts solcher Vorurteile nicht gehört werden, ist wenig verwunderlich.

Dabei spricht einiges dafür, Glyphosat nach klaren fachlichen Richtlinien einzusetzen. Da wäre zu allererst die Tatsache, dass das Mittel außerhalb Europas bedenkenlos und in großen Mengen eingesetzt wird. Dies wird sich in naher Zukunft auch nicht ändern. Die Landwirte dort würden sich für einen staatlich verordneten Wettbewerbsnachteil der Europäer natürlich sehr bedanken. Zudem ist sich die Wissenschaft mittlerweile einig, dass von dem Wirkstoff bei sachgerechter Anwendung keine Krebsgefahr ausgeht. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, dass sich bei einem Verzicht auf Glyphosat die Insektenpopulation erholen würde. Es leuchtet auch nicht ein, warum ein mehrfach mit einem Grubber bearbeiteter Acker besser für Insekten sein soll, als ein mit Glyphosat behandelter. In beiden Fällen wird das Unkraut vernichtet.

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Fest steht dagegen eine Reihe nachteiliger Folgen für den Umwelt- und den Klimaschutz sollte Glyphosat verboten werden: In Hanglagen wird es durch die vermehrte mechanische Bodenbearbeitung wieder zu Erosionen kommen. Äcker müssen ohne Glyphosat mehrmals bearbeitet werden, die Traktoren verbrauchen mehr Diesel und die Böden müsse stärker gedüngt werden. Jede Bearbeitung des Bodens verringert zudem dessen Fruchtbarkeit, setzt Treibhausgase frei, zerstört Leben im Boden und schmälert dessen Eigenschaft als Wasserspeicher. Nicht zuletzt würde ein Glyphosatverbot vermehrt zum Einsatz anderer Herbizide führen, die aufgrund ihrer schlechteren Wirkung eventuell in größeren Mengen eingesetzt werden müssten. Durch ein Verbot von Glyphosat wäre also nichts gewonnen.

Diese Argumente verhallen jedoch, weil der Wirkstoff zum Synonym für all das Schlechte in der Landwirtschaft gemacht geworden ist, von dem uns die viel beschworene Agrarwende befreien soll. Man könnte als Landwirt den Eindruck gewinnen, dass die Agrarwende nach dem Atomausstieg zum nächsten strategischen Projekt erkoren wurde, welches den Grünen über Jahre ihre Daseinsberechtigung und den Umwelt- und Tierschutzorganisationen ihre Spendenmillionen sichern soll. Ein solches Projekt wird allerdings scheitern, wenn die Akteure ihre Strategie der Diffamierung des weit überwiegenden Teils der Agrarbranche nicht aufgeben. Scheitern allein deswegen, weil sich die nächsten Generationen der Landwirte nicht werden vorschreiben lassen, wie sie zu wirtschaften haben. Sie werden die Höfe ihrer Eltern einfach nicht weiterführen, sondern in andere Branchen wechseln - Branchen in denen Leute, die keinen Feierabend kennen, viel mehr Geld verdienen als in einer hochregulierten und von staatlichen Zuwendungen abhängenden Landwirtschaft. Die Landtagswahlen in Niedersachsen im Oktober waren ein Beleg dafür, dass die grüne Agrarwende in der Landwirtschaft keinen Rückhalt hat: Nicht einmal ein Prozent der Landwirte hat Grün gewählt; drei von vier Biobauern haben statistisch ihr Kreuz nicht bei den Grünen gemacht. Wie aber soll eine Agrarwende ohne die Bauern gelingen?

Vielen Höfen fehlt das ökonomische Fundament für ein Umdenken

Die harten Fronten in der Landwirtschaftpolitik macht alle Beteiligten zu Verlierern. Auch das illustriert das Beispiel Glyphosat: Verunsicherte Verbraucher, die staatlichen Institutionen nicht mehr trauen; fassungslose Landwirte, denen ein unbedenklicher Wirkstoff verboten werden soll; Naturschützer, die ihre Interessen der Agrarlobby geopfert sehen. Der durch Kampagnen befeuerte Glaubenskampf um die Landwirtschaft muss aufhören. Wir Landwirte sollten eine sachliche öffentliche Diskussion über unsere Zukunft einfordern und vom Image der Giftmischer wegkommen. Dafür werden wir vorlegen müssen: Wir sollten den chemischen Pflanzenschutz und den Düngemitteleinsatz auf das absolut notwendige Maß reduzieren. Wir müssen der Natur einen größeren Anteil unserer Fläche zur Verfügung stellen. Dazu gehört auch, ein Stück weit unser traditionelles Denken zu reformieren, aus jedem Quadratmeter unseres Bodens den optimalen Ertrag zu holen. Wir müssen Erfolge im Umwelt- und Naturschutz liefern und zu unseren machen.

Ich mahne dies in dem Bewusstsein an, dass ein solches Umdenken ein ökonomisches Fundament braucht, das viele bäuerliche Betriebe in Deutschland nicht haben. Diese Höfe auf dem Weg in die Zukunft mitzunehmen, ohne die anderen zu schwächen, wird die schwierigste Herausforderung für den Berufsstand.

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