Umsiedlung wegen Braunkohleabbau "Nicht eine Frage der Argumente, sondern der Macht"

Alles so schön neu: Ein Großteil der Alt-Haidemühler ist geschlossen umgezogen - in einen Ort, der wieder Haidemühl heißt.

(Foto: Nakissa Salavati)

Die Wirths erzählen: Vom Widerstand mancher Bewohner, dem sie sich nicht anschließen wollten. Von den Verhandlungen mit Vattenfall: Der Konzern entschädigt nach dem Prinzip, dass die Größe des alten Hauses taxiert und unabhängig von dessen Marktwert durch einen Neubau ersetzt wird. Details - wie etwa Bäume - sind Verhandlungssache. "Jeder hat privat mit dem Konzern ausgehandelt, was er als Entschädigung bekommt. Klar waren da diejenigen im Vorteil, die im Gemeinderat saßen, die Zugpferde der Umsiedlung." Über Entschädigungssummen sei nicht geredet worden, so hat es Vattenfall gefordert. Daran hätten sich alle gehalten, weil man ja vielleicht später doch noch eine Garage oder einen anderen Zaun heraushandeln musste. Da wollte man das Unternehmen nicht herausfordern, verschenken würde Vattenfall nämlich nichts, sagen die Wirths. Das Menschliche im Dorf habe gelitten, zermürbend sei das gewesen.

Wenn die beiden ihren täglichen Spaziergang machen - "für die Gesundheit" - dann laufen sie an all den bunten Neubauten vorbei, über die unverbrauchten Straßen, genießen die wohlige Ordnung. Das Neue sei jetzt ihre Heimat, sagen die Wirths. Dann zeigen sie noch ihre Sitzecke im Garten, zwischen ihren mitgebrachten alten Bäumen. Von dort aus können sie der Sonne beim Untergehen zuschauen. Das ging im alten Haidemühl nicht. Der Damm für die Briketteisenbahn versperrte ihnen die Sicht.

Kapitulation

Hagen Rittel ist nach der Umsiedlung sicher: In das alte Haidemühl zurückfahren, das will er nicht. Dann macht er es doch. Ausgerechnet in dem Augenblick, als ein Abrissbagger sein Haus zerstört, der Schornstein kracht aus dem Gebälk. Rittel knipst ein Foto. Und dann ist es auch gut so. Vorbei ist die Zeit im alten Ort, das Neue beginnt.

Hagen Rittel hat erst gekämpft, dann kapituliert und schließlich Bedingungen gestellt, auch für sein Haus in Neu-Haidemühl.

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Das war für Rittel nicht immer klar. Dass er kapituliert. Dass sein Protest gegen die Umsiedlung irgendwann in Akzeptanz, vielleicht sogar in Vorfreude umschlägt. Dass er nicht im ehemaligen Häuschen seiner Großmutter wohnen wird, sondern in einem Neubau mit Carport und großem Garten.

Der 48-jährige kämpfte lange im Gemeinderat gegen die Umsiedlung. So lange, bis er seine Meinung änderte. Einige hätten ihm das übel genommen, sähen ihn als Verräter, sagt Rittel. Das Umdenken kam, als das Dorf Horno nordöstlich von Cottbus wenige Jahre vor Haidemühl den Kampf gegen die Bagger verlor. Der Protest dort war laut gewesen, lauter als in Haidemühl. "Für mich wurde klar: Es ist nicht eine Frage der Argumente, sondern der Macht.", sagt Rittel.

Die SPD-geführte Landesregierung unter Manfred Stolpe stand im Fall Haidemühl dem Vorgängerkonzern von Vattenfall, der Laubag, nicht im Weg. Auch die heutige rot-rote Landesregierung hat sich für den Abbau des wichtigsten Energieträgers Deutschlands ausgesprochen, die Tagebauerweiterung Welzow Süd II durchgewinkt. Etwa 800 Menschen wären wieder von einer Umsiedlung betroffen.