Umsiedlung wegen Braunkohleabbau Es gibt Alternativen - "aber wir sollen wegen der Kohle weg?"

Rittel stellte gemeinsam mit den anderen Haidemühlern Bedingungen, nicht nur, was seine eigene Entschädigung betraf. Grundschule und Kita sollten gebaut, die Vereine großzügige Räume bekommen. Auf all das haben sich die Bewohner im "Haidemühler Vertrag" mit Vattenfall geeinigt. Sozialverträgliche Umsiedlung heißt es, wenn die Bürger daran beteiligt werden, wohin und unter welchen Bedingungen sie ihre Heimat verlassen. Trotzdem: Auf der einen Seite standen die Vermittlungsprofis von Vattenfall, auf der anderen Seite Laien. Für sie waren Entschädigungen von 200 000 Euro sehr viel Geld.

Rittel sagt, er ist froh, dass alles vorbei ist. Kurz nach dem Umzug hätten sich er und seine Familie mit Arbeit im Garten betäubt. Eine Zeitlang habe er vom Geruch des alten Hauses geträumt. Doch das sei vergangen. Er hat mit seiner zweiten Frau noch einmal Kinder bekommen, seine Großmutter ist gestorben. Im neuen Haidemühl entstehen neue Erinnerungen.

Widerstand

"Zu Hause bin ich hier nicht", sagt Günther Bartusch über das neue Haus in Proschim.

(Foto: Nakissa Salavati)

Günther Bartusch steht da in kurzer Jogginghose und Unterhemd und sieht trotzdem würdevoll aus. Der 84-Jährige fixiert sein Gegenüber mit Blicken, erhebt den Zeigefinger: "Sind Sie für oder gegen die Umsiedlung?" Er, so viel ist klar, ist dagegen.

Bartusch musste - genau wie die Wirths und Rittel - sein Haus der Kohle opfern. Obwohl er zwar nicht direkt in Haidemühl, aber seit seiner Geburt an der Ortsgrenze im Nachbardorf Proschim wohnte. Ins Neubaugebiet wollte er nicht ziehen, nun lebt er am anderen Ende seines Geburtsorts. Nicht weit genug weg von den Baggern, wie sich zeigt: 2026 soll nach Plänen von Vattenfall auch Proschim dem Tagebau Welzow Süd II weichen. Ein zweites Mal umsiedeln? "Das kann nicht sein. Das darf nicht sein", sagt er bestimmt, aber seine Schultern fallen ein. Eigentlich hätte er es ahnen können. Bereits während der Umsiedlung von Haidemühl war auch Proschim im Gespräch. Bartusch wollte aber unbedingt in seiner Heimat bleiben.

Es sind nur Momente der Hoffnungslosigkeit. Bartusch bekämpft sie, indem er an Protestcamps teilnimmt und sich mit anderen Widerständlern austauscht. Das sind seine Freunde, sagt er. Alle anderen nicht.

Günther Bartuschs Heimat, von Gras überwachsen: das Grundstück an der Grenze zu Haidemühl, wo einst sein Geburtshaus stand.

(Foto: Nakissa Salavati)

Mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel lebt auch er in einem Haus, das Vattenfall bezahlt hat, und sagt: "So schön's auch ist. Ich bin hier nicht zu Hause." Die Umsiedlung hat ihm, so empfindet es Bartusch, nicht nur die Heimat genommen: Seine Frau ist zwei Wochen nach dem Umzug gestorben, sie habe das nicht verkraftet. Er zögert nicht mit dieser Erzählung, er will zeigen, was ihn umgibt: Mit dem Auto umfährt er die Schranken, die der Konzern um das ehemalige Grundstück aufgestellt hat, klettert aus dem Pkw, stapft vorwärts, bleibt plötzlich stehen. "Hier war das Geburtshaus, da hat mein Sohn gelebt, dort war der Friseur, da hinten der Dorfladen", sagt Bartusch. Vor ihm erstreckt sich eine weite Fläche, mit hohem Gras bewachsen.

Er hat selbst Jahrzehnte in der Brikettfabrik gearbeitet, mit der Kohle sein Leben aufgebaut. Heute sagt er: "Wir haben mittlerweile Biokraftwerke, Windräder! Und sollen wegen der Kohle weg?" Das Energiewende-Paradox, von einem alten Mann im Unterhemd auf den Punkt gebracht.